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Jagd

Warum die Schweizer Jagd ein Nachsorgeproblem hat

Die Schweizer Jagd versteht sich gern als verantwortungsvolle, professionell regulierte Form der Wildtierbewirtschaftung. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Die Zahl der Nachsuchen und Fehlschüsse bleibt hoch, und viele Tiere sterben langsam an Schussverletzungen, die vermeidbar wären.

Redaktion Wild beim Wild — 9. November 2025

Recherchen in mehreren Kantonen sowie Gespräche mit Wildhütern, Tierärzten und Hundeführern zeichnen ein strukturelles Problem nach, das bislang kaum öffentlich diskutiert wird.

Jedes Jagdjahr verzeichnet mehrere tausend Nachsuchen, also Fälle, in denen angeschossenes Wild über oft grosse Distanzen verfolgt und schliesslich notgetötet werden muss. Offizielle Statistiken sind lückenhaft, doch kantonale Jagdverwaltungen bestätigen, dass ein relevanter Teil des erlegten Wildes nicht sofort tödlich getroffen wird. Hundeführer berichten von steigenden Einsatzzahlen und einer konstant hohen Quote von Fehl- oder Teilschüssen, die vor allem bei Rehen und Wildschweinen auftreten.

Insbesondere in der idyllischen Alpenlandschaft der Schweiz, dort wo Jagdtradition tief verwurzelt ist, hinkt das Selbstbild vieler Hobby-Jäger der Realität hinterher, zumindest dann, wenn man genauer hinschaut. Der Auftrag der Jagd, Hege, Bestandsregulierung und das waidgerechte Töten, ist eine Lotterie. Zu oft bleiben Tiere angeschossen, nicht erlegt, und müssen später qualvoll nachgesucht werden.

Mangelnde Routine trotz Jagdschein

Der Jagdschein garantiert kein konstantes Schiesskönnen. Viele Hobby-Jäger üben lediglich für die obligatorischen Schiessnachweise, nicht jedoch unter realistischen Bedingungen. Bewegungsziele, schlechte Sicht, steiler Winkel oder Stresssituationen bekommen sie selten trainiert. Während Wildhüter eine strukturierte Ausbildung durchlaufen, sind viele Freizeitjäger nur wenige Tage pro Jahr aktiv, zu wenig, um die nötige Routine zu entwickeln.

Zahlreiche Fehlschüsse lassen sich auf Fehleinschätzungen zurückführen: Distanz, Wind, Vegetation und Geländewinkel beeinflussen die Flugbahn deutlich. Moderne Optiken können technische Defizite kaschieren, ersetzen aber keine Erfahrung. Selbst hochwertige Ausrüstung garantiert keinen waidgerechten Schuss, wenn der Benutzer sie nicht beherrscht. Insbesondere im Mittelland nach einer Treibjagd.

Tierleid als systemisches Nebenprodukt

Tierschutzorganisationen kritisieren seit Jahren, dass die Nachsuchenquote ein Warnsignal für strukturelle Probleme ist. Jede Verletzung, die nicht sofort tödlich wirkt, bedeutet für das betroffene Tier Stunden oder Tage massiven Leidens, ein Aspekt, der in der offiziellen Jagdkommunikation oft marginalisiert wird. Wildtierärzte bestätigen regelmässig schwere, nicht sofort tödliche Treffer bei Fundtieren während der Jagdsaison.

Ein Kernproblem ist die Transparenz. Fehlschüsse werden nur unvollständig erfasst; Sanktionen sind selten. Die Verantwortung wird häufig individualisiert, statt systemisch betrachtet. Verpflichtende Trainingsprogramme, regelmässige Leistungskontrollen oder einheitliche, öffentlich zugängliche Statistiken existieren nicht. Nur wenige Kantone führen ein umfassendes Buch der Nachsuchen angeschossener Tiere. In Graubünden etwa gibt es eine entsprechende Statistik, in vielen anderen Kantonen nicht. Auf der Bündner Jagd wird jeder zehnte Hirsch nur angeschossen statt erlegt. Tausende Tiere werden bei der Nachsuche nicht gefunden. Es werden auch nicht auf alle Tierarten Nachsuchen gemacht.

Die hohe Zahl von Nachsuchen in der Schweiz ist kein Zufall, sondern ein Symptom einer Jagdpraxis, die sich stark auf Freizeitjäger stützt, ohne ausreichende Kontrollen oder Qualitätsstandards durchzusetzen. Solange Schiessfertigkeit, Trainingsumfang und Fehlerquoten nicht systematisch überprüft werden, bleibt der Anspruch der „waidgerechten Jagd“ ein Versprechen, das viele Tiere teuer bezahlen.

Dossier: Jagd und Tierschutz

Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.

Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.

Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.

Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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