15. Mai 2026, 14:04

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Jagd

Uri verlängert Hirschjagd: Gewalt statt Reform

Der Kanton Uri setzt bei der Hirschjagd auf das Prinzip «Mehr vom Gleichen». Weil die Abschussziele bei Rothirschen in den letzten Jahren auf der ordentlichen Hochwildjagd nicht erreicht wurden, verlängern Sicherheitsdirektion, Jagdkommission und Jägerschaft die Jagd im September um drei zusätzliche Tage. Offiziell, um «mehr Hirsche während der ordentlichen Hochwildjagd zu erlegen» und die Ziele bei Stieren und Spiessern besser zu erreichen. De facto heisst das: Noch mehr Jagddruck in einer ohnehin belasteten Phase und statt einer kritischen Überprüfung des Systems Hochjagd eine Ausdehnung der Gewaltspirale in den Lebensraum der Tiere.

Redaktion Wild beim Wild — 16. Februar 2026

Die Argumentation der Behörden folgt einem vertrauten Muster: Die vorgegebenen Abschussziele wurden in den letzten Jahren nicht erreicht, deshalb brauche es eine Anpassung der Jagdzeiten.

Statt die Abschussziele selbst zu hinterfragen oder das Jagdmodell grundsätzlich zu prüfen, wird der Kalender zugunsten der Hobby-Jägerschaft gestreckt. Zwei Wochen Hochwildjagd, acht Tage Pause, drei zusätzliche Jagd-Tage: Uri baut eine zweite Schuss-Welle ein, um die Quote zu erfüllen. Dass Wildtiere weder Tabellen noch «Begleitgruppe» kennen, bleibt eine Randnotiz.

Die Planung ist durch und durch anthropozentrisch: Der Fokus der Zusatzjagd liegt ausdrücklich auf Kahlwild, also Hirschkühen ohne Kalb, sowie auf Spiessern und jungen Stieren. Der Rothirsch wird nicht als fühlendes Individuum betrachtet, sondern als Bestandsposten, der in Alters- und Geschlechtsklassen zerlegt und «bewirtschaftet» wird. Wer zu wenig Hirsche «erntet», schraubt nicht an der Jagdphilosophie, sondern an den Jagdtagen.

Tierschutz als Feigenblatt

Brisant ist die Formulierung, der Abschuss von führenden Kühen und Kälbern sei während der Hochwildjagd «aus Tierschutzgründen nicht mehr vorgesehen». Diese Einschränkung wird präsentiert, als handle es sich um einen Fortschritt. Tatsächlich ist es ein Eingeständnis, dass bisher genau das erlaubt war: hochtragende oder führende Hirschkühe und Jungtiere im Jagdfieber zu schiessen. Die neue Zurückhaltung ist nicht Ausdruck eines konsequenten Tierschutzverständnisses, sondern ein minimaler Korrekturschritt, um die schlimmsten Bilder während der Hochwildjagd zu vermeiden. Bei der Sonderjagd ist es dann wieder erlaubt, wie die Regelungen zur Sonderjagd im Kanton Uri zeigen.

Der entscheidende Punkt bleibt ausgeblendet: Auch Kahlwild, Spiesser und junge Stiere erleben Todesangst, Schmerzen, Jagdstress und Flucht. Sie werden im September im weitläufigen Sommerlebensraum unter Beschuss genommen, in einer Phase, in der sie Energie für den kommenden Winter aufbauen müssten. Stress, verletzte Tiere, lange Nachsuchen, all das lässt sich nicht wegdefinieren, nur weil eine Kategorie von Muttertieren vorübergehend ausgenommen wird.

«Nachjagd bleibt nötig»: Eingeständnis eines gescheiterten Modells

Bemerkenswert offen wird eingeräumt, dass selbst mit verlängerter Hochjagd eine Nachjagd «immer noch erforderlich» sein wird. Die Abschussziele könnten im weitläufigen Sommerlebensraum in der Regel nicht erreicht werden. Übersetzt heisst das: Selbst zusätzliche Jagdtage lösen das Grundproblem nicht. Man fügt den Tieren und Landschaften eine weitere Belastungsschicht hinzu und beginnt im November von vorn.

