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Wildtiere

Grauhörnchen, Waschbär und Nutria: Nicht das Problem

Grauhörnchen, Nutria und Waschbär sind perfekte Projektionsflächen für eine Jagdpolitik, die sich gern als «Artenschutz» verkleidet. Beide stammen aus Amerika, beide stehen auf der EU-Liste invasiver Arten von Unionsbedeutung, und beide dienen in Europa als Begründung für immer neue Tötungsprogramme.

Redaktion Wild beim Wild — 26. November 2025

Beim Grauhörnchen ist das Drehbuch genauso durchschaubar wie beim Waschbär oder Nutria.

Zuerst werden exotische Tiere importiert, verkauft, gehalten, freigelassen. Wenn sie sich dann anpassen, vermehrt auftauchen und Schäden verursacht werden, schlägt die Stunde der Jagdlobby. Plötzlich sind «invasive Arten» ein willkommenes Feindbild, mit dem man Fallenfang, ganzjährige Schonzeitaufhebung und Sonderkompetenzen für Schützen legitimieren kann. Dass Grauhörnchen das einheimische Eichhörnchen durch Nahrungskonkurrenz und Viren tatsächlich bedrohen, ist gut dokumentiert, vor allem in Grossbritannien. Doch aus der ökologischen Problembeschreibung wird politisch rasch der Freipass für die Flinte.

Beim Waschbär kann man beobachten, wohin diese Logik führt. Seit Jahren steigen die Abschusszahlen in Deutschland, gleichzeitig breiten sich die Tiere weiter aus. Eine aktuelle Analyse von Jagdstreckendaten zeigt, wie die Art in immer mehr Gebiete vordringt, obwohl die Hobby-Jagd intensiviert wurde.

Schätzungen gehen inzwischen von weit über einer Million Waschbären in Deutschland aus, neuere Arbeiten sprechen von etwa 1,6 bis 2 Millionen Tieren. Die Botschaft ist unbequem für jene, die Hobby-Jagd als «Regulation» verkaufen: Hunderttausende getötete Tiere bedeuten nicht automatisch Kontrolle, sondern oft nur, dass man in einem offenen System hinterher schiesst.

Trotzdem erzählt man der Öffentlichkeit dieselbe Geschichte wie beim Grauhörnchen. Offizielle Broschüren und EU-Dokumente warnen vor «ökologischen, gesundheitlichen und ökonomischen Schäden» durch invasive Arten. Medien greifen das dankbar auf, bebildern Waschbären im Hühnerstall und Grauhörnchen im Wald und zeichnen das Bild einer Natur, die ohne Waffe aus dem Ruder läuft. In der Schweiz wird seit Jahren vor dem nahenden Grauhörnchen aus Norditalien gewarnt, während dieselben Institutionen gleichzeitig einräumen, dass die Zahl gebietsfremder Arten insgesamt vor allem mit unserem Handel, Verkehr und der Landschaftsnutzung zusammenhängt.

Die Verantwortung des Menschen verschwindet hinter dem Drama «böse Neozoen gegen gute Einheimische». Das ist bequem, aber fachlich unredlich. Grauhörnchen, Nutria und Waschbären sind nicht aus eigenem Antrieb nach Europa geschwommen. Sie sind Produkte eines Systems, das Wildtiere über Jahrzehnte als Dekoration, Ausbeutung, Haustier, Jagdobjekt oder touristische Attraktion behandelt hat. Genau dieses System ruft heute am lautesten nach Ausrottung.

Dabei gäbe es längst andere Wege, als immer nur neue Tierarten für die «Nachsitzung mit der Büchse» zu rekrutieren. Für das Grauhörnchen wird in Grossbritannien seit Jahren an einer oralen Immun-Kontrazeption geforscht. Ziel ist ein Impfstoff, der über spezielle Futterautomaten aufgenommen wird und die Fruchtbarkeit senkt, ohne Tiere direkt töten zu müssen. Die Studien zeigen, dass sich Grauhörnchen zuverlässig an artspezifische Köderstationen gewöhnen, was eine gezielte Verabreichung ermöglicht.

Genau an diesem Punkt wird es spannend für den Tierschutz. Wenn es technisch möglich ist, Bestände über Fruchtbarkeitskontrolle langfristig zu senken, dann verliert die Behauptung, Jagd sei «alternativlos», deutlich an Überzeugungskraft. Trotzdem fliesst der Löwenanteil der Mittel weiterhin in klassische Bekämpfung: Fallen, Abschuss, Fangprämien. Die Entwicklung nicht letaler Methoden wird dagegen mit vergleichsweise bescheidenen Budgets vorangetrieben. Das hat mit Biologie wenig zu tun, aber sehr viel mit Machtverhältnissen und Lobbyarbeit.

