Feuer, Hitze, Flinten: Warum Frankreich verweigert, was Portugal längst geregelt hat
Portugal sperrte Brandflächen für die Hobby-Jagd, Spanien lässt sein eigenes Verbot unterlaufen, Frankreich lehnt einen Aufschub ab. Ein europäischer Vergleich.
Europas Süden brennt, und mitten in die Asche fällt die Eröffnung der Jagdsaison.
Wie Staaten damit umgehen, könnte unterschiedlicher kaum sein: Portugal hat Brandflächen per Verordnung für die Hobby-Jagd gesperrt, in Spanien streiten Umweltorganisationen und Behörden über den Schutz verbrannter Waldflächen, und in Frankreich nennt der oberste Verbandsfunktionär die blosse Forderung nach Aufschub «lächerlich». Mit Hobby-Jagd ist in diesem Text die private Freizeit- und Verbandsjagd gemeint, im Unterschied zum staatlich organisierten Wildtiermanagement, wie es etwa der Kanton Genf kennt.
Frankreich: «Ideologie von Ökos, die nichts davon verstehen»
Am 23. Juli 2026 berichtete das französische Jagdportal «Chasse Passion» über eine Forderung mehrerer Tierschutzorganisationen: Die Eröffnung der Jagdsaison im September solle landesweit um mehrere Monate verschoben werden. Begründung: Nahrung und Lebensräume seien grossflächig verbrannt, die Desorientierung der überlebenden Tiere führe zu zahlreichen Wildunfällen.
Willy Schraen, Präsident der Fédération Nationale des Chasseurs, wies die Forderung laut «Chasse Passion» unter Berufung auf «La Dépêche du Midi» als «lächerlich» und als «Ideologie von Ökos, die nichts davon verstehen» zurück. Die Hobby-Jäger seien gemeinsam mit den Präfekten am besten in der Lage, die Bestände vor Ort zu beurteilen; lokale Anpassungen der Abschusszahlen seien jederzeit möglich. Die Fédération Départementale des Chasseurs de l’Aude, deren Departement schwer von den Bränden getroffen wurde, argumentiert ähnlich: zonenweise beurteilen statt aus Paris entscheiden. Eine staatliche Reaktion war bis zum Redaktionsschluss nicht ersichtlich.
Die Forderung ist allerdings weder neu noch von den aktuellen Bränden ausgelöst. Bereits Anfang Juli verlangten Tierschutzorganisationen die Aussetzung der Hobby-Jagd während Hitzewellen. Frankreich kam damals aus einer historischen Hitzeperiode, in Saintes wurden Ende Juni 43,8 Grad gemessen. Entscheidend ist dabei ein Punkt, der in der Debatte gerne untergeht: Für Füchse, Rehe, Damhirsche und Wildschweine ist die Saison längst offen, sie dürfen aufgrund von Präfekturverfügungen bereits ab dem 1. Juni geschossen werden.
Der Naturalist Pierre Rigaux verweist auf den Brand bei Trévillach in den Pyrénées-Orientales vom 4. Juli, der rund 4600 Hektar vernichtete und über 10’000 Menschen zur Evakuierung zwang. Weder ökologisch noch landwirtschaftlich lasse sich der Abschuss von Füchsen zu irgendeinem Zeitpunkt des Jahres rechtfertigen, sagt er, wobei gerade Jungfüchse im Frühsommer gezielt getötet würden. Bei Wildschwein und Reh räumten die Hobby-Jäger selbst ein, dass die Sommerabschüsse zahlenmässig gering seien, was dem behaupteten Regulierungszweck jede Grundlage entziehe. Die Organisationen fordern eine automatische Aussetzung der Hobby-Jagd, sobald Météo-France offiziell eine Hitzewelle ausruft.
Dass die Fuchsjagd wissenschaftlich nicht begründbar ist, hat die IG Wild beim Wild mehrfach belegt: Mäuseschäden im Wald: Fuchsjagd keine Lösung.
