SRG-Initiative: Folgen für jagdkritische Medien
Wenn die Öffentlichkeit über Medien abstimmt – was bedeutet das für die Jagddebatte?
Am 8. März 2026 stimmt die Schweiz über die Volksinitiative «200 Franken sind genug!» (SRG-Initiative) ab.
Die Initiative verlangt, die Medienabgabe von 335 auf 200 Franken pro Haushalt zu senken und alle Unternehmen vollständig davon zu befreien. Das würde das SRG-Budget von heute 1,2 Milliarden auf rund 630 Millionen Franken halbieren.
Was hat das mit der Hobby-Jagd zu tun? Mehr, als es auf den ersten Blick scheint.
Ein Brief, der den Finger in die Wunde legt
Eine Radiohörerin, frühere Safari-Guide in Kenia, schrieb Radio SRF einen empörten Brief. Sie beklagte, dass in einer Sendung über die Hobby-Jagd wieder ausschliesslich jagdfreundliche Stimmen zu Wort kamen, keine einzige jagdkritische Stimme wurde gesendet. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Abstimmung über die SRG-Initiative stellte sie die Frage, ob Radio SRF nicht auch die andere Seite zu Wort kommen lassen müsste.
Guten Tag, für Unentschlossene eine Entscheidungshilfe betreffend Halbierungsinitiative? Müsste Radio SRF nicht auch die andere Seite zu Wort kommen lassen? Jene, die das Leben feiern, und nicht diese peinliche Ode an den Tod unterstützen? Ich habe selbst als Safari-Guide in Kenia gearbeitet und bei jeder Begegnung im Busch, vom kleinsten Vogel bis zum Elefanten, die überwältigende Magie des Lebens erfahren und meinen Gästen vermitteln dürfen. In solchen Momenten zu wünschen, man möchte das Gegenüber, eine Mitbewohnerin oder ein Mitbewohner unseres wunderbaren Planeten, mit genauso viel Lust und Recht auf Leben wie wir, umbringen, ist unverständlich. Nicht weiter beobachten, nicht staunend den Austausch mit dem anderen Lebewesen erleben, sondern es tot zusammenbrechen sehen wollen (wenn nicht selbst in Lebensgefahr), zeugt von einem kranken Hirn. Jedes Kind, wenn nicht von früh auf von den Eltern manipuliert, wäre zutiefst erschüttert. Ich auch. Ich freue mich auf eine Sendung, wo nur jagdkritische Leute zu Wort kommen, also ohne dass Jagdbefürwortende Antwortrecht haben, wie heute bei dieser Sendung, wo Jagdkritisierende überhaupt nicht zu Wort kamen. Besten Dank für die Aufmerksamkeit und freundliche Grüsse
Die Antwort der Redakteurin Michèle Schönbächler war professionell formuliert: Man habe die Hobby-Jagd aus dem Blickwinkel des Leistungsauftrags der Kantone beleuchtet. Jagdkritische Perspektiven seien ein «wichtiger Teil der öffentlichen Diskussion» und den Hinweis auf Ausgewogenheit nehme man «gerne auf».
Das ist höfliche Diplomatie. Es ist aber auch ein Eingeständnis: Ausgewogenheit war in dieser Sendung einmal mehr nicht gegeben. Und das in einem Medium, das seine eigene Finanzierung gerade zur Abstimmung stellt.
Dieser Mechanismus ist in unserem Dossier «Medien und Jagdthemen» ausführlich beschrieben: Gut organisierte Interessenverbände erhalten strukturell mehr Sendezeit als kritische Gegenpositionen. Was in der Jagdberichterstattung gilt, gilt offenbar auch im Umgang mit einem medienpolitischen Thema wie der SRG-Initiative.
Was die Halbierungsinitiative konkret bedeutet
Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab. Im Nationalrat sprachen sich 115 Abgeordnete dagegen aus, nur 76 dafür, nach achtstündiger Debatte. Im Ständerat fiel das Ergebnis noch klarer aus: 37 zu 7 Stimmen.
