2. April 2026, 21:20

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Jagd

282’499 tote Waschbären und die Population wächst weiter

Der Deutsche Jagdverband hat die Streckenzahlen für das Jagdjahr 2024/2025 veröffentlicht: 282'499 Waschbären wurden in Deutschland getötet. Eine erschreckende Zahl und dennoch kein Beleg für den Erfolg der Bejagung. Im Gegenteil: Die Zahlen steigen von Jahr zu Jahr. Das ist kein Zufall, sondern eine biologische Gesetzmässigkeit – und das Scheitern einer Jagdpolitik, die sich stur an überholten Konzepten festhält.

Redaktion Wild beim Wild — 15. März 2026

Die Tierrechtsorganisation PETA kritisiert die Jagdverbände scharf.

«Die Hobby-Jägerschaft ist in einen regelrechten Blutrausch verfallen, versteht aber nicht oder will nicht verstehen, dass sie immer mehr Schaden anrichtet. Ihr Konzept ist eindeutig gescheitert», sagt Peter Höffken, Fachreferent bei PETA.

Die Biologie macht der Hobby-Jägerschaft einen Strich durch die Rechnung

Tatsächlich bestätigen jährlich steigende Streckenzahlen, was die Wissenschaft seit Langem beschreibt: Hoher Jagddruck führt bei Waschbären zu erhöhter Fortpflanzungsrate. Je mehr Tiere getötet werden, desto mehr Jungtiere werden geboren, Verluste durch die Hobby-Jagd werden so rasch ausgeglichen oder sogar überkompensiert. Dieses Phänomen der kompensatorischen Reproduktion ist nicht auf Waschbären beschränkt: Beim Wildschwein belegt eine französische Langzeitstudie von Sabrina Servanty und Kollegen (Journal of Animal Ecology) über 22 Jahre, dass intensive Bejagung die Fruchtbarkeit deutlich erhöht und Bachen früher geschlechtsreif werden lässt. Je mehr geschossen wird, desto mehr Tiere gibt es. «Die intensive Bejagung lässt die Population ansteigen. Nur durch einen Jagdstopp kann die Tötungsspirale unterbrochen werden», bestätigt PETA-Referent Höffken.

Langfristige Forschungsergebnisse, insbesondere die Dissertation von Dr. Berit Michler (TU Dresden, Müritz-Nationalpark, 2006 bis 2017), zeigen, dass der Waschbär keine wesentliche Gefahr für einheimische Artenvielfalt darstellt. Im Jahresdurchschnitt besteht seine Nahrung zu über 50 Prozent aus Weichtieren wie Regenwürmern und Schnecken sowie zu 32 Prozent aus pflanzlicher Kost. Wo Rückgänge bei bestimmten Arten, etwa der Europäischen Sumpfschildkröte, dokumentiert sind, ist in erster Linie der Mensch durch Lebensraumverlust und die tödliche Gefahr durch den Strassenverkehr verantwortlich, nicht der Waschbär. Die Reptilien sind dadurch mittlerweile an den Rand des Aussterbens getrieben.

Kassel zeigt, wie es gehen kann: Jagdlobby versucht, es zu stoppen

Die Stadt Kassel startete 2025 auf Initiative des Bundesverbands der Wildtierhilfen gGmbH ein wegweisendes Pilotprojekt: Waschbären werden eingefangen, kastriert und wieder freigelassen. Das Prinzip ist doppelt wirksam: Kastrierte Tiere können sich nicht mehr vermehren, halten aber ihre Reviere besetzt und verhindern so das Nachziehen neuer Tiere. Entscheidend für die Ausbreitung von Populationen ist geeigneter Lebensraum, nicht das Abschussvolumen.

