Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Schaffhausen
Im Kanton Schaffhausen ist fast das ganze Jahr über Jagdsaison. Rehböcke dürfen vom 2. Mai bis Ende Januar bejagt werden, Wildschweine von Juli bis Ende Februar, Sikawild von August bis Januar. Diese Jagdzeiten gehören zu den längsten in der Schweiz. Psychologisch bedeutet das: Die Wildtiere im Kanton Schaffhausen haben kaum eine Phase im Jahr, in der sie von bewaffneten Menschen ungestört sind. Das Konzept der «Ruhezeit» existiert nur in den wenigen Wochen der Schonzeit, nicht als Grundprinzip.
Im Kanton Schaffhausen gilt die Revierjagd.
Die Gemeinden verpachten 44 Reviere für jeweils acht Jahre an Jagdgesellschaften. Rund 300 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger sind aktiv, wobei das Geschlechterverhältnis laut dem Präsidenten von Jagd Schaffhausen bei rund 20 zu 1 zugunsten der Männer liegt. Zu den jagdbaren Tieren gehören Rehwild, Sikawild, Gämsen, Feldhasen, Wildschweine, Füchse, Dachse und diverse Vogelarten. Der Kanton ist mit 42 Prozent bewaldet, was ihn zu einem der waldreichsten Kantone der Schweiz macht.
Nachtjagdverbot: Wenn der eigene Beschluss zum Problem wird
Das Nachtjagdverbot im Wald, das 2025 in Kraft trat, ist für das Verständnis der Schaffhauser Jagdpsychologie zentral. Die Idee: Wildtiere sollen zumindest nachts und zumindest im Wald ihre Ruhe haben. Eingeführt wurde es auf Bundesebene durch die Konferenz für Wald, Wildtiere und Landschaft (KWL), einen Zusammenschluss der für Wald und Wild zuständigen Kantonsbehörden. Schaffhausen war darin vertreten und hat das Verbot somit indirekt mitgetragen.
Dennoch reagierte der Kanton mit offener Ablehnung. Ressortleiter Jagd und Fischerei Patrick Wasem, der privat ebenfalls als Hobby-Jäger tätig ist, und Jägerpräsident Jonas Keller traten gemeinsam auf und betonten, «geeint» auftreten zu wollen. Kellers Zusammenfassung: «Was man darf, wird immer weniger, und was man muss, immer mehr.» Wasem nickte.
Psychologisch ist diese Episode auf mehreren Ebenen aufschlussreich. Erstens offenbart sie die Personalunion von Verwaltung und Hobby-Jagd:
- Der kantonale Ressortleiter für die Hobby-Jagd jagt privat selbst. Kontrollierende und Kontrollierte verschmelzen.
- Zweitens zeigt die gemeinsame Medienarbeit von Behörde und Jagdverband, dass die Grenze zwischen staatlicher Verwaltung und Lobbyarbeit fliessend ist.
- Drittens belegt die Klage über «immer weniger Dürfen» ein Anspruchsdenken: Die Hobby-Jagd versteht sich als Recht, nicht als Privileg. Jede Einschränkung wird als Verlust erlebt, nicht als Korrektur.
Besonders pikant: Schaffhausen hatte bereits zuvor ein kantonales Nachtjagdverbot. Das neue Bundesverbot betrifft primär die Wildschweinjagd im Wald, die in Schaffhausen bisher auch nachts möglich war. 2024 – noch vor Inkrafttreten des Verbots – wurden 478 Wildschweine erlegt. Dennoch kündigte der Kanton vorsorglich an, eine Ausnahmebestimmung für Schwarzwild zu prüfen. Die Abwehr kam, bevor die Auswirkungen überhaupt messbar waren. Das ist keine sachpolitische Reaktion, sondern ein Reflex.
Finanzieller Anreiz: Wer zahlt, will schiessen
Eine Besonderheit des Schaffhauser Systems ist die finanzielle Verflechtung: Die Hälfte der Wildschäden zahlt die Jagdgesellschaft, die das Revier pachtet, die andere Hälfte kommt aus der Kantonskasse. Zusätzlich erhebt der Kanton eine zehnprozentige Abgabe auf die Pachtgebühren, sodass die Wildschäden «effektiv grösstenteils von den Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern getragen» werden.
