Jagdzeit bis Silvester: Abschussdruck statt Management
Am 29. Dezember 2025 publizierte das Regionalportal Toggenburg24 einen Leserbeitrag, der eine grundlegende Frage stellt: Weshalb wird eine Jagdzeitverlängerung in einzelnen Rotwildgebieten gewährt, in anderen aber verweigert? Beschrieben wird dabei auch, dass einzelne Reviere per eingeschriebenem Brief verpflichtet worden seien, zusätzliche Bewegungsjagden zu organisieren, teils mit revierfremden Hobby-Jägern.
Beschrieben wird dabei auch, dass einzelne Reviere per eingeschriebenem Brief verpflichtet worden seien, zusätzliche Bewegungsjagden zu organisieren, teils mit revierfremden Hobby-Jägern.
Was auf den ersten Blick wie eine verwaltungstechnische Ungleichbehandlung wirkt, ist in Wahrheit ein Symptom eines grösseren Problems. Die Hobby-Jagd ist vielerorts ausser Rand und Band, weil sie sich zunehmend wie ein System aus Zielvorgaben, Druck und administrativer Nachsteuerung anfühlt. Dort, wo Sollzahlen und Abschusserfolg dominieren, wird das einzelne Wildtier zur Planposition, und Leid zur Nebenfrage.
Der Kern des Streits: Zielvorgaben, Wetter, Druck
Im Beitrag wird geschildert, dass das Amt für Natur, Jagd und Fischerei seit Jahren einen höheren Hirschabschuss fordert, begründet mit Wildschäden und Druck auf die Waldverjüngung, vor allem im südlichen Kantonsteil. Gleichzeitig heisst es, die Witterung habe die Erreichung der Abschussvorgaben erschwert. Deshalb sei die Jagdzeit in der Rotwildhegegemeinschaft 1 bis Ende Jahr verlängert worden. In der Rotwildhegegemeinschaft 2 dagegen nur für wenige Reviere, obwohl auch dort die Abschusszahlen hinter den Vorgaben liegen sollen.
Schon diese Sprache ist bezeichnend. Witterung ist kein Problem, sondern ein Schutzfaktor. Kälte, Schnee, schlechtere Sicht und schwierigere Pirsch reduzieren den Jagderfolg. Genau das sollte aus Sicht des Tierschutzes ein Signal für Zurückhaltung sein, nicht der Anlass für noch mehr Jagddruck.
Bewegungsjagd auf Anordnung: Wenn Gewalt organisiert wird
Besonders brisant ist die Passage, wonach ausgewählte Reviere am 5. Dezember 2025 per Verfügung verpflichtet worden seien, zusätzliche Bewegungsjagden durchzuführen und revierfremde Hobby-Jäger einzusetzen. Der Autor spricht von einem Diktat und stellt die Autonomie der Reviere gegen das kantonale Amt.
Aus Sicht des Tierschutzes stellt sich jedoch eine grundlegendere Frage: Warum wird Jagd als Freizeitpraxis wie ein staatlich nachsteuerbarer Produktionsprozess behandelt? Bewegungsjagden bedeuten für Wildtiere enormen Stress, lange Fluchten, Trennung von Gruppen und ein erhöhtes Risiko für Fehlabschüsse und belastende Nachsuchen. Wer Jagdzeiten immer mehr in den Winter verlängert und gleichzeitig zusätzlichen Jagddruck organisiert, nimmt bewusst in Kauf, dass sich Leid vervielfacht.
Wer bestimmt eigentlich die «Notwendigkeit»?
Der Leserbeitrag fragt, ob der Druck des Rotwilds auf den Wald tatsächlich so gross sei, wenn wichtigen Revieren die Jagdzeitverlängerung verweigert werde. Diese Frage ist legitim, greift aber zu kurz. Denn die entscheidende Frage lautet: Weshalb ist das Mittel so oft die Flinte?
