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Jagd

Patentjagd als Lösung gegen Rothirsch-Konflikte?

Ein Leserbrief auf Linth24 bringt eine heikle Forderung auf den Punkt: Der Kanton St. Gallen solle die Patentjagd einführen, um «Hirschstiere» stärker zu bejagen und so Wald- und Landwirtschaftsschäden sowie Wildunfälle zu reduzieren. Der Autor ist Waldbesitzer und Hobby-Jäger Urs Britt aus Wattwil. Im Text wird zugleich behauptet, der Rothirschbestand habe sich in 20 Jahren «fast verdreifacht» und liege heute trotz Abschüssen bei rund 2’500 Tieren.

Redaktion Wild beim Wild — 20. Dezember 2025

Die Forderung wirkt auf den ersten Blick logisch: Wenn es Konflikte gibt, müsse die Hobby-Jagd «wirksamer» werden.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch: Die Debatte ist weniger eine Frage von «zu wenig Jagd», sondern eine Frage von Zielen, Zuständigkeiten, Daten, Vollzug und eines Systems, das Leid produziert, ohne Konflikte zuverlässig zu lösen.

1) Politischer Hintergrund: «Gegensteuer» über höhere Abschüsse

Linth24 ordnet den Leserbrief in einen politischen Vorstoss ein: Drei SVP-Kantonsräte (Christian Vogel, Bruno Schweizer, Marco Gadient) halten die Zunahme der Hirsche für problematisch und verlangen mehr Abschüsse im Kanton St. Gallen. Der Leserbrief wird als Verstärkung dieser Linie veröffentlicht.

Wichtig ist dabei: Es geht nicht nur um Bestände, sondern auch um Deutungshoheit. Wer das Problem definiert, definiert meist auch die Lösung. In dieser Logik lautet die Lösung fast immer: mehr Tiere töten, schneller, breiter, mit weniger Einschränkungen.

2) Die Zahl, die alles entscheiden soll: «2’500 Tiere»

Die Zahl 2’500 erzeugt Dringlichkeit und legt eine simple Konsequenz nahe. Was jedoch fehlt, ist der Kontext:

  • Wo genau liegen die Konflikt-Hotspots?
  • Wie stark ist der Einfluss auf die Waldverjüngung tatsächlich und nachweisbar?
  • Wie entwickeln sich Schäden über mehrere Jahre?
  • Welche Wirkung hatten die bisherigen Jagdmassnahmen konkret?

Ohne diese Einordnung ist die Zahl vor allem eines: ein politischer Hebel.

3) Jagdstatistik: Hohe Zielerreichung, dennoch steigende Bestände

Der Kanton St. Gallen meldete für das Jagdjahr 2023: Über 800 Rothirsche wurden erlegt, die Abschussvorgaben wurden kantonsweit zu 97 Prozent erfüllt. Gleichzeitig stellt der Kanton fest: Die Rothirschbestände steigen weiter an.

Hier liegt der Kernkonflikt. Wenn Abschusspläne fast vollständig erfüllt werden, ist das Problem nicht automatisch «fehlende Jagd». Dann rücken andere Faktoren in den Vordergrund: Lebensraumqualität, Zuwanderung, Verteilung der Tiere, Störungsdruck, Jagdorganisation, Schutzgebiete, Fütterungseffekte durch Landwirtschaft und milde Winter.

Wer in dieser Lage einen Systemwechsel fordert, muss belegen, weshalb Patentjagd diese Faktoren besser steuern soll. Genau dieser Beleg fehlt im Leserbrief.

4) Vertrauensfrage: Vollzug und Glaubwürdigkeit sind Teil der Debatte

Der Ruf nach «wirksamerer Jagd» lebt von Vertrauen: in Daten, in Kontrolle und in Verhältnismässigkeit. Dieses Vertrauen ist im Kanton St. Gallen in den letzten Jahren nicht unangefochten.

Wild beim Wild dokumentiert seit Längerem Kritik an der St. Galler Jagdverwaltung, unter anderem im Zusammenhang mit Wolfsmanagement, Jagdausbildung, Bewilligungen und Fällen aus der Jagdszene. Unabhängig davon, wie einzelne Vorwürfe bewertet werden, ist ein Punkt besonders relevant: Es gibt eine juristische Korrektur, die die Frage nach Sorgfalt und Dokumentationsqualität im Vollzug berührt.

Bundesgericht: Abschussverfügung war rechtswidrig (30.06.2025)

Das Bundesgericht hielt mit Urteil vom 30. Juni 2025 fest, dass eine St. Galler Abschussverfügung gegen einen Wolf im Schils- und Weisstannental rechtswidrig war, weil vor dem Abschuss unter anderem der Herdenschutz nicht ausreichend geprüft und dokumentiert worden sei. Pro Natura war mit einer Beschwerde erfolgreich.

Politische Irritationen um Amtsleitung

Auch politisch gab es Irritationen. 2024 berichteten SRF und Ostschweizer Medien über Kritik an einer Wolfsjagd-Reise eines St. Galler Amtsleiters nach Russland, die parteiübergreifend für Diskussionen sorgte.

Für die Patentjagd-Forderung bedeutet das: Ein Systemwechsel wird als technische Lösung verkauft, setzt aber eine Verwaltung voraus, die als neutral, transparent und rechtskonform wahrgenommen wird. Wer «mehr Abschüsse» fordert, sollte deshalb ebenso deutlich erklären, wie Datenqualität, Kontrolle, Rechenschaft und externe Überprüfung verbessert werden sollen.

