Etikettenschwindel bei Fleisch und die Jagdbranche mischt mit
TopCC klebt Daten um, die Hobby-Jagd klebt Bergnamen drauf. Beides heisst Etikettenschwindel.
Grosshändler wie TopCC fallen mit abgelaufenem, umetikettiertem Fleisch auf, Kassensturz spricht von «Fleisch‑Bschiss».
Weniger sichtbar, aber genauso systematisch arbeitet die Jagd‑ und Tourismusbranche: Ausländisches Wild wird mit Engadiner Landschaftsmarketing zur angeblich regionalen Spezialität hochstilisiert. Unser Hirschsalsiz aus Neuseeland war kein Ausreisser, sondern ein Symptom.
Frischer Skandal im Detailhandel
Kassensturz hat aufgedeckt, wie eine TopCC‑Filiale in Muri BE abgelaufenes Fleisch neu etikettierte und als frische Ware verkaufte. Etiketten wurden überklebt, Haltbarkeitsdaten nach hinten verschoben, ein Lebensmittelinspektor schlägt Alarm, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Fall reiht sich ein in eine lange Serie von Etikettenschwindel bei Schweizer Fleischprodukten – von falsch deklarierten Herkunftsländern bis zu irreführenden «Suisse Garantie»-Versprechen.
«Engadiner» Hirschwurst aus Neuseeland
Wild beim Wild hat vor wenigen Tagen gezeigt, wie touristische Jagd‑Erzählungen und Swissness‑Marketing zusammenwirken: Eine als «Engadiner» Hirschsalsiz vermarktete Wurst besteht zu 51 Prozent aus Hirschfleisch aus Neuseeland. Der Name und die Aufmachung suggerieren lokale Jagdtradition und regionale Herkunft, tatsächlich steckt dahinter globaler Wildfleisch‑Import mit langen Transportwegen und intransparenten Produktionsketten. Für Konsumentinnen und Konsumenten ist auf den ersten Blick kaum erkennbar, dass das Tier nicht aus dem Engadin stammt, sondern einmal um die halbe Welt transportiert wurde, bevor es als «Spezialität» verkauft wird.
Hobby‑Jagd zwischen Heimatpathos und Importware
Seit Jahren zeigen Berichte und Statistiken, dass ein grosser Teil des in der Schweiz konsumierten Wildfleischs importiert wird, teils bis zu rund 70 Prozent, häufig Hirsch aus Österreich oder Neuseeland. Gleichzeitig inszeniert die Hobby‑Jagd sich als Lieferantin «ehrlicher» regionaler Produkte, die angeblich direkt aus dem heimischen Wald in die Pfanne kommen. Die Diskrepanz zwischen Image und Realität wird durch kreative Deklarationen überbrückt: Engadiner Namen, Alpenkulisse, Jagdromantik – dahinter oft Importware aus intensiven Jagdbetrieben im Ausland.
Etikettenschwindel als System, nicht als Ausrutscher
Ob abgelaufenes Fleisch mit neuem Datum, «Bündnerfleisch» aus Importfleisch oder «Engadiner» Wildprodukte aus Übersee: Der gemeinsame Nenner ist ein System, in dem Etikettenschwindel und Herkunftsverschleierung zum Geschäftsmodell werden. Jagdverbände und Tourismus profitieren davon, dass Konsumentinnen und Konsumenten bereit sind, für «regional», «Wild» und «traditionell» mehr zu bezahlen, ohne die tatsächliche Herkunft nachprüfen zu können. Wer glaubwürdig von Tierwohl, Transparenz und Verantwortung sprechen will, muss bei Wild und Hobby‑Jagd mit denselben strengen Massstäben messen wie bei der Fleischindustrie.
Während Schlachthöfe baulich und organisatorisch fast wie Operationssäle funktionieren müssen – eigene Hygienebereiche, dokumentierte Eigenkontrolle, amtliche Fleischuntersuchung für jedes einzelne Tier –, reicht bei der Hobby‑Jagd oft ein Messer im Laub. Offizielle Merkblätter mahnen zwar, Wild «möglichst rasch» aufzubrechen, innerhalb kurzer Zeit unter 7 Grad zu kühlen und jede Verschmutzung zu vermeiden, warnen gleichzeitig aber, dass der Darm bereits nach 30 bis 45 Minuten durchlässig wird. In der jagdlichen Praxis mit Nachsuche, Hanglagen und Transport im Kofferraum ist dieses Ideal weit von der Realität entfernt – das Resultat landet trotzdem im gleichen Wurstkessel wie industriell streng kontrolliertes Fleisch und wird als Delikatesse verkauft. Wild beim Wild bezeichnet erlegtes Jagdwild als «grundsätzlich Aas» und kritisiert, dass es nur dank spezieller Ausnahmen überhaupt als Lebensmittel auf den Teller kommt.
Was sich ändern müsste
Die aktuellen Fälle zeigen, dass bestehende Deklarationsregeln und Kontrollen nicht ausreichen, um Konsumentenschutz und Tierwohl effektiv durchzusetzen. Notwendig wären klarere Herkunftsangaben für Wildprodukte, verpflichtende Hinweise auf Import und Jagdkontext sowie wirksame Sanktionen bei Täuschung – auch dort, wo Jagdmarketing und Tourismus mit regionalen Labels arbeiten. Solange Herkunft, Transportwege und Jagdpraktiken hinter wohlklingenden Namen versteckt werden können, bleibt Etikettenschwindel ein kalkulierter Bestandteil des Geschäftsmodells.
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