Befürwortende der Initiative betonen die Haushaltsentlastung von 135 Franken pro Jahr und fordern eine schlankere, fokussierte SRG. Gegnerinnen und Gegner warnen vor den Folgen: Bei Annahme müssten laut der Mediengewerkschaft SSM rund 2’450 Vollzeitstellen direkt bei der SRG abgebaut werden und nochmals so viele bei externen Unternehmen, Produktionsfirmen und Freischaffenden.
Der Bundesrat hat als Gegenmassnahme bereits auf Verordnungsstufe beschlossen, die Abgabe bis 2029 schrittweise auf 300 Franken zu senken und weitere Unternehmen zu befreien, ohne Volksabstimmung. Das Initiativkomitee geht ihm damit zu weit.
Die Frage, die selten gestellt wird
Wer die Initiative annimmt, schwächt jenes Medium, das, trotz aller Mängel in der Jagdberichterstattung, noch am ehesten den strukturellen Rahmen bietet, in dem jagdkritische Perspektiven überhaupt eine öffentliche Plattform finden.
Private Regionalmedien sind noch stärker von Anzeigenkunden aus Landwirtschaft, Forst und jagdnahem Gewerbe abhängig als die SRG. Die Krise der Medienbranche ist strukturell bedingt: sinkende Werbeerlöse, verändertes Nutzungsverhalten, wachsende Dominanz globaler Techplattformen. Eine geschwächte SRG würde dieses Vakuum nicht durch unabhängigere Privatmedien füllen, sondern durch noch stärker interessengeleitete.
Das ist keine Wahlempfehlung. Es ist eine Frage, die Unentschlossene stellen sollten: Wer profitiert in der Jagddebatte von einem Mediensystem, das noch abhängiger von organisierten Interessenverbänden wird?
Entscheidungshilfe für Unentschlossene
Die erste Umfrage von GFS Bern zeigte ein Kopf-an-Kopf-Rennen: 48 % tendierten zu Ja, 50 % zu Nein, ungewöhnlich knapp für so früh im Abstimmungskampf.
Argumente für ein Ja (Initiative annehmen): Haushalte sparen 135 Franken pro Jahr, Unternehmen werden vollständig befreit, Druck auf die SRG, schlanker und fokussierter zu werden. Befürwortende aus SVP und Teilen der FDP.
Argumente für ein Nein (Initiative ablehnen): Bundesrat und Parlament lehnen sie ab. Verlust von rund 2’450 Vollzeitstellen bei der SRG, plus gleich viele extern. Romandie und Tessin wären besonders stark betroffen, Service public in Minderheitensprachen gefährdet. Das Bundesrats-Gegenprojekt (schrittweise Senkung auf 300 Franken) ist bereits beschlossen und tritt unabhängig vom Abstimmungsergebnis in Kraft.
Der blinde Fleck: SRF berichtet über sich selbst
Das strukturelle Dilemma ist offensichtlich: SRF berichtet über eine Initiative, die seine eigene Finanzierung halbieren würde. Das erzeugt einen Interessenkonflikt, der in der Berichterstattung selten offen benannt wird. Der Brief der Radiohörerin zeigt, dass das Publikum diesen Widerspruch sehr wohl wahrnimmt, auch wenn die Reaktion der Redaktion ihn diplomatisch einhegt.
Wer kritisch denkt, sollte also zwei Fragen gleichzeitig stellen: Wie ausgewogen berichtet SRF über die Hobby-Jagd und deren Tierquälereien? Und was würde mit der Medienlandschaft passieren, wenn die Initiative angenommen wird?
Beides sind Fragen, die in den meisten Beiträgen zur SRG-Initiative nicht zusammengestellt werden. Genau das ist der Punkt.
Weiterführende Lektüre auf wildbeimwild.com
- Medien und Jagdthemen: Das vollständige Dossier
- Wie Jagdverbände Politik und Öffentlichkeit beeinflussen
- Jagdkrise in Europa: FACE kämpft um Schüsse, die Schweiz bleibt im Schatten
- Problem-Politikerinnen und -Politiker statt Problemwölfe
- Hobby-Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert
Externe Quellen:
- SRG-Initiative: Initiativkomitee
- BAKOM: Volksabstimmung zur SRG-Initiative
- SSM: Halbierungsinitiative gefährdet Medienvielfalt
- EasyVote: SRG-Initiative erklärt
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