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Jagd

Hobby-Jäger sterben: Trauer. Jogger sterben: Selbst schuld

Der französische Trailrunning-Blog u-trail beschreibt einen Vorfall, der sinnbildlich für ein strukturelles Problem der Hobby-Jagd steht: Im Département Var wird ein Hobby-Jäger von einem zuvor angeschossenen Wildschwein getötet. Die Jagdverbände reagieren sofort. Es gibt offizielle Kommuniqués, Anteilnahme, Pathos. Man spricht von einer «fatalen Attacke», von «Trauer in der Jägerschaft» und von «grosser Solidarität».

Redaktion Wild beim Wild — 25. November 2025
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Nur wenige Tage zuvor wurde in derselben Region ein Jogger bei einem Jagdunfall schwer verletzt.

Kein offizielles Beileid der Verbände, keine Kampagne, kein öffentlicher Aufschrei. Stattdessen hagelt es in den sozialen Netzwerken Kommentare, der Läufer hätte «halt zu Hause bleiben» oder «nicht in der Jagdzeit im Wald herumlaufen» sollen.

Dieser doppelte Standard kennt keine Landesgrenzen. Was in Frankreich beschrieben wird, ist aus dem deutschsprachigen Raum vertraut: Empathie, wo ein Bewaffneter zu Schaden kommt. Schweigen oder Schuldumkehr, wo unbewaffnete Bürgerinnen und Bürger getroffen werden.

Zwei Klassen von Opfern

Der Text von u-trail arbeitet eine einfache, aber unbequeme Frage heraus: Warum sind Hobby-Jäger, die beim Ausüben ihres Hobbys ums Leben kommen, kollektiv betrauerte «Helden», während getroffene Spaziergänger, Radfahrerinnen oder Jogger eher als Kollateralschaden behandelt werden?

Typisch sind folgende Muster:

  • Wenn ein Hobby-Jäger stirbt:
    • Öffentliche Kondolenzschreiben der Verbände
    • Medienberichte, die die «Leidenschaft für die Jagd» betonen
    • Forderungen nach Respekt vor der Jagd und ihren Traditionen
  • Wenn ein Nichtjäger getroffen wird:
    • Victim Blaming («war zur falschen Zeit am falschen Ort»)
    • Hinweise auf Privateigentum und Jagdrechte
    • Relativierung des Risikos und der Verantwortung

Der Wald wird damit symbolisch in zwei Zonen geteilt: in jene für die Bewaffneten, denen die Natur angeblich «gehört», und in jene für den Rest, der bestenfalls geduldet ist und sich im Zweifel lieber zurückziehen soll.

Die nackten Zahlen der Jagdunfälle

Die emotionale Asymmetrie steht im Kontrast zu den nüchternen Daten. Das französische Amt für Biodiversität (OFB) hat für die Jagdsaison 2024–2025 insgesamt 100 Unfälle mit Schusswaffen registriert, davon 11 mit tödlichem Ausgang. Alle Todesopfer sind Jäger. Gleichzeitig wurden 16 Nichtjäger verletzt, darunter mehrere Schwerverletzte.

Besonders beunruhigend ist der starke Anstieg der sogenannten «Incidents»: Schüsse in Richtung von Häusern, Strassen, Fahrzeugen oder Haustieren. Die Saison 2024–2025 verzeichnet 135 solcher Vorfälle, darunter 58 betroffene Wohngebäude, 27 Fahrzeuge und 50 getroffene Haustiere.

Tierschutz- und Bürgerrechtsorganisationen weisen zudem darauf hin, dass diese offiziellen Zahlen das Problem eher unterschätzen, da längst nicht alle Beinahe-Katastrophen gemeldet werden.

Die Botschaft ist eindeutig: Das Risiko durch die Hobby-Jagd trägt nicht nur die Jägerschaft selbst, sondern die gesamte Bevölkerung sowie Haustiere und Wildtiere, die als «Nebenschäden» betrachtet werden.

Wer darf den Wald nutzen?

