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Jagd

Jagdverwaltung St. Gallen: Wolfsmanagement ohne Wissenschaft

Der Kanton St. Gallen sucht eine Person für die Stelle «Wildhüter/in mit Spezialfunktion Wolf». Auf den ersten Blick klingt das nach moderner Wildtierbiologie, Monitoring und einem sachlichen Umgang mit dem Konflikt rund um den Wolf. Wer die Ausschreibung genauer liest, merkt schnell: Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Fachstelle, sondern um eine klassische Jagd- und Vollzugsfunktion mit Wolfslabel.

Redaktion Wild beim Wild — 30. November 2025

Gefordert werden eine abgeschlossene Berufsausbildung EFZ, dazu Jagdfähigkeitsprüfung und jagdliche Praxis.

Erwünscht sind Erfahrung in Jagd, Wildtiermanagement und Recht. Ein Studium in Biologie oder Ökologie wird nicht einmal erwähnt, ebenso wenig wissenschaftliches Arbeiten, Statistik oder Publikationstätigkeit.

Kurz gesagt: Wer den Wolf im Kanton St. Gallen «betreuen» will, braucht vor allem jagdliche Meriten, nicht akademisches Fachwissen über grosse Beutegreifer.

Gleichzeitig gehören zu den Aufgaben unter anderem:

  • Beurteilung von Wolfsrissen
  • Leitung des kantonalen Wolfsmonitorings in Absprache mit Nachbarkantonen und dem Ausland
  • Planung und Durchführung von sogenannten Regulierungseinsätzen zusammen mit Wildhütern und Jagdgesellschaften

Monitoring, Beurteilung von Rissen, internationale Zusammenarbeit, genau das sind Bereiche, in denen wissenschaftliche Kompetenz zentral wäre. Trotzdem reicht laut Ausschreibung eine Grundausbildung EFZ und etwas «gutes Fachwissen in Wildbiologie, Jagd und Naturschutz».

Eine Verwaltung mit Vorgeschichte

Die Ausschreibung kommt nicht aus dem luftleeren Raum. Die St. Galler Jagdverwaltung unter der Leitung von Dominik Thiel stand in den letzten Jahren wiederholt in der Kritik.

Besonders deutlich wurde dies bei der sogenannten Studienreise nach Russland. Der Leiter des Amtes für Jagd und Blödsinn reiste im Februar 2024 zusammen mit einem Wildhüter während der Arbeitszeit nach Russland, um die Lappjagd auf Wölfe zu «studieren». Auf dieser mehrtägigen Wolfsjagd wurden vier Wölfe erlegt. Politische Vorstösse und breite Kritik waren die Folge.

Diese Vorgeschichte zeigt, dass die Probleme strukturell sind. Es geht nicht um einzelne Fehlentscheide, sondern um eine Jagdverwaltung, die auf Kosten der Steuerzahlenden und der eigenen Glaubwürdigkeit agiert.

Dossier Jagdverwaltung St. Gallen

Die neue Stelle mit «Spezialfunktion Wolf» fügt sich in ein ganzes Dossier von fragwürdigen Entscheiden und Skandalen ein, das bei Wild beim Wild dokumentiert ist. Dazu gehören unter anderem:

Dossier Jagdverwaltung St. Gallen:

Die Summe dieser Beiträge zeichnet das Bild einer Behörde, die sich tief in jagdlichen Eigeninteressen verheddert hat und deren Prioritäten weit entfernt sind von moderner, wissenschaftlich fundierter Wildtierpolitik.

Gefährliche Interessenkonflikte

Besonders heikel ist die enge Verflechtung mit der Hobby-Jagd. Die neue Funktion arbeitet direkt mit Jagdgesellschaften zusammen und führt mit ihnen Wolfsabschüsse durch. Gleichzeitig soll sie die Wolfszentrale betreuen, also erste Anlaufstelle für Landwirtinnen, Bevölkerung und Medien sein.

Das bedeutet: Die Person, die Abschüsse plant und begleitet, soll gleichzeitig neutral informieren, Risse beurteilen und Daten zum Bestand liefern. Aus Sicht des Tierschutzes ist das ein klassischer Interessenkonflikt. Wer aus der Hobby-Jagd kommt, versteht den Wolf oft in erster Linie als Konkurrenz im Revier und nicht als geschützte, ökologisch wichtige Art.

Statt eine unabhängige, wissenschaftlich verankerte Fachstelle für grosse Beutegreifer aufzubauen, wird der Wolf im Kanton St. Gallen in die bestehende militante jagdliche Struktur eingepasst. Die Sprache der Ausschreibung verrät das: Die Position ist Teil der Wildhut, unterstützt andere Wildhüter und übernimmt nebenbei noch Aufgaben in der Biberzentrale. Schutzfunktionen werden zu Nebenprodukten eines jagdlich geprägten Vollzugs.

