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Tierwelt

Kipppunkt Wolfsregulierung

Warum die geplante Abschussquote in Kombination mit Krankheiten die Art in der Schweiz gefährden kann.

Redaktion Wild beim Wild — 2. August 2025

Die Schweiz verfolgt mit der sogenannten Basisregulierung ein riskantes Konzept im Umgang mit Wölfen.

Ziel ist es, 66 % der Welpen eines Jahrgangs präventiv abzuschiessen, um Konflikte mit der Landwirtschaft einzudämmen und um angeblich die Akzeptanz für den Wolf zu erhalten. Doch aus artenschutzbiologischer Sicht wirft dieses Vorgehen ernsthafte Bedenken auf – insbesondere, wenn natürliche Sterblichkeit und Krankheitsausbrüche in der Population berücksichtigt werden.

Reproduktion und natürliche Mortalität

Ein typisches Wolfsrudel bringt pro Jahr etwa 4–6 Welpen zur Welt. Schon unter natürlichen Bedingungen überleben nur etwa 30–50 % das erste Lebensjahr. Todesursachen sind Krankheiten, Unfälle, Nahrungsmangel oder innerartliche Konkurrenz.

Wenn jedoch zwei Drittel der Welpen gezielt abgeschossen werden, bleiben im besten Fall 1–2 Tiere, von denen wiederum ein erheblicher Anteil zusätzlich durch natürliche Faktoren stirbt. Das bedeutet, dass viele Rudel gar keinen reproduktiven Zuwachs mehr erreichen.

Zusätzliche Bedrohung durch Krankheiten

Die Situation wird noch brisanter, wenn Seuchen wie Staupe (CDV) oder Sarkoptes-Räude auftreten – Krankheiten, die in der Schweiz in Wildtierpopulationen regelmässig nachgewiesen werden. Diese Erkrankungen sind besonders gefährlich für Jungtiere und Sozialverbände wie Wolfsrudel:

  • Staupe kann bei Welpen Sterblichkeitsraten von über 80 % verursachen.
  • Räude führt zu körperlicher Schwächung, Sekundärinfektionen und sozialem Zerfall von Rudeln.
  • Beide Krankheiten sind hoch ansteckend und verbreiten sich schnell rudelübergreifend.

Wenn diese Faktoren zusätzlich zur Regulierung wirken, überleben pro Rudel mitunter gar keine Nachkommen – was mittelfristig zu einem Zusammenbruch der Population führen kann.

Wissenschaftliche Einschätzung

Laut international anerkannten Studien (z. B. Chapron et al., 2015, Science) gilt eine jährliche Entnahme von mehr als 30–40 % einer Wolfs- oder Grossraubtierpopulation als nicht nachhaltig. Auch die IUCN (Internationale Naturschutzunion) warnt, dass grossflächige Eingriffe in sozial strukturierte Tierarten zu Reproduktionsstörungen, Verhaltensänderungen und Populationskollaps führen können.

Weitere Studien bestätigen:

  • Boitani & Mech (2010) betonen, dass stabile Rudelstrukturen entscheidend für das Überleben der Art sind. Werden Jungtiere oder Elterntiere herausgeschossen, verlieren viele Wölfe die Fähigkeit zur natürlichen Jagd, was wiederum Nutztierkonflikte verstärkt.
  • Eine Studie von Treves et al. (2016) zeigt sogar, dass intensive Jagd die Akzeptanz der Art nicht erhöht, sondern Konflikte in der Bevölkerung eher verfestigt.

Bundesrat Albert Röstis Wolfspolitik: Ein ökologischer Blindflug!

Die geplante 66 %-Quote ist artenschutzfachlich nicht zu rechtfertigen, wenn gleichzeitig natürliche Verluste und Krankheitsrisiken nicht eingerechnet werden. Sie riskiert die dauerhafte Destabilisierung einer Tierart, die nicht zufällig geschützt ist, sondern wegen ihres ökologischen Werts.

Anstatt auf reine Zahlenreduktion zu setzen, wäre ein langfristiges, wissenschaftlich abgestütztes Wolfsmanagement notwendig, das:

  • den Erhalt funktionierender Rudelstrukturen fördert,
  • nicht-reproduktive Eingriffe priorisiert (z. B. Vergrämung, Schutzmassnahmen),
  • und auf Monitoring, Prävention und lokale Akzeptanz setzt.

Die wissenschaftlich belegten Risiken und Konsequenzen dieser sogenannten „proaktiven Regulierung“ widerlegen klar die oft wiederholte Behauptung, es gehe nicht um die Ausrottung, sondern lediglich um eine kontrollierte Bestandsregulierung – vergleichbar mit anderen Wildarten. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das nicht haltbar. (Vgl. Populationsgefährdungsanalyse für die Art Wolf – BfN-Schriften / 715 – 2024)

Da davon auszugehen ist, dass Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung mit den relevanten Studien vertraut sind, drängt sich der Verdacht auf: Ziel dieser Strategie ist nicht Regulation, sondern die gezielte Rückdrängung oder gar Wiederausrottung der Wölfe in der Schweiz.

Quellen:

  • Chapron, G. et al. (2015): Recovery of large carnivores in Europe’s modern human-dominated landscapes. Science, 346(6216), 1517–1519.
  • Boitani, L., & Mech, L.D. (2010): Wolves: Behavior, Ecology, and Conservation. University of Chicago Press.
  • Treves, A., Krofel, M., & McManus, J. (2016): Predator control should not be a shot in the dark. Frontiers in Ecology and the Environment, 14(7), 380–388.
  • IUCN Guidelines for Reintroductions and Other Conservation Translocations (2013).
  • KORA (Koordinierte Forschungsstelle für Raubtiere, Schweiz): Monitoringberichte Wolf 2023/24.
  • Populationsgefährdungsanalyse für die Art Wolf – ISBN 978-3-89624-477-2
  • https://bfn.bsz-bw.de/…/docId/1899/file/Schrift715.pdf

Dossier: Wolf Schweiz: Fakten, Politik und Grenzen der Jagd

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