Die Reaktionen der Jagdlobby folgen fast überall demselben Drehbuch. Wenn Nichtjäger getroffen werden, lautet die schnelle Botschaft:

  • Man solle «sichtbare Kleidung tragen».
  • «die Jagdzeiten respektieren»,
  • «bestimmte Wege meiden» oder
  • Am besten «an den Wochenenden gar nicht erst in den Wald gehen»

Das verschiebt die Verantwortung systematisch auf jene, die unbewaffnet sind. Die Grundannahme lautet: Die Natur ist in der Jagdsaison in erster Linie ein Schiessstand. Wer sich dort aufhalten will, hat sich dem Hobby einiger weniger anzupassen.

Dem gegenüber steht ein völlig anderer Anspruch: Wälder, Felder, Wiesen und Berge sind öffentliches Gut. Sie sind Lebensraum für Wildtiere und Erholungsraum für die Bevölkerung. Menschen, die dort joggen, wandern oder mit Kindern spazieren gehen, üben ein Grundrecht auf sichere und friedliche Nutzung aus. Es ist nicht ihre Aufgabe, sich vor Kugeln zu schützen, sondern die Aufgabe der Gesellschaft, sie keiner lebensgefährlichen Freizeitaktivität auszusetzen.

Die Jagd normalisiert das Risiko

Der französische Fall zeigt auch, wie sehr die Jagd die gesellschaftliche Toleranz gegenüber tödlichem Risiko verschiebt. Wenn jedes Jahr wieder von «unvermeidlichen Unfällen» die Rede ist und die Verbände gleichzeitig darauf hinweisen, heute sei die Jagd «halb so unfallträchtig wie vor 20 Jahren», entsteht ein gefährlicher Gewöhnungseffekt.

Statt zu fragen, warum es im 21. Jahrhundert überhaupt noch akzeptabel ist, dass Menschen beim Spazierengehen oder Joggen von Kugeln getroffen werden, wird darüber diskutiert, ab welchem Promillewert ein Hobby-Jäger noch schiessen darf oder ob man die Schiessrichtung minimal optimieren kann.

Solange die Hobby-Jagd als romantisiertes Brauchtum inszeniert wird, bleiben die Opfer, die nichts mit diesem Hobby zu tun haben, unsichtbar. Man sieht den trauernden Jägerstammtisch, aber nicht das Kind, das seinen erschossenen Hund nie wieder sieht, oder die verletzte Joggerin, die sich nicht mehr in den Wald traut.

Gleiches Mitgefühl für alle, nicht nur für Bewaffnete

Es geht nicht darum, Hobby-Jägern das Menschsein abzusprechen. Auch der Tod eines Hobby-Jägers ist eine Tragödie für die Angehörigen. Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Das Mitgefühl darf nicht an der Grenze des Jagdvereins enden.

Wer ernsthaft von «Waidgerechtigkeit» und «Verantwortung» sprechen will, muss auch jene sehen, die gar keine Waffe tragen und dennoch unter der Jagd leiden.

Ein glaubwürdiger Mindeststandard wäre:

  1. Öffentliche, aktive Solidarität mit allen Opfern von Jagdunfällen, ausdrücklich auch mit Nichtjägern.
  2. Transparente Kommunikation über jeden Vorfall, statt reflexartigem Kleinreden und Schuldumkehr.
  3. Strenge Schutzradien rund um Siedlungen, Strassen und stark genutzte Wege, jagdfreie Zonen und jagdfreie Tage.
  4. Langfristig ein Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd, das auf Wissenschaft, Konfliktprävention und Tierschutz basiert und nicht auf Freizeitbeschuss.

Solange die Jagdgesellschaft laut trauert, wenn einer der eigenen Kreise getroffen wird, und gleichzeitig schweigt, wenn ein Jogger, ein Kind, eine Spaziergängerin oder ein Haustier zu Schaden kommt, zeigt sie, worum es ihr wirklich geht: nicht um Sicherheit und Respekt vor dem Leben, sondern um die Verteidigung eines riskanten Privilegs.

Ein Angehöriger hat das gleiche Recht auf Mitgefühl, egal ob die betroffene Person ein Gewehr oder eine Trinkflasche in der Hand hatte.

Mehr dazu im Dossier: Jagd und Tierschutz

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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