Der verräterische Vergleich: Was sonst noch verboten wird
Besonders aufschlussreich ist, was in denselben Regionen bei Hitze alles untersagt wird. Die Fédération des Chasseurs von Saône-et-Loire kommunizierte selbst, dass gemäss Präfekturverfügung vom 22. Juni bei roter Warnstufe sämtliche sportlichen Freiluftveranstaltungen verboten sind und Lebendtiertransporte über 30 Grad untersagt wurden. Der Verband wies zugleich auf die starken Auswirkungen der Hitze auf Wildtiere und Lebensräume hin und empfahl, Naturaufenthalte auf den frühen Morgen oder den Abend zu verlegen.
Die Logik ist bemerkenswert: Sportanlässe abgesagt, Tiertransporte gestoppt, Spaziergängerinnen sollen die Mittagshitze meiden. Nur beim Töten mit der Waffe soll die Hitze keine Rolle spielen, obwohl derselbe Verband gleichzeitig auf die starke Hitzebelastung der Wildtiere hinweist.
Spanien: Streit um den Schutz der Brandflächen
In Spanien ist die Lage dramatischer und juristisch schärfer. Am 23. Juli waren 71 per Satellit erfasste Brandherde aktiv. Das Feuer von La Mierla in Guadalajara gilt bereits als zweitgrösster Brand des Jahrhunderts in Spanien und zerstörte rund 35’000 Hektar. Spanische Medien berichteten unter Berufung auf das Europäische Waldbrandinformationssystem EFFIS von rund 121’600 verbrannten Hektar im laufenden Jahr; 1’200 Menschen aus 40 Dörfern wurden evakuiert. Der Bürgermeister von Albendiego formulierte, es gehe nicht nur um Vegetation, sondern um Lebewesen, die dort laufen und ihre Lebensgrundlage haben.
Der entscheidende Unterschied zu Frankreich: In Spanien bestehen für Brandflächen rechtliche Nutzungsbeschränkungen, und genau darum tobt der Konflikt. Bereits nach den Bränden von 2025 warfen die Plataforma para la Defensa de la Cordillera Cantábrica, Ecologistas en Acción, Corredor Ecológico del Noroeste Ibérico und Bierzo Aire Limpio der Junta de Castilla y León vor, wiederholt gegen ihre gesetzliche Pflicht zum Zugang zu Umweltinformationen zu verstossen. Nach Darstellung dieser Organisationen verbietet die in Castilla y León anwendbare Forstgesetzgebung Jagd und Beweidung auf abgebrannten Waldflächen für mindestens fünf Jahre, um die ökologische Regeneration zu sichern. Den genauen Wortlaut der einschlägigen Norm konnten wir nicht einsehen. Die Behörde habe diese Aktivitäten in Brandgebieten dennoch bewilligt, ohne dass eine dokumentierte Begründung bekannt sei, und blockiere den Zugang zu den Gutachten, die diese Bewilligungen angeblich stützen. Die Organisationen bezeichnen das als Verstoss gegen das Legalitätsprinzip und als gefährlichen Präzedenzfall, weil die Regeneration nach einem Brand durch frühen Weide- und Jagddruck schwer beeinträchtigt werden kann.
Trifft der Vorwurf zu, dann liegt der Kern nicht im Fehlen einer Regel, sondern in ihrer Aushebelung durch die Verwaltung, verbunden mit der Weigerung, die Grundlagen offenzulegen. Eine Stellungnahme der Junta de Castilla y León zu diesen Vorwürfen liegt uns nicht vor.
Wie tief die Hobby-Jagd in Spanien in strukturelle Tierschutzprobleme verstrickt ist, zeigt auch der Umgang mit den Jagdhunden: Jagdhunde in Spanien: das verdrängte Drama der Hobby-Jagd.
