Hobby-Jägerei vergrössert das Problem, das sie lösen will
Die Jagd gilt in der Schweiz nach wie vor als Tradition, als Beitrag zur „Hege“ und zur Regulierung von Wildbeständen. Doch was, wenn genau diese Form der Freizeitjagd die Ursache vieler Probleme ist, und nicht deren Lösung?
Seit Jahrzehnten steigen die Bestände an Rothirschen in der Schweiz stetig an.
Zählte man zu Beginn des Jahrtausends noch rund 23’000 Tiere, waren es 2024 bereits über 40’000. Auch die Zahl der Abschüsse hat sich in diesem Zeitraum praktisch verdoppelt. Trotzdem wuchs der Bestand weiter. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Hobby-Jagd funktioniert als Regulierungsmittel nicht. Dennoch nennt man das in der Jagdsprache wohl: «erfolgreiche Regulierung“.
Auch das grosse, verzweigte Geweih des Rothirsches gilt als Trophäe und genau darin liegt das Problem. Die meisten Hobby-Jäger zielen bevorzugt auf die männlichen Tiere. Doch wissenschaftlich ist längst belegt, dass dieser Abschussfokus kontraproduktiv ist.
Je stärker in einem Gebiet Hirsche geschossen werden, desto weniger männliche Kälber werden geboren. Der Bestand wächst also trotz (oder wegen) der Hobby-Jagd.
Denn das Geschlechterverhältnis verschiebt sich: Weniger Männchen bedeuten mehr Weibchen, und damit mehr Nachwuchs. Eine einfache, aber fatale Rechnung.

Ein Ökosystem aus dem Gleichgewicht
Rothirsche sind Teil des natürlichen Ökosystems. In einer intakten Natur würden Beutegreifer wie Wolf, Luchs oder Bär ihre Bestände regulieren. Doch diese natürlichen Regulatoren wurden über Jahrhunderte systematisch ausgerottet. Die Folge: Hobby-Jäger übernehmen die Rolle der Raubtiere, allerdings ohne deren ökologisches Feingefühl.
Anstatt nach biologischen Prinzipien zu handeln, dominiert die Trophäenjagd. Alte, starke Männchen – genetisch wertvolle Tiere werden entfernt, während die fruchtbaren Weibchen überleben. Das Resultat: Immer dichtere Bestände, mehr Waldschäden, mehr Wildunfälle und eine schwächere genetische Basis der Population. Die Hobby-Jäger fördern genau das, was sie angeblich bekämpfen.
Die Wissenschaft widerspricht dem Jagdmythos
Die Natur hat längst ihre eigene Ordnung. In einem intakten Ökosystem würden Beutegreifer wie Wolf oder Luchs die Hirschbestände auf natürliche Weise regulieren, selektiv, effizient und ohne Jagdschein.
Wildbiologen analysierten über zehntausend Abschüsse und fanden klare Muster:
- Je höher die Populationsdichte, desto weniger männliche Kälber.
- Je mehr alte Hirsche über zehn Jahre im Bestand waren, desto höher der Anteil an männlichem Nachwuchs.
Das Fazit: Nur wenn mehr Hirschkühe geschossen werden und ältere Männchen überleben, kann der Bestand langfristig sinken und stabil bleiben.
Doch das widerspricht der Logik der Hobby-Jägerei, die ihre Jagd nach Geweihgrösse und nicht nach ökologischer Notwendigkeit ausrichtet. Das Ergebnis? Ein Wald voller Rehe und Hirsche, aber ohne Zukunft.
Der Mythos vom „nachhaltigen Hobby-Jäger“
Viele Hobby-Jäger bezeichnen sich gern als Naturschützer. Doch wer in erster Linie auf Trophäen aus ist, jagt nicht aus Verantwortung, sondern aus Leidenschaft, und verfehlt damit die selbst proklamierte Aufgabe der „Hege“.
Nachhaltigkeit bedeutet, ein Ökosystem zu verstehen und zu erhalten. Die gegenwärtige Form der Jagd jedoch stört natürliche Abläufe, fördert Überpopulationen und behindert die Regeneration der Wälder.
Die Hobby-Jagd, wie sie heute praktiziert wird, ist ein ökologischer Selbstbetrug, ein Versuch, ein Problem mit denselben Mitteln zu lösen, die es verursachen.
Die Hobby-Jagd ist kein Naturschutz, sie ist Freizeitunterhaltung mit Gewehr. Sie produziert Blut, Lärm und Zahlen, mit denen sich Hobby-Jäger selbst rechtfertigen, doch die ökologische Bilanz ist desaströs.
Statt den Wald zu schützen, fördert die Hobby-Jagd:
- Überpopulationen durch falsche Zielauswahl,
- Schäden in Schutzwäldern durch übermässigen Verbiss,
- und eine genetisch verarmte Tierpopulation, weil die besten Tiere zuerst fallen.
Und währenddessen verkauft man der Öffentlichkeit die Jagd als «Hege» – ein PR-Wort, das sich hervorragend dazu eignet, Verantwortung zu kaschieren.
Zeit für ein Umdenken
Eine zukunftsfähige Wildbewirtschaftung müsste auf Wissenschaft statt auf Tradition setzen:
- Gezielter Abschuss von Weibchen statt Trophäenjagd.
- Schutz älterer Männchen für stabile Geschlechterverhältnisse.
- Förderung natürlicher Beutegreifer, die das Gleichgewicht wiederherstellen.
Nur so kann Wildtiermanagement tatsächlich nachhaltig sein, nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern als Teil einer ökologischen Verantwortung.
Die Hobby-Jägerei in ihrer heutigen Form ist kein Werkzeug der Regulierung, weder beim Hirsch noch beim Fuchs oder beim Wildschwein, sondern ein Motor der Überpopulation. Sie schadet dem Wild, dem Wald und am Ende auch sich selbst. Wer ernsthaft etwas für die Natur tun will, muss aufhören, sie als Trophäenlager zu betrachten, und anfangen, sie zu verstehen.
Die Hobby-Jägerei ist kein Naturschutz, sondern Naturstörung mit Tradition. Sie ist ein Ritual der Selbstinszenierung, getarnt als ökologische Notwendigkeit. Währenddessen leiden Wald, Wild und Artenvielfalt unter einem System, das sich selbst nicht regulieren kann, weil es gar nicht will.
Es ist an der Zeit, den Mythos vom edlen Hobby-Jäger zu beerdigen. Nicht der Schuss macht den Wald gesünder, sondern das Aufhören.
LASS UNS IN VERBINDUNG BLEIBEN!
Wir möchten dir gerne die neuesten Neuigkeiten und Angebote im Newsletter zukommen lassen.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
JETZT SPENDEN→