Wildschäden haben viele Ursachen. Klimastress, monotone Forststrukturen, fragmentierte Lebensräume, Freizeitdruck, Strassen und touristische Infrastruktur spielen eine zentrale Rolle. Rotwild wird dennoch regelmässig zum bequemen Sündenbock erklärt, und Jagd zur vermeintlich einfachen Stellschraube. Wer dieses System weiterdreht, landet zwangsläufig bei immer längeren Jagdzeiten, immer mehr Abschüssen und immer neuen «Massnahmen». Das ist keine nachhaltige Wildtierpolitik, sondern eine Eskalation des Jagddrucks.
Der blinde Fleck: Wenn Jagddruck und Beutegreifer-Politik zusammenpassen
Hier zeigt sich ein struktureller Widerspruch, der in der Jagdpolitik regelmässig ausgeblendet wird. Auffällig ist, dass jene Kreise, die längere Jagdzeiten, höhere Abschusszahlen und mehr jagdlichen Druck fordern, häufig auch zu den lautesten Gegnern von Beutegreifern wie Wolf, Fuchs und Luchs gehören. Die dahinterstehende Logik ist simpel und selten offen ausgesprochen: Wo Beutegreifer fehlen oder politisch geschwächt werden, bleibt mehr Wild als jagdbares Ziel übrig.
Das ist kein ganzheitliches Wildtiermanagement, sondern ein Interessenkonflikt. Management würde bedeuten, Lebensräume zu sichern, Wildruhe zu respektieren und Konflikte präventiv zu lösen. Stattdessen wird der politische Fokus immer wieder auf Abschuss, Entnahme und Jagdzeitverlängerung verengt. Leidtragende sind nicht nur einzelne Wildtiere, sondern auch die Glaubwürdigkeit einer Politik, die Tierschutz betont und gleichzeitig immer neue Schiessanlässe schafft.
Hobby-Jagd: Privileg statt Gemeinwohl
Hinter der Debatte steht auch ein Machtproblem. Jagd ist in grossen Teilen der Schweiz ein privates, prestigeträchtiges Freizeitmodell, wird aber als notwendige Bestandsregulierung verkauft. Wäre tatsächlich das Gemeinwohl leitend, müssten Kriterien wie Tierschutz, Wildruhe, Lebensraumqualität und wissenschaftliche Transparenz im Zentrum stehen. Stattdessen dominiert ein System aus Pacht, Revieren, Abschusslisten und politischen Netzwerken. Und wenn das Wetter nicht mitspielt, wird die Saison verlängert.
Auf wildbeimwild.com benennen wir diese Dynamik klar. In der Hobby-Jagd wird zu oft in Tabellen und Zielzahlen gedacht, während Hobby-Jägerschaft und Behörden über Erfüllungsgrade diskutieren. Die Wildtiere bezahlen den Preis. Genau das ist auch Jagd Schweiz: ein System, das im Zweifel die Jagdlogik ausdehnt, statt sie zu begrenzen.
Was jetzt notwendig wäre
Wenn Politik und Behörden tatsächlich Wildtiere schützen wollten, würden sie nicht über Jagdzeitverlängerungen streiten, sondern klare Leitplanken setzen:
- Verbindliche Tierschutzstandards für Jagdformen, inklusive klarer Grenzen für Bewegungsjagden
- Transparente Datengrundlagen zu Wildschäden, Abschüssen und Unsicherheiten
- Lebensraum-Massnahmen statt Abschussreflex, etwa Waldumbau und Ruhezonen
- Unabhängige Kontrolle von Jagdpraxis, Nachsuchen und Fehlabschüssen
Solange jedoch die Maxime gilt «Ziel verfehlt, Saison verlängern», bleibt die Jagd ein Hobby mit staatlichem Rückenwind. Die Wildtiere bleiben die stillen Verlierer.
Quelle: Toggenburg24, Leserbeitrag von Peter Weigelt, 28.12.2025/29.12.2025.
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