Wolfsmanagement ist mehr als Schiessen

Zeitgemässes Wolfsmanagement umfasst weit mehr als das Organisieren von Abschüssen. Nötig wären unter anderem:

  • unabhängige Datenerhebung und Auswertung durch Fachleute mit Ausbildung in Biologie, Ökologie oder verwandten Disziplinen
  • transparente Kommunikation gegenüber Öffentlichkeit und Medien, die nicht durch jagdliche Eigeninteressen gefärbt ist
  • Beratung der Landwirtschaft zu wirksamen Herdenschutzmassnahmen, basierend auf aktuellen Studien
  • langfristige Planung im Verbund mit anderen Kantonen und Staaten, damit genetische Vielfalt und ökologische Funktionen des Wolfs erhalten bleiben

All dies erfordert solide wissenschaftliche Qualifikation. Wer den gesellschaftlich hoch emotionalen Konflikt um den Wolf moderieren soll, braucht zudem kommunikative und mediale Kompetenz, nicht nur den Willen, bei Nacht und Nebel Risse zu begutachten oder Wölfe zu schiessen.

Signalwirkung an die Bevölkerung

Stellenausschreibungen sind auch politische Signale. Sie zeigen, welche Art von Fachlichkeit sich ein Kanton wünscht und wessen Interessen er priorisiert.

Wenn eine Stelle mit dem Titel «Spezialfunktion Wolf» praktisch ausschliesslich auf jagdliche Praxis, Regulierungseinsätze und unregelmässige Arbeitszeiten fokussiert, sendet das eine klare Botschaft: Der Wolf wird vor allem als Problem betrachtet, das bewältigt werden soll, nicht als streng geschützte, ökologisch bedeutsame Art.

Wer auf die Ausschreibung hofft, um eine seriöse wissenschaftliche Wolfsfachstelle zu entdecken, wird enttäuscht. Die Kombination mit der vorbelasteten Jagdverwaltung, die bereits mit Jagdreisen nach Russland von sich reden machte, verschärft diesen Eindruck zusätzlich.

Moderne Wildtierpolitik braucht unabhängige Expertise

Niemand bestreitet, dass Konflikte zwischen Wölfen und Nutztierhaltung ernst genommen werden müssen. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, die Verantwortung in erster Linie Hobby-Jägern und jagdnahen Behörden zu übertragen.

Moderne Wildtierpolitik braucht:

  • professionelle, unabhängige Forschung
  • klare Trennung von Vollzug und Beratung
  • transparente Entscheidungsprozesse
  • Partizipation von Tierschutz, Naturschutz und Wissenschaft

Der Kanton St. Gallen verpasst mit dieser Ausschreibung eine Chance. Statt mit einer interdisziplinären Fachstelle Vorreiter im grossräumigen Wolfsmanagement zu werden, setzt er auf das alte Muster: Jagdverwaltung mit leicht modernisiertem Aufgabenkatalog.

Zeit für eine ehrliche Debatte

Die Stelle «Wildhüter/in mit Spezialfunktion Wolf» ist vielleicht seriös im Sinn von formal korrekt und passend zu den bestehenden kantonalen Jagdstrukturen. Genau das ist das Problem. Die Politik delegiert die Verantwortung für einen geschützten Beutegreifer an eine Institution, die historisch vor allem den Abschuss von Wildtieren organisiert und deren Führung sich in Russland auf der Wolfsjagd weiterbildet.

Wer echten Tierschutz und eine sachliche, wissenschaftlich fundierte Debatte über den Wolf will, sollte diese Stellenausschreibung kritisch lesen und sie im Kontext des gesamten Dossiers zur St. Galler Jagdverwaltung betrachten.

Wenn der Wolf in der Schweiz eine Zukunft haben soll, braucht es mehr als «Spezialfunktionen» innerhalb der Jagdverwaltung. Es braucht unabhängige Fachstellen, die den Wolf nicht als Störfall behandeln, sondern als integralen Bestandteil unserer Ökosysteme.

Dossier: Wolf Schweiz: Fakten, Politik und Grenzen der Jagd

Mitmach-Aktion: Fordert bei Eurer Gemeinde aufgrund der katastrophalen Politik von Bundesrat Albert Rösti (SVP) ein Erlassgesuch für die Bundes- und Kantonssteuern aufgrund des neulich bewilligten Abschusses von Wölfen in der Schweiz. Den Musterbrief könnt ihr hier downloaden: https://wildbeimwild.com/ein-appell-fuer-eine-veraenderung-in-der-schweiz/

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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