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FAQ

Hochjagd Schweiz: Ablauf, Tierschutz und kritische Einordnung

Patentsystem, Jagdstress und die ökologische Rechtfertigung auf dem Prüfstand.

Redaktion Wild beim Wild — 9. April 2026

Jedes Jahr im September strömen Tausende Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in die Schweizer Alpen, um Gämsen, Hirsche und Murmeltiere zu schiessen, während die Wildtiere Wochen des Ausnahmezustands durchleben.

Was ist die Hochjagd?

Die Hochjagd bezeichnet die jährliche Hauptjagdperiode in den Patentjagdkantonen der Schweizer Alpen, namentlich Graubünden, Wallis, Bern, Glarus, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. Das System funktioniert über Jagdpatente: Wer ein solches Patent löst und die Jagdprüfung bestanden hat, darf während der festgelegten Hochjagdzeit in bestimmten Gebieten jagen.

Das Dossier Hochjagd Schweiz gibt eine umfassende Darstellung des Systems, seiner Geschichte und seiner ökologischen Konsequenzen.

Wann und wo findet die Hochjagd statt?

In Graubünden beginnt die Hochjagd Anfang September und sie dauert rund drei Wochen. Danach folgt eine kurze Pause, bevor die Sonderjagd auf Hirschwild beginnt. In anderen Patentjagdkantonen variieren Daten und Dauer. Die Hochjagd findet primär im Gebirge statt, in Höhenlagen, wo Gämsen, Steinböcke und Hirsche ihren Sommerlebensraum haben.

Die betroffenen Wildtiere befinden sich zu diesem Zeitpunkt in einer entscheidenden Phase des Jahres: Sie bereiten sich auf den Winter vor, legen Fettreserven an und nutzen noch die letzten Wochen mit ausreichend Nahrungsangebot.

Welche Tierarten werden während der Hochjagd geschossen?

Zu den Hauptzielarten der Hochjagd gehören Gämse, Rothirsch, Reh, Murmeltier und Alpenschneehuhn. Während Gämse und Hirsch als «edele» Jagdbeute gelten, werden auch Arten wie das Murmeltier in erheblichen Stückzahlen erlegt, obwohl dieses bei der Öffentlichkeit als Sympathietier gilt.

Das Dossier Murmeltier Schweiz dokumentiert den Widerspruch zwischen dem Tourismusimage des Murmeltiers und seiner Rolle als Jagdwild. Der Steinbock in der Schweiz ist ein weiteres prägnantes Beispiel: nach seiner Ausrottung und Wiederansiedlung heute wieder als Trophäenwild freigegeben.

Die Hochjagd als Stresstest für Wildtiere

Wissenschaftliche Studien belegen, dass intensiver Jagddruck zu massiv erhöhten Stresshormonen, verändertem Verhalten und erzwungener Habitatverlagerung bei Wildtieren führt. Gämsen, die aus ihren angestammten Gebirgsrevieren fliehen müssen, riskieren Abstürze, sind geschwächt für den Winter und verlieren soziale Verbände.

Das Gämsendossier verbindet Jagdstress mit dem Klimawandel, der den Lebensraum der Gämse im Hochgebirge ohnehin einschränkt. Ein doppelter Druck mit kumulativen Folgen.

Das Patentsystem und seine Logik

Das Patentsystem unterscheidet sich von der Revierjagd dadurch, dass kein festes Revier gebunden ist, sondern ein Patent für ein ganzes Jagdgebiet erworben wird. Das hat Konsequenzen: Statt weniger, ortskundiger Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger strömen während der Hochjagd teils Tausende in ein Gebiet. Das erhöht den Jagddruck, verringert die Qualität der Abschüsse und steigert die Unfallgefahr.

Das Dossier Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und Mythen vergleicht die verschiedenen Jagdsysteme und zeigt, was die Zahlen hinter der Hochjagd tatsächlich aussagen.

Hochjagd und Tourismus: ein Nutzungskonflikt

Graubünden ist im September gleichzeitig Hochsaison im Wandertourismus und Beginn der Hochjagd. Wandernde, Biker und Naturbeobachtende teilen die Berge mit Tausenden Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern. Warntafeln, Weiträumigkeitspflichten und Sperrgebiete sind die Folge: Die öffentliche Infrastruktur wird für eine private Freizeitaktivität eingeschränkt.

Die ökologische Rechtfertigung auf dem Prüfstand

Die Hochjagd wird regelmässig mit Bestandsregulierung begründet. Tatsächlich zeigt die Forschung, dass selektive Abschüsse durch professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter ökologisch zielgenauer wären. Das Dossier Argumentarium für professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter legt dar, welche Managementmethoden wissenschaftlich fundierter sind als die Hochjagd.

Fazit

Die Hochjagd ist ein tiefverwurzeltes Kulturphänomen in bestimmten Schweizer Kantonen. Das ändert aber nichts an ihrer ökologischen und tierschutzrechtlichen Problematik. Für Tausende von Wildtieren bedeutet sie jährlich Wochen des Ausnahmezustands, physischen Stress, Fehlschüsse und Tod als Preis dafür, dass Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger ihrer Freizeittätigkeit nachgehen können. Eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über dieses Verhältnis steht aus.

Quellen

  • JSG (SR 922.0): Bundesgesetz über die Jagd
  • JSV (SR 922.01): Jagdverordnung
  • Kantonale Jagdgesetze und Patentverordnungen (GR, GL, UR, SZ, OW, NW, AR, AI)
  • Amt für Jagd und Fischerei Graubünden: Hochjagdberichte und Abschussstatistiken
  • Eidgenössische Jagdstatistik (BAFU/Wildtier Schweiz)
  • BAFU: Vollzugshilfe Wald und Wild
  • Zwijacz-Kozica et al.: Jagdstress bei Schalenwild (Applied Animal Behaviour Science)

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