Der Landesjagdverband Hessen versuchte, das Projekt kurz nach dem Start zu torpedieren. Das Bundesumweltministerium stellte jedoch Anfang 2026 klar: Das Sterilisationsprojekt steht im Einklang mit der EU-Verordnung Nr. 1143/2014, da es nachweislich der Populationsverringerung dient. Das Projekt wird fortgeführt. «Wir rufen die Jagdverbände auf, Kastrationsprojekte zu unterstützen, anstatt sie zu sabotieren», so PETA-Referent Höffken. Das Muster ist dabei nicht neu: Schon in Hessen wollte der Landesjagdverband die Waschbärjagd ausweiten, statt wirksamen Alternativen eine Chance zu geben.

Unionsliste als Jagd-Freifahrtschein?

Die Listung des Waschbären auf der EU-Unionsliste invasiver Arten hat weitreichende Folgen. In mehreren deutschen Bundesländern wurden Schonzeiten verkürzt, mit der Konsequenz, dass vermehrt Elterntiere während der Aufzucht getötet werden und ihr Nachwuchs qualvoll verhungert. Wie wildbeimwild.com ausführlich darlegt, ist das Management invasiver Arten keine Lizenz zum Töten: Die EU-Verordnung sieht für bereits grossflächig verbreitete Arten keineswegs primär Bejagung vor, doch genau das wird von Jagdverbänden und vielen Behörden fälschlicherweise so interpretiert.

Der Waschbär gehört sachlich betrachtet nicht auf die EU-Liste der invasiven Arten. Seine Listung ist massgeblich auf den Einfluss jagdaffiner Gruppen zurückzuführen, nicht auf belastbare wissenschaftliche Evidenz. «Grauhörnchen, Nutria und Waschbär sind perfekte Projektionsflächen für eine Jagdpolitik, die sich gern als ‹Artenschutz› verkleidet», hält wildbeimwild.com fest. Die eigentliche Ursache des Artenverlusts in Europa ist eine andere: Die intensive Land- und Forstwirtschaft trägt massgeblich zum Verlust der biologischen Vielfalt bei, weit mehr als ein opportunistischer Allesfresser. Auch die Hobby-Jagd selbst schafft mehr Probleme als sie löst.

Auch in der Schweiz: Waschbären zum Abschuss freigegeben

Das Problem beschränkt sich nicht auf Deutschland. Auch in der Schweiz werden Waschbären systematisch verfolgt, mit denselben wissenschaftlich widerlegten Argumenten. Unser Dossier «Waschbär Schweiz: Jagdkritik, Fakten und Studien» zeigt: Auch hierzulande lautet die Begründung für die Bejagung «falsche Herkunft», eine Argumentation, die wissenschaftlicher Überprüfung nicht standhält. Auch Waschbären haben ein Recht auf Leben, das gilt diesseits wie jenseits des Rheins. Wer ernsthaft über nachhaltigen Umgang mit Waschbären nachdenken will, findet auf wildbeimwild.com zudem praktische Hinweise, wie man Waschbären tierfreundlich fernhält, ohne auf tödliche Mittel zurückzugreifen.

Wissenschaft statt Schrotflinte

282’499 tote Waschbären haben die Population nicht reduziert. Sie haben sie stimuliert. Wer ernsthaft über nachhaltige Wildtierpolitik sprechen will, muss auf die Wissenschaft hören, und nicht auf Hobby-Jagdverbände, die ihr Scheitern mit noch mehr Abschüssen kompensieren wollen. Das Kasseler Modell zeigt: Es gibt humanere und wirksamere Alternativen.

Quellen

Pilotprojekt Kassel: Kastration statt Abschuss (2025) · Dissertation Waschbären, Müritz-Nationalpark 2006 bis 2017 (PDF) · Fakten statt Jägerlatein über Waschbären (2024) · Waschbären sind keine Gefahr (2023) · Welttag des Waschbären (2024) · Hessen will Waschbärjagd ausweiten (2024) · Waschbären gehören nicht in die EU-Liste · Management invasiver Arten: keine Lizenz zum Töten · FAQ: Wie viele Wildtiere werden jährlich geschossen? · FAQ: Welche Alternativen zur Jagd gibt es? · Alle Dossiers

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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