Hobby-Jäger-Politik in Italien auf dünnem Eis
Am 24. Oktober 2025 berichtete La Sentinella del Canavese über zwei aktuelle Umfragen, laut denen eine deutliche Mehrheit der Italiener gegen die Hobby-Jagd ist – und gegen eine Ausweitung der jagdrechtlichen Freiheiten.
Für die Leserschaft bedeutet das: Wir stehen vor einer kritischen Phase, nicht nur in Italien, sondern auch in Mitteleuropa, in der jagdkritische Stimmen nicht mehr nur eine Minderheit sind.
Dieser Beitrag zeigt, was die Umfrageergebnisse bedeuten, wie die Hobby-Jagdlobby sich positioniert und warum Politik und Gesellschaft jetzt handeln müssen.
Was sagen die Zahlen?
Laut den beiden beauftragten Demoskopie-Instituten wurden folgende Kernaussagen ermittelt:
- Risiken für Sicherheit: Bei der Umfrage von Ipsos gaben 85 % der Befragten an, dass sie die Jagd als mit „erheblichen Risiken für die Sicherheit“ verbunden sehen. Das Institut Istituto Piepoli bestätigte mit 71 % einen ähnlichen Wert.
- Ethische Ablehnung: Laut Ipsos halten 78 % die Jagd ethisch für inakzeptabel, wegen des „Leids der Tiere“. Piepoli setzte den Wert sogar bei 94 % an, die die Jagd abschaffen, stark begrenzen oder zumindest nicht weiter ausweiten wollen.
- Gefährdung der Biodiversität: Zwischen 68 und 69 % der Befragten halten die Hobby-Jagd für eine Bedrohung der Artenvielfalt.
- Gesetzesreform unter Druck: Beim geplanten Gesetzesentwurf „DDL 1552“ zur Reform des Jagdrechts erklärten 61 % der Befragten, gegen ihn zu sein (Ipsos). Bei Piepoli waren es nur noch 24 %, die zustimmten. Ausserdem erklärten 77 % von ihnen, sie seien bereit, eine Petition zu unterzeichnen, um die Jagd abzuschaffen oder zu beschränken.
Diese Resultate sind nicht nur interessant, sie sind alarmierend für eine Jagdpraxis, die bisher über grosse gesellschaftliche Rückendeckung verfügte.
Warum ist das relevant – auch für Deutschland und die Schweiz?
- Gesellschaftlicher Wandel
Dass eine klare Mehrheit in Italien gegen Jagd ist, deutet auf einen breiteren europäischen Trend hin: Tier- und Naturschutzbelange drängen stärker in die öffentliche Wahrnehmung. Wenn die Jagdlobby ihre narrative Basis verliert, wandelt sich das Machtgleichgewicht, auch hierzulande. - Gesetzgeberischer Präzedenzfall
Der genannte Gesetzesentwurf DDL 1552 zielt auf eine Ausweitung der Rechte von Hobby-Jäger etwa hinsichtlich Abschüssen oder Nutzung durch Private. Dass dieser Schritt auf breite Ablehnung stösst, zeigt: Politiker dürfen nicht mehr ungebremst auf Jagdausweitung setzen. In Deutschland und der Schweiz könnten vergleichbare Reformen angestossen werden, ohne sorgfältige Legitimation droht ein Rückschlag. - Konfliktfeld Arten-, Tier- und Naturschutz
Wenn fast 70 % der Befragten Jagd als Bedrohung der Biodiversität sehen, muss sich die Jagdpolitik fragen lassen: Wem dient sie eigentlich? Den Hobby-Jägern oder dem Naturschutz? Dieser Ansatz birgt Sprengstoff für Diskussionen, von Wolfs‐ und Wildschweinpolitik bis zu Reviergrössen und Abschussquoten.
Was läuft in der Praxis problematisch?
- Jagd als Freizeitsport statt Naturschutzinstrument
Viele Jäger sehen sich als Bewahrer der Natur – doch wenn eine so grosse Mehrheit die Jagd ethisch ablehnt (z. B. 78 % laut Ipsos), dann liegt die Vermutung nahe, dass die Praxis für viele Menschen nicht mit diesen Idealen vereinbar ist. - Ausweitung von Rechten ohne Legitimation
Der italienische Artikel kritisiert, dass der Gesetzesentwurf die Rechte der Hobby-Jäger gegenüber dem Willen der italienischen Mehrheit erweitern würde. Wer Legitimation sucht – politisch und gesellschaftlich –, muss mit der Bevölkerung im Gespräch sein, nicht hinter ihr. - Naturschutz versus Jagd
Wenn Menschen die Hobby-Jagd als Risiko für die Artenvielfalt ansehen, dann muss die Jagdbewegung ihre Rolle neu definieren: Wird sie weiterhin Verwalterin der Wildbestände oder Teil des Problems? Sonst droht Isolation vonseiten der Öffentlichkeit.
Was sollte jetzt geschehen?
- Transparenz und Dialog
Jagdverbände und Behörden sollten nicht in abgeschotteten Kreisen agieren. Öffentlichkeit, NGOs und Tier- und Naturschutzorganisationen müssen eingebunden werden. Die Ergebnisse der Umfragen zeigen: Die Mehrheit wünscht, mitzureden. - Gesellschaftliche Legitimation herstellen
Schon diese Umfragen zeigen, dass die Jagdpraxis nicht mehr vorbehaltlos akzeptiert wird. Jagdpolitik sollte daher weniger auf Lobbyinteressen hören und mehr auf gesellschaftliche Werte wie Ethik und Biodiversität. - Reformen nicht einfach durchsetzen, sondern begründen
Wenn Änderungen im Jagdrecht geplant sind – wie in Italien durch DDL 1552 –, müssen sie nachvollziehbar sein: Warum? In welchem Umfang? Mit welchen Risiken? Für wen? Ohne diese Begründung droht Ablehnung. - Tier- und Naturschutz stärker gewichten
Wenn Menschen die Jagd als Gefahr für die Artenvielfalt sehen, darf Jagd nicht länger primär Abschuss- und Freizeitsport sein. Sie muss sich in ein Naturschutzkonzept einfügen – mit klaren Zielen, Kontrolle und Rückkopplung.
Die Umfragen in Italien liefern ein deutliches Signal: Die Gesellschaft wendet sich ab von einer unkritischen Haltung zur Hobby-Jagd. Für Organisationen wie wildbeimwild.com ist das eine Chance – und eine Verpflichtung. Eine Chance, weil das Thema in der Öffentlichkeit breiter verankert werden kann; eine Verpflichtung, weil nicht mehr nur eine Minderheit die Stimme erhebt.
Die Jagd hat ihre historische Rolle – doch sie muss sich neu definieren: als Partnerin von Tier- und Naturschutz, nicht als Konkurrenz. Wenn das nicht gelingt, droht ihr gesellschaftlicher Rückhalt gerade in Zeiten von Artensterben, Klimawandel und ethischen Neubewertungen.
Es bleibt abzuwarten, wie Politik, Verwaltung und Interessenverbände reagieren. Doch eines ist klar: Wer weitermacht wie bisher, riskiert nicht nur die öffentliche Akzeptanz, sondern den Anschluss.
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