Delirium eines Hobby-Jägers unter Kokain: Wenn bewaffnete Freizeit zur Gefahr für alle wird
Ein Problemjäger, eine Drückjagd auf Wildschweine, Hunde, die unkontrolliert über eine Landstrasse jagen, ein behinderter Fahrer, der einem Hund nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann. Und ein mit Kokain und Amphetaminen vollgepumpter Hobby-Jäger, der daraufhin ausrastet, den Mann verprügelt und sein Auto demoliert.

Genau dieses Szenario spielte sich Mitte Oktober im Département Tarn-et-Garonne in Südfrankreich ab.
Laut der Regionalzeitung La Dépêche wurde der Hobby-Jäger bei der Polizei positiv auf Kokain und Amphetamine getestet und steht nun vor Gericht.
Der Vorfall ist erschreckend, aber er fällt nicht vom Himmel. Er ist Symptom eines Systems, das es als normal ansieht, dass private Freizeitakteure mit Schusswaffen, Hunden, Alkohol und offenbar auch harten Drogen in Wäldern und entlang öffentlicher Wege operieren und dabei das Gewaltmonopol des Staates faktisch aushebeln.
Der Fall im Tarn-et-Garonne: Gewalt nach der Hobby-Jagd
Mitte Oktober 2025 nimmt der Mann an einer Hobby-Jagd auf Wildschweine teil. Die Jagdhunde überqueren eine Departementsstrasse nahe der Gemeinde Molières, einer schafft es nicht rechtzeitig, wird von einem Auto erfasst. Der Fahrer ist behindert und offenbar nicht zu schnell unterwegs, doch der Problemjäger sieht rot. Er geht auf den Mann los, schlägt ihm mehrfach ins Gesicht und beschädigt sein Fahrzeug. Erst die Polizei beendet das Delirium. Der anschliessende Drogentest, bestätigt den Verdacht.
Das Bild ist absurd und zugleich bezeichnend:
- Ein bewaffneter Mann nimmt freiwillig harte Drogen.
- Er bewegt sich im Rahmen eines Hobbys mit tödlichen Waffen in der Nähe von Strassen, Häusern und unbeteiligten Menschen.
- Nach einem Unfall mit einem jagdlich eingesetzten Hund entlädt sich seine Gewalt nicht gegen das eigene Milieu, sondern gegen einen zufälligen Verkehrsteilnehmer, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist.
Die Jagdverbände werden nun betonen, es handle sich um einen bedauerlichen Einzelfall. Doch dahinter steht die grundsätzliche Frage: Was sagt es über ein System, wenn jemand im Drogenrausch trotzdem bewaffnet an einer Hobby-Jagd teilnehmen kann?
Waffen, Drogen und Hobby-Jagd: Systemfehler, keine Panne
Ein solches Delirium ist nicht nur ein persönliches Versagen. Es ist ein Sicherheitsdesaster auf mehreren Ebenen.
- Waffenzugang und Kultur der Nachsicht
In Frankreich sind nach Angaben der Fédération nationale des chasseurs rund 960’000 Menschen aktiv als Hobby-Jäger registriert, Tendenz leicht sinkend. Die Hobby-Jagd wird politisch als wichtiger kultureller Pfeiler behandelt, der Zugang zu Waffen und Munition ist entsprechend breit geöffnet. Regelmässige Alkoholkontrollen in Revieren, systematische Tests auf Drogen oder lückenlose psychologische Eignungsprüfungen sind eher die Ausnahme als die Regel. - Öffentlicher Raum als Jagdfeld
Drückjagden finden entlang von Strassen, in der Nähe von Siedlungen und Spazierwegen statt. Genau dort entstehen gefährliche Mischsituationen: Autos, Familien mit Kindern, Joggerinnen, Hündeler und dazwischen schwer bewaffnete Privatleute, die Wild aus den Wäldern heraus treiben. - Entgrenzte Gewalt gegen Menschen und Tiere
Der Anlass des Ausrasters im Tarn-et-Garonne war der Tod eines Jagdhundes. Für das Opfer war es ein tragischer Unfall, für den Täter offenbar ein Freipass zur Gewalt. Schon die Tatsache, dass der Hund überhaupt für ein Hobby in eine solche Gefahr gebracht wurde, bleibt in der dominanten Jagdberichterstattung meist unsichtbar. Hier überschneiden sich Tiermissbrauch und Menschengefährdung: Das Tier wird als Munition im System Hobby-Jagd missbraucht, sein Tod als emotionaler Zünder für körperliche Gewalt gegen Dritte.
