23. Mai 2026, 15:02

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Wildtiere

Wildschweine in der Stadt: Die Hobby-Jagd ist das Problem

Im italienischen Ascoli streifen immer mehr Wildschweine durch die Strassen, und Fachleute wie die Tierschutzorganisation Lega Abolizione Caccia machen dafür ausgerechnet jene Hobby-Jagd verantwortlich, die das Problem eigentlich lösen soll.

Redaktion Wild beim Wild — 23. Mai 2026

In der mittelitalienischen Stadt Ascoli sorgen neue Sichtungen ganzer Rotten für Aufregung.

Die Behörden von Gemeinde, Provinz und Region reagieren mit dem gewohnten Krisenreflex: Fanggitter des Typs «Pig Brig», sogenannte Selektionsschützen und mögliche Abschüsse. Die Lega Abolizione Caccia kritisiert diesen Kurs scharf und erinnert daran, dass in den 1970er- und 1980er-Jahren Wildschweine gezielt zu jagdlichen Zwecken ausgesetzt wurden. Die Drück- und Treibjagden hätten die Rotten zerschlagen und die Tiere in die vermeintlich sichereren Siedlungen getrieben. «Die Wildschweine, die heute in der Stadt grasen, sind Tiere, die vor den Hobby-Jägern geflüchtet sind», heisst es in der Mitteilung. Die Delegierte Sabrina Simonetti spricht beim Einsatz der Fanggitter offen von einem «Gruppen-Gemetzel». Auch der auf Tierphysiologie spezialisierte Professor Andrea Mazzatenta bestätigt: Wildschweine näherten sich den Ortschaften gerade deshalb, um dem Jagddruck zu entkommen.

Diese historischen Freisetzungen gelten als ein wichtiger Faktor für die heutige Populationsdynamik, die sich durch Jagddruck, Fragmentierung der Rotten und steigende Reproduktionsraten weiter verstärkt hat.

Die Wissenschaft ist eindeutig: Bejagung steigert die Vermehrung

Der Befund ist kein italienischer Sonderfall, sondern international belegt. Eine über 22 Jahre angelegte französische Langzeitstudie verglich zwei Wildschweinpopulationen, eine intensiv bejagte im Departement Haute-Marne und eine kaum bejagte in den Pyrenäen. Das Ergebnis: Unter hohem Jagddruck fällt die Fruchtbarkeit deutlich höher aus, die Geschlechtsreife tritt früher ein, und bereits Frischlingsbachen werden trächtig. Der Mechanismus ist bekannt: Leitbachen unterdrücken über Botenstoffe die Fruchtbarkeit rangniedrigerer Weibchen.Wenn Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger Leitbachen abschiessen, zerfallen die Rotten, die übrigen Weibchen kommen sofort in die Brunst und pflanzen sich mehrfach im Jahr fort. So steigt der Bestand von Jahr zu Jahr. In der Toskana hat sich die Zahl der Wildschweine durch starke Bejagung verdoppelt und die Marke von 200’000 Tieren überschritten.

EFSA: Abschüsse können den Bestand gar nicht senken

Wie wirkungslos die Hobby-Jagd als Steuerungsinstrument ist, zeigt eine Berechnung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Bei einer Reproduktionsdynamik von rund 200 Prozent pro Jahr müssten jährlich mehr als 67 Prozent des Bestands entnommen werden, um eine Population überhaupt zu verkleinern. Tatsächlich liegt die Abschussquote bei etwa 40 Prozent. Die Vermehrung der Wildschweine ist kompensatorisch: Was weggeschossen wird, gleicht die Art innert weniger Jahre wieder aus. Auch das italienische Umweltforschungsinstitut ISPRA hält fest, dass Drückjagden weder den Bestand begrenzen noch Schäden oder Sicherheitsprobleme lösen, sondern die Sozialstruktur stören und die unkontrollierte Ausbreitung der Tiere fördern.

Auch für die Schweiz gilt: Töten ist keine Lösung

Die Schweiz kennt dasselbe Muster. Eine an der Universität Zürich angesiedelte Untersuchung zur Schwarzwildbewirtschaftung kam bereits 2004 zum Schluss, dass Abschuss und jagdliche Fütterung die Schäden nicht nachhaltig senken und die Reproduktion zusätzlich anheizen. Während in rund zwei Dritteln der Kantone die Patentjagd ohne Revierverantwortung praktiziert wird, zeigt der Kanton Genf seit 1974 eine funktionierende Alternative: ein vollständiges Jagdverbot, bei dem nötige Eingriffe ausschliesslich durch professionell ausgebildete Wildhüterinnen und Wildhüter erfolgen. Dieses Modell ist kein Ausreisser, sondern ein übertragbarer Beleg dafür, dass Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd funktioniert. Wer Wildschweine dauerhaft aus den Städten halten will, setzt deshalb auf Prävention: Elektrozäune, konsequente Abfallentsorgung, Wildwarnsysteme und jagdfreie Sicherheitszonen rund um die Ortschaften. Oder mit den Worten der Lega Abolizione Caccia: «Es ist Zeit, sich an die Wissenschaft zu wenden und nicht an die Jagdwelt.»

Wie der Jagddruck die Vermehrung antreibt, dokumentiert das Dossier «Die Jagdtätigkeit lässt die Art vermehren», die ökologische Wirkungslosigkeit der Jagd der Beitrag «Jäger und Naturschutz».

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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