Die Nachjagd ist jagdkritisch seit Langem umstritten: Sie trifft winternahe, geschwächte Tiere, verknüpft Hobby-Jagd mit Schnee, Kälte und schlechter Sicht und erhöht das Risiko für Fehlabschüsse massiv. Dass Uri dieses Instrument trotz verlängerter Hochjagd beibehalten will, unterstreicht die innere Widersprüchlichkeit der Planung. Ein Modell, das nur mit immer neuen Jagdblöcken funktioniert, ist kein stabiler «wildbiologischer» Ansatz, sondern ein Ausdruck politischer Unwilligkeit, die Abschussdoktrin zu hinterfragen.

«Wildbiologische Gründe»: Die bequeme Floskel

Auffällig ist die Ankündigung, bis Ende 2027 einen «möglichen Jagdbeginn am 1. September» aus «wildbiologischen Gründen» und zur Angleichung an Nachbarkantone vorzubereiten. Dahinter steckt eine bekannte Strategie: Wenn die Hobby-Jägerschaft mehr Jagdtage will, wird der Wunsch als «biologische Notwendigkeit» verpackt. Statt den tatsächlichen Bedürfnissen der Tiere, Ruhephasen, jagdfreien Zonen, Reduktion von Stress, in den Mittelpunkt zu stellen, orientiert man sich an der Konkurrenzlogik der Kantone.

Wildbiologie wird so zur rhetorischen Hülle, um jagdpolitische Wünsche zu legitimieren. In einer ernst gemeinten wildtierökologischen Planung würde man zuerst fragen: Wie viel Hobby-Jagd erträgt ein Hirschbestand, ohne dass Sozialstruktur, Verhalten und Stressbelastung kippen? Welche Rolle könnten Beutegreifer spielen? Welche jagdfreien Rückzugsräume braucht es in einem dicht genutzten Alpenraum? Stattdessen wird die Debatte auf die Frage verengt, wie viele Tage der Mensch zusätzlich schiessen darf.

Bedürfnisse wessen: Der Hobby-Jägerschaft oder der Wildtiere?

Die Sicherheitsdirektion betont, es sei ihr ein Anliegen, «dass die Bedürfnisse der Hobby-Jägerschaft sowie die wildbiologischen Aspekte angemessen berücksichtigt werden». Was fehlt, ist ein dritter Pol: die Perspektive der Wildtiere selbst sowie der Bevölkerung, die Wälder als Erholungs- und Schutzraum nutzen will, nicht als Schiessplatz. «Bedürfnisse der Hobby-Jägerschaft» heissen im Klartext: genügend Jagdtage, erreichbare Abschusspläne, attraktive Trophäen.

Wildtiere haben keine Stimme am runden Tisch der Begleitgruppe. Sie können sich nicht gegen zusätzliche Jagdblöcke wehren, keine Einwände gegen Nachjagden formulieren, keine Alternativen vorschlagen. Ihre «Bedürfnisse» werden indirekt interpretiert, durch dieselben Akteure, die ein Interesse daran haben, weiter jagen zu dürfen. So entsteht ein politisches Dreieck, in dem die Hobby-Jägerschaft ihre eigenen Wünsche als «wildbiologische Notwendigkeit» zurückspiegelt.

Mehr jagdfreie Räume statt mehr Jagdblöcke

Eine zeitgemässe Wildtierpolitik müsste genau umgekehrt ansetzen. Statt zusätzliche Jagd-Tage zu erfinden, bräuchte es grosszügige jagdfreie Zonen, in denen Hirsche natürliche Verhaltensweisen zeigen können, deutlich weniger Hobby-Jagd, dafür professionelle Wildhut dort, wo Regulierung tatsächlich nötig ist, klare Grenzen für Nachjagden und den Abschuss in späten Herbst- und Wintermonaten, Abschussziele, die sich an ökologischen Funktionen und Tierwohl orientieren, nicht an politischen Erwartungen der Hobby-Jägerschaft, und eine Integration von Beutegreifern statt deren Abschuss.

Die Verlängerung der Hirschjagd ist ein politisches Signal: Wenn Abschusspläne nicht erfüllt werden, wird nicht das System hinterfragt, sondern der Druck auf die Tiere erhöht. Für die Hirsche im Kanton Uri bedeutet das, dass der September noch ein Stück weniger Ruhe, noch ein Stück mehr Schüsse und Hetze bringt. Für eine Gesellschaft, die sich Tierschutz gross auf die Fahne schreibt, ist das der falsche Weg.

Mehr dazu im Dossier: Jagd und Tierschutz

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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