5) Revierjagd vs. Patentjagd: Etikett ersetzt keine Wirkungskontrolle

Die Revierjagd mit verpachteten Revieren ist in St. Gallen etabliert. Patentjagd würde das Prinzip verändern: Statt Jagdgesellschaften mit Revierverantwortung würden einzelne Patentjägerinnen und Patentjäger nach kantonalen Regeln jagen.

Der Leserbrief behauptet, Patentkantone würden «massiv mehr Hirschstiere» schiessen und die Bestände seien dort «im Rückgang». Das klingt nach Fakt, bleibt im Text aber eine Behauptung ohne Datengrundlage.

Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern die Ausgestaltung: Jagdzeiten, Kontingente, Kontrollen, Ruhezonen, jagdlicher Druck, Schutzgebiete und Datenqualität. Ein Systemwechsel kann zudem neue Probleme erzeugen, etwa mehr Jagddruck, mehr Unruhe im Wald, Verlagerung in schwer bejagbare Räume und Fehlanreize über Trophäen.

6) Waldschäden sind real, aber «mehr schiessen» ist nicht automatisch Waldschutz

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) beschreibt klar: Wildlebende Huftiere können die natürliche Waldverjüngung hemmen, wenn Bestände zu gross sind oder wenn sich Tiere aufgrund von Störungen ungünstig verteilen. Genau die zweite Komponente ist entscheidend: Nicht nur «wie viele», sondern auch «wo» und «warum dort».

Das BAFU hat für Wald-Wild-Konflikte eine Vollzugshilfe erarbeitet, die auf integrales Management setzt: Datenerhebung, Wirkungsanalyse, Zielerreichungskontrolle und einen Massnahmenmix. Der Wald wird nicht durch ein einzelnes Instrument geschützt, sondern durch konsequentes Monitoring, Prävention, Lebensraumlenkung und dort jagdliche Eingriffe, wo sie nachweislich wirken.

Wer Waldschutz sagt, muss deshalb auch über Ruhegebiete, Erholungsdruck, Forststrukturen, Jagddruck und die langfristige Entwicklung der Waldverjüngung sprechen. Der Leserbrief reduziert diese Komplexität auf eine Abschussfrage.

7) Wildunfälle: Starkes Argument, aber keine Abkürzung

Der Leserbrief betont die Gefahr von Wildunfällen und nennt einen 150-Kilo-Hirsch als dramatisches Bild. Ja, Zusammenstösse können gravierende Folgen haben. Verkehrssicherheit lässt sich jedoch nicht seriös allein über Jagdregime diskutieren.

Hotspots, Geschwindigkeit, Wildwechselkorridore, Zäune, Warnsysteme und saisonale Bewegungen sind mindestens genauso relevant. Wer Sicherheit ernst meint, muss auch infrastrukturelle Massnahmen und Raumplanung einbeziehen. Sonst bleibt es bei einem emotional starken Argument, das politisch nützt, aber in der Realität zu kurz greift.

8) «Kein Interesse beim Kanton»: Zuständigkeiten und Transparenz

Besonders heikel ist der Vorwurf, Behörden hätten «überhaupt kein Interesse» und Waldeigentümer erhielten kaum Schadenersatz. Der Leserbrief nennt sogar die Zahl von kantonsweit nur 1’000 Franken pro Jahr für Rothirsch-Schäden.

Die kantonalen Informationen zum Thema Wildschaden zeigen jedoch: Betroffene müssen aktiv werden, es gibt Selbsthilfemassnahmen, und die Jagdgesellschaft wird als Ansprechpartner genannt. Das ist keine Entwarnung, widerspricht aber der Darstellung, es gebe grundsätzlich keinen Rahmen.

Was fehlt, sind transparente, öffentlich gut auswertbare Daten über Schadenarten, Präventionsaufwand, Kosten und Entscheidungspraxis. Ohne diese Transparenz entsteht ein Raum, in dem Schuldzuweisungen Fakten ersetzen.

Faktenbox: Was bedeutet Patentjagd?

Revierjagd: Jagdrechte sind an Jagdgesellschaften in festen Revieren verpachtet. Verantwortung und Vollzug sind stark über Reviere organisiert.

Patentjagd: Die Hobby-Jägerschaft löst ein Patent und jagt nach kantonalen Regeln innerhalb definierter Räume und Zeiten. Steuerung erfolgt über Kontingente, Jagdzeiten, Kontrollen sowie Ausnahmen wie Schutzgebiete.

Wichtig: Nicht das Etikett entscheidet, sondern die konkrete Ausgestaltung. Patentjagd kann Jagddruck erhöhen und Tiere stärker verlagern. Sie kann auch Verwaltung und Kontrolle komplexer machen.

Patentjagd ist kein Naturschutzkonzept, sondern ein Jagdmodell

Der Ruf nach Patentjagd wird als pragmatische Reform verkauft. Doch die offiziellen Zahlen zeigen: Abschusspläne werden bereits weitgehend erfüllt. Gleichzeitig steigen die Bestände weiter. Das spricht nicht automatisch für «noch mehr schiessen», sondern für eine ehrliche Debatte über Ursachen, Ziele und Wirksamkeit.

Für wildbeimwild.com bleibt die zentrale Frage: Geht es um Waldschutz und Sicherheit oder um die Ausweitung von Jagdmöglichkeiten unter dem Label «Management»? Wer Biodiversität im Wald schützen will, muss mehr liefern als die immer gleiche Antwort auf jedes Problem: mehr Abschüsse.

Dossier Jagdverwaltung St. Gallen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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