Das EU-Recht ist hier eigentlich weiter als viele nationale Debatten. Die Verordnung 1143/2014 verpflichtet die Staaten, gegen invasive Arten vorzugehen, betont aber auch, dass Tierleid so weit wie möglich zu minimieren ist und Managementmassnahmen verhältnismässig und wissenschaftlich begründet sein sollen. In Praxis und Kommunikation kommt dieser Passus oft kaum vor. Auf Plakaten und in Jagdzeitschriften dominiert das martialische Vokabular von «Tilgung» und «Ausmerzung», nicht die nüchterne Frage nach der tatsächlich besten Lösung.

Für die Schweiz ist die Lage beim Grauhörnchen noch relativ entspannt. Offiziell gibt es keine etablierten Populationen, es handelt sich bisher um ein Szenario an der Grenze. Genau deshalb wäre jetzt der Zeitpunkt, aus dem Waschbär-Desaster zu lernen. Statt abzuwarten, bis das Tier zur medialen Schreckfigur aufgebaut ist und sich die übliche Spirale aus Forderungen nach «radikaler Bekämpfung» dreht, könnte man konsequent auf Prävention, Haltungsverbote, Kontrolle des Handels und frühzeitig nicht letale Optionen setzen.

In der Schweiz gelten Nutria heute offiziell auch als Neozoon, nicht geschützt, und werden wegen Ufer- und Damm­schäden als Problemart geführt. Die jagdliche Antwort fällt wieder verblüffend ähnlich aus. In Deutschland schiessen Hobby-Jäger seit Jahren immer mehr Nutria. Jagdstatistiken zeigen stark ansteigende Strecken. Wie beim Waschbären dient die Hobby-Jagd vor allem als sichtbare Aktivität, nicht als nachweislich wirksame Lösung.

In Italien wurden freilebende Nutria im Feld betäubt, um chirurgische Reproduktionskontrolle vorzunehmen, also die Tiere zu sterilisieren statt zu töten. Die grosse europäische Übersichtsarbeit zur Fruchtbarkeitskontrolle bei Wildtieren nennt Nutria explizit als Kandidat für zukünftige Kontrazeptionsprojekte, zusammen mit anderen konfliktträchtigen Arten. Parallel dazu laufen Untersuchungen zur Tiergerechtheit von Lebendfallen und zum Umgang mit Beifang, um überhaupt ein Mindestmass an Tierschutz in die bestehenden Managementpläne zu bringen.

Wer Grauhörnchen, Nutria und Waschbär ernsthaft als Problem begreift, müsste zuerst an den Stellschrauben drehen, die wir wirklich in der Hand haben. Kein Handel mit exotischen Wildtieren für den Heimtiermarkt. Keine «Privat-Zoos», in denen bei der ersten Überforderung Tiere einfach ausgesetzt werden. Klare Vorgaben für Gemeinden und Kantone, wie mit ersten Nachweisen umzugehen ist, vom Monitoring bis hin zur Frage, ob es Pilotprojekte mit Fruchtbarkeitskontrolle geben soll. All das wäre deutlich näher an echter Verantwortung als das reflexhafte Aufrüsten von Fallenparks im Wald.

Stattdessen inszeniert man die Hobby-Jagd gern als Feuerwehr, die aufräumt, was andere verbockt haben. Das Problem: Die Feuerwehr legt das Feuer lieber nicht ab. Was beim Waschbär längst sichtbar ist, würde sich beim Grauhörnchen wiederholen. Immer neue Rekordstrecken, immer neue Appelle an «waidgerechte Bekämpfung», während die Populationen sich anpassen und weiter etablieren. Die Natur hat in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll gezeigt, wie schnell sie Lücken füllt, die der Mensch freischiesst.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Grauhörnchen, Nutria und Waschbär «nett» oder «böse» sind. Die Frage ist, welche Art von Mensch-Tier-Beziehung wir in Zukunft akzeptabel finden. Ein Modell, in dem jede ökologische Verschiebung am Ende mit Patronen beantwortet wird, oder eines, in dem wir Ursachenbekämpfung, Vorsorge und moderne, möglichst nicht letale Regulierung in den Mittelpunkt stellen.

Für eine jagdkritische Perspektive ist die Parallele klar: Invasive Arten sind real, ihre Auswirkungen können gravierend sein. Aber sie sind kein Freipass für ein jagdliches Dauer-Ausnahme­recht, sondern ein weiterer Beweis dafür, dass ein System, das Tiere als Werkzeuge betrachtet, am Ende ständig neue «Schuldige» produziert. Grauhörnchen, Nutria und Waschbär sind nicht das Problem. Sie sind das Symptom. Das eigentliche Problem liegt im Umgang des Menschen mit Wildtieren, und der kann nicht weggegessen werden.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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