2. Mai 2026, 10:26

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Jagd

200 tote Füchse und Dachse: Hobby-Jagd in Österreich

Nahezu 200 tote Füchse, Dachse und Marder – auf Asphalt ausgebreitet, mit Schubkarren angekarrt, fotografiert und gefeiert. So sah Anfang März 2026 die «Streckenlegung» nach einer Drückjagd im Salzburger Uttendorf aus. Viele der erlegten Weibchen waren zu diesem Zeitpunkt bereits trächtig. Mit ihnen starben ungeborene Jungtiere.

Redaktion Wild beim Wild — 4. März 2026

Was die Hobby-Jägerschaft als «letzte Ehre» und «Andacht» bezeichnet, nennen Tierschützende beim Namen: ein wissenschaftlich widerlegtes Massaker mit politischer Rückendeckung und ein Bild, das die Hobby-Jagdlobby eigentlich lieber nicht in der Öffentlichkeit sähe.

Was in Uttendorf geschah

Der Vorfall ereignete sich kurz nach dem Beginn der Schonfrist am 1. März 2026. Die Hobby-Jägerschaft des Bezirks Braunau am Inn präsentierte gemeinsam die Strecke aus mehreren Wochen Hobby-Jagd. «Jagd Österreich»-Vize Lutz Molter verteidigte die Aktion gegenüber Medien als «Monitoring» und betonte, normalerweise finde eine solche Streckenlegung auf einer Wiese statt, als ob der Ort das eigentliche Problem wäre.

VGT-Obmann DDr. Martin Balluch brachte es auf den Punkt:

Wie kann man diese Tiere nur so hassen, dass man sie mit Lust und Freude tötet?

Die Frage bleibt im Raum und mit ihr die Forderung nach einem grundsätzlichen Umdenken in der österreichischen Jagdpolitik.

Was die Wissenschaft sagt und was die Hobby-Jägerschaft behauptet

Das Fuchsbandwurm-Argument ist der Klassiker jagdlicher Rechtfertigung: Er hält wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand. Dort, wo Füchse seit Jahrzehnten nicht bejagt werden, im Kanton Genf, in Luxemburg, in der Stadt Wien, sind weder Seuchenausbrüche noch messbare Verschlechterungen bei Bodenbrütern dokumentiert. Im Gegenteil: Intensive Hobby-Fuchsjagd führt nachweislich zu jüngeren, immunschwächeren Populationen mit höherem Verbreitungspotenzial für Krankheiten (Comte et al. 2017; Ewald & Eckert 1993; Rushton et al. 2006). Wie die Fuchsjagd-Analyse von wildbeimwild.com zeigt, setzt dieselbe Lobbyargumentation unverändert in der Schweiz, in Österreich und Deutschland an, obwohl die Faktenlage eindeutig ist.

Das Bodenbrüter-Argument: Die angebliche Schutzfunktion für Rebhuhn, Kiebitz und Feldlerche greift ebenfalls nicht. Die Bestände dieser Arten gehen nicht wegen des Fuchses zurück, sondern wegen des Verlusts ihrer Lebensräume durch die Intensivlandwirtschaft. Wer den Fuchs schiesst, rettet keine Feldlerche. Er schiesst einfach einen Fuchs.

Der Dachs geniesst den Schutz von Anhang III der Berner Konvention: Eine Bejagung ist nur zulässig, solange der Bestand nicht gefährdet wird. Österreichs Dachspopulation erholte sich nach den flächendeckenden Baubegasungen der 1970er-Jahre zur Tollwutbekämpfung nur mühsam. Eine massenhafte Tötung wie in Uttendorf steht in direktem Widerspruch zu diesem Schutzgeist und zu den Verpflichtungen, die Österreich international eingegangen ist.

Tradition als Schutzbehauptung

«Tradition» ist das meistgenutzte Argument der Hobby-Jagdlobby, wenn sachliche Begründungen fehlen. Dass diese Tradition 2026 auf einem Asphaltparkplatz mit Schubkarren und Handybildern zelebriert wird, zeigt, wie weit sich das Ritual von jedem ökologischen Kontext entfernt hat.

Dem gegenüber steht die juristische Realität: Das österreichische Tierschutzgesetz verlangt einen «vernünftigen Grund» für die Tötung von Tieren. Den gibt es bei der Beutegreiferjagd nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht. Tradition allein ist kein vernünftiger Grund, das haben Gerichte in anderen Bereichen bereits klargestellt.

Österreichs strukturelles Problem

Uttendorf ist kein Einzelfall, es ist ein Symptom eines kranken Systems. Österreich fehlt, anders als der Stadt Wien oder Luxemburg, eine kohärente, wissenschaftsbasierte Regulierung der Beutegreiferjagd. Der Österreichische Tierschutzverein dokumentiert, dass nach geltendem Jagdrecht sogar Haustiere erschossen werden dürfen, sobald sie sich mehr als 300 Meter vom Wohnhaus entfernen.

Ein ähnliches Kontrollversagen zeigt sich auch bei Hochwildabschüssen: Wie wildbeimwild.com zuletzt berichtete, erschoss ein Hobby-Jäger in St. Wolfgang einen Hirsch mitten in der Schonzeit, ein Fall, der stellvertretend für ein strukturelles Vollzugsdefizit in der österreichischen Jagdverwaltung steht. Kontrolle findet faktisch nicht statt. Konsequenzen auch nicht.

Was jetzt nötig wäre

Tierschutzorganisationen fordern ein Verbot der Hobby-Jagd auf kleine Beutegreifer. Eine Forderung, die in der Jagdgesetzgebung der Bundesländer seit Jahren systematisch ignoriert wird. Was fehlt, ist politischer Mut: ein wissenschaftsbasiertes Moratorium auf die Hobby-Beutegreiferjagd, wie es Wien, Genf und Luxemburg längst vorgemacht haben.

Wer verstehen will, wie tief das Problem in der Jagdstruktur verankert ist, findet in unserem Dossier «Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs» eine faktenbasierte Analyse. Die Mechanismen sind in Österreich dieselben.

Uttendorf wird wiederkommen. Solange Jagdgesetze von Lobbys mitgeschrieben werden und «Tradition» als Freifahrtschein gilt, ist das nur eine Frage des Datums.

Dossiers: Fuchs in der Schweiz: Meistgejagter Beutegreifer ohne Lobby | Fuchsjagd ohne Fakten: Wie JagdSchweiz Probleme erfindet

Quellen:

  • Comte, S. et al. (2017): Echinococcus multilocularis management by fox culling: An inappropriate paradigm, Preventive Veterinary Medicine, 147, 178–185.
  • Ewald, D. & Eckert, J. (1993): Verbreitung und Häufigkeit von E. multilocularis bei Rotfüchsen in der Schweiz, Zeitschrift für Jagdwissenschaften.
  • Rushton, S. P. et al. (2006): Effects of Culling Fox Populations at the Landscape Scale, Journal of Wildlife Management, 70(4), 1102–1110.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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