Kein Ausrutscher: Hobby-Jagd als Sicherheitsrisiko
Die französische Jagdlobby verweist gern darauf, dass die Zahl der Jagdunfälle in den letzten Jahrzehnten gesunken sei. Das stimmt, blendet aber Entscheidendes aus. Nach Zahlen des französischen Amtes für Biodiversität (OFB) wurden in der Saison 2023/24 insgesamt 97 Jagdunfälle registriert, im Vorjahr waren es 78.
Parallel dazu steigt die Zahl der sogenannten «Incidents», also Schussabgaben mit Sachschaden, die knapp an Menschen vorbeigehen. Die Tierschutzorganisation ASPAS spricht für die Saison 2024/25 von 135 solchen Vorfällen, mit Treffern auf 58 Häuser, 27 Fahrzeuge und 50 Haustiere.
Diese Bilanz zeigt:
- Nicht nur Hobby-Jäger selbst bringen sich in Gefahr,
- immer wieder geraten Unbeteiligte und ihre Tiere in die Schusslinie,
- Die Grenze zwischen «Beinahe-Unfall» und tödlichem Ausgang ist oft reiner Zufall.
Vor diesem Hintergrund wirkt ein Hobby-Jäger unter Kokain und Amphetaminen nicht wie ein exotischer Freakfall, sondern wie eine eskalierte Version eines strukturellen Problems: Eine Freizeitaktivität, die tödliche Waffen und reale Gewaltanwendung normalisiert, erzeugt zwangsläufig Situationen, in denen Menschen und Tiere leiden oder sterben.
Gesellschaft möchte Einschränkung, Politik liefert Privilegien
Während Vorfälle wie im Tarn-et-Garonne die Risiken sichtbar machen, spürt die französische Politik vor allem den Druck der Jagdlobby. Zugleich wächst die Kritik in der Bevölkerung.
Eine Ipsos-Umfrage im Auftrag der Organisation One Voice zeigt: 2023 gaben 53 Prozent der Franzosen an, dass sie der Hobby-Jagd insgesamt ablehnend gegenüberstehen, der bisher höchste gemessene Wert.
Trotzdem schafft es die Lobby immer wieder, Einschränkungen zu verhindern oder rückgängig zu machen. Der jüngste Entscheid, die Hobby-Jagd auf die europaweit stark zurückgegangene Turteltaube in Frankreich wieder zuzulassen, obwohl die Art weiterhin als «verletzlich» gilt, illustriert diese Schlagseite der Politik sehr deutlich.
Es entsteht ein paradoxes Bild:
- Die Mehrheit der Bevölkerung betrachtet die Hobby-Jagd zunehmend als gefährlich, anachronistisch und grausam.
- Die Politik hält an Privilegien für eine schrumpfende Minderheit von Freizeitjägern fest.
- Der Preis dieser Schieflage wird von Menschen, Haustieren und wildlebenden Tieren bezahlt.
Was der «Hobby-Jäger im Delirium» offenlegt
Der Fall des unter Kokain stehenden Hobby-Jägers in Tarn-et-Garonne ist ein Brennglas. Er zeigt in extremer Form, was im Alltag meist sanfter verläuft, aber strukturell ähnlich ist.
- Die Jagd erlaubt Privatpersonen, mit Waffen im öffentlichen Raum aufzutreten,
- sie normalisiert Gewalt gegen Tiere als «Sport»,
- sie schafft eine Kultur, in der Aggression, Besitzdenken und Männlichkeitsrituale mit Schusswaffen kombiniert werden,
- und sie produziert regelmässig Situationen, in denen unbeteiligte Menschen Opfer werden.
Wer so ein System aufrechterhält, darf sich nicht ehrlich darüber wundern, wenn Hobby-Jäger im Drogenrausch ausrasten. Die Frage ist nicht, ob es «schwarze Schafe» gibt, sondern warum eine Gesellschaft ein Hobby akzeptiert, in dem ein «Delirium» mit geladenem Gewehr überhaupt möglich ist.
Solange Politik und Behörden vor der Jagdlobby einknicken, bleibt jeder Spaziergang im Revier, jede Autofahrt durch ein Jagdgebiet ein kalkulierbares Risiko. Für Menschen, die einfach nur leben wollen. Und für Tiere, die von einem gewalttätigen Freizeitmodell zu beweglichen Zielen degradiert werden.
Und genau darum ist der Skandal im Tarn-et-Garonne nicht vorbei, wenn das Urteil gegen den einzelnen Hobby-Jäger gesprochen ist. Die eigentliche Verhandlung fehlt noch: die über die Zukunft der Hobby-Jagd als akzeptierte Freizeitbeschäftigung in einer angeblich zivilisierten Gesellschaft.
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