Warum «lokal anpassen» nicht genügt
Schraens Argument lautet, man könne die Abschüsse notfalls regional anpassen. Die Datenlage spricht dagegen. Greenpeace Spanien legte im Juni den Bericht «Grandes incendios forestales en España: qué ocurrió en 2025 y qué debe cambiar» vor. Ein Überflug über das sogenannte Feuerdreieck zehn Monate nach den Bränden zeigte den hohen Schweregrad der Schäden und eine geringe bis fehlende natürliche Regeneration. 71,4 Prozent der Grossbrände von 2025 fielen mit Extremhitze zusammen, die fünf grössten Feuer ereigneten sich während der längsten je in Spanien registrierten Hitzewelle von 33 Tagen. Attributionsstudien zufolge machte der Klimawandel die Wetterlage, die zu den Bränden von 2025 führte, 40-mal wahrscheinlicher und 30 Prozent intensiver.
Wenn eine Brandfläche nach zehn Monaten noch kaum regeneriert ist, dann ist ein Saisonstart sechs Wochen nach dem Feuer keine Frage lokaler Feinjustierung, sondern schlicht verfrüht. Dass genetische Vielfalt unter zusätzlichem Jagddruck weiter schrumpft, verschärft das Problem: Klimawandel: Warum genetische Vielfalt überlebenswichtig ist.
Portugal zeigt, dass es geht
Dass ein Staat auch anders handeln kann, hat Portugal vorgemacht. Mit der Portaria n.º 283/2019 erliess die Regierung eine Sonderregelung, nachdem zwei Grossbrände in den Gemeinden Mação, Sertã und Vila de Rei die Wildbestände massiv getroffen hatten. Die Behörden stellten ausdrücklich fest, dass die im Decreto-Lei n.º 202/2004 vorgesehene reguläre Sperrfrist für Brandflächen bei Bränden dieser Grössenordnung nicht ausreiche. Sie untersagten die Jagd in den betroffenen Gebieten samt einer umliegenden Schutzzone bis zum Ende der laufenden Jagdsaison, mit dem erklärten Ziel, die überlebenden Tiere zu schützen und die Bestände wiederherzustellen. Eine einzige Ausnahme blieb bestehen: die Wildschweinjagd vom Ansitz, begründet mit der hohen Bestandsdichte dieser Art. Auch das zeigt, dass eine differenzierte Regelung möglich ist, statt entweder alles zu verbieten oder gar nichts zu tun.
Portugal hat damit exakt das getan, was Schraen als «lächerlich» abtut: eine bestehende Frist verlängert, weil das Ereignis ausserordentlich war.
Und die Schweiz?
Nach unserer Einschätzung fehlt hierzulande eine vergleichbare Regelung für Wildtiere nach Extremereignissen. Uns ist keine Bestimmung bekannt, die die Hobby-Jagd bei ausgerufener Hitzewarnung automatisch aussetzt, und keine, die Flächen nach Bränden oder Dürreschäden für eine definierte Zeit sperrt. Stattdessen fällt die Bockjagd mitten in die heissesten Wochen des Jahres, während den Tieren Wasser und thermische Rückzugsräume fehlen: Hitzewelle 2026: Wildtiere unter Extremstress und die Jagd läuft weiter.
Für Alpentiere kommt der Klimadruck zusätzlich: Klimawandel und Wildtiere in den Alpen. Und wie Wildtiere überhaupt mit Extremtemperaturen umgehen, ist gut dokumentiert: Wie Wildtiere hohe Temperaturen bewältigen.
Drei Länder, drei Antworten auf dasselbe Problem. Portugal hat gehandelt, in Spanien steht ein regionales Schutzregime im Streit, und in Frankreich weist der Jagdverband die Diskussion zurück. Was alle drei Fälle verbindet: Nirgends stammt der Widerstand gegen einen Aufschub aus der Wissenschaft. Er kommt aus Verbänden und Verwaltungen, die ein Interesse daran haben, dass die Saison pünktlich beginnt.
Für die Schweiz lässt sich daraus eine schlichte Forderung ableiten: eine gesetzliche Aussetzung der Hobby-Jagd bei offiziell ausgerufener Hitzewarnung und eine mehrjährige Sperrfrist für Flächen nach Bränden. Portugal hat vorgemacht, dass eine solche Regelung juristisch machbar ist. Die einzige offene Frage ist der politische Wille.