Psychologisch erzeugt diese Struktur einen perversen Anreiz: Je mehr Wildschäden entstehen, desto mehr müssen die Jagdgesellschaften zahlen. Also wollen sie möglichst viel schiessen, um Schäden präventiv zu verhindern. Das System belohnt maximale Abschüsse und bestraft Zurückhaltung. Die Hobby-Jägerschaft hat, wie die Schaffhauser AZ treffend formulierte, «ein handfestes finanzielles Interesse daran, viel zu schiessen». Das ist kein Wildtiermanagement, sondern ein ökonomisches Anreizsystem, das die Intensivierung der Hobby-Jagd begünstigt.
Das Genfer Modell zeigt, wie Wildtiermanagement ohne finanzielle Fehlanreize funktioniert: Staatliche Wildhüter handeln im öffentlichen Interesse, nicht im eigenen finanziellen. Sie haben keinen Anreiz, mehr zu schiessen als nötig.
Sikawild: Ein Fremdling als Jagdattraktion
Eine Besonderheit in Schaffhausen ist die Jagd auf Sikawild, eine aus Ostasien stammende Hirschart, die in der Schweiz nicht heimisch ist. Das Sikawild ist ein Neozoon, das seit den 1940er-Jahren aus Deutschland eingewandert ist und sich in Teilen der Nordostschweiz – insbesondere im Rafzerfeld und am Südranden – etabliert hat. Statt die Ausbreitung einer gebietsfremden Art als ökologisches Problem zu behandeln, wird das Sikawild als jagdbare Art geführt und mit langer Jagdzeit (August bis Januar) bejagt.
Psychologisch zeigt das Sikawild, wie flexibel die Hobby-Jagd ihre Rechtfertigung anpasst. Beim Rothirsch heisst es «Regulierung», beim Wildschwein «Schadensverhütung», beim Sikawild «Neobiota-Management». Die Methode ist immer dieselbe: schiessen. Dass eine gebietsfremde Art als zusätzliche Jagdattraktion willkommen ist, statt als Anlass für eine ökologische Debatte, zeigt die Prioritäten des Systems.
Männerdomäne: 20 zu 1
Der Präsident von Jagd Schaffhausen schätzt das Geschlechterverhältnis unter den Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern auf 20 zu 1 zugunsten der Männer. Diese Zahl ist kein Randdetail, sondern psychologisch zentral: Die Hobby-Jagd in Schaffhausen ist eine ausgeprägte Männerdomäne. Das bedeutet: Die Jagdgesellschaften, die über acht Jahre die Hoheit über 44 Reviere ausüben, bilden geschlossene, überwiegend männliche Netzwerke. Entscheidungen über das Töten von Wildtieren werden in diesen Netzwerken getroffen, nicht in einem demokratischen oder öffentlichen Prozess.
Die Geschlechterstruktur verstärkt die Gruppenidentität und erschwert Kritik von aussen. Jagdkultur, Jagdhornblasen, Schweisshundeprüfungen: All das sind soziale Bindungsinstrumente, die Zugehörigkeit schaffen und Abweichung sanktionieren. Wer in einer Jagdgesellschaft Zweifel äussert, riskiert nicht nur seinen Platz im Revier, sondern sein soziales Netzwerk.
Schaffhausen als Dauerjagd-Kanton
Schaffhausen verkörpert ein Jagdmodell, das auf maximale zeitliche Ausdehnung und minimale Kontrolle setzt. Die fast ganzjährige Jagd, die finanziellen Anreize für hohe Abschusszahlen, die Personalunion von Verwaltung und Hobby-Jagd sowie die geschlossenen Männernetzwerke der Jagdgesellschaften bilden ein System, das sich selbst stabilisiert.
Das Nachtjagdverbot hat diese Strukturen kurzzeitig sichtbar gemacht: ein System, das sich gegen jede Einschränkung wehrt, selbst wenn es die Einschränkung zuvor selbst mitgetragen hat. Psychologisch ist das konsistent mit einem Identitätssystem, in dem Jagd nicht als regulierte Praxis verstanden wird, sondern als Recht, das von aussen bedroht wird. Die Frage, ob der Kanton Schaffhausen professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter statt 300 Hobby-Jäger braucht, wird nicht gestellt. Nicht weil die Antwort schwierig wäre, sondern weil sie das System infrage stellen würde.
Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd
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