3. April 2026, 00:13

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Jagd

Die alten Jagd-Märchen im neuen Kleid

Nau.ch erzählt eine bekannte Story: Mehr Rehe und Hirsche, mehr Schaden, mehr Jagd. Sie klingt vertraut, weil sie seit Jahrzehnten wiederholt wird.

Redaktion Wild beim Wild — 4. Januar 2026

Doch sie bleibt unvollständig, solange Beutegreifer aus Erfolgszahlen herausgerechnet werden und von der Hobby-Jägerschaft gemachte Ursachen zu wenig Konsequenzen haben.

Die Hobby-Jägerschaft bleibt dabei zu oft aussen vor, obwohl genau diese Perspektive für eine ehrliche Debatte nötig ist.

Das Märchen 1: «Mehr Tiere» wird automatisch zu «Problem»

Nau.ch setzt den Ton früh: «magische Begegnungen», aber dann «Ärger im Wald». Danach folgt das bekannte Drehbuch: Bestandszunahme gleich Schaden gleich Jagddruck. Was fehlt: Der Unterschied zwischen Bestand (Schätzung), Dichte (lokal) und Schaden (sehr lokal). Der Artikel sagt zwar selbst, Bestände liessen sich «nur schätzen» und Kantone zählten unterschiedlich, baut die Story aber trotzdem auf den grossen Zahlen auf.

Das Märchen 2: «Sie knabbern unsere Wälder kaputt»

Die Formulierung «knabbern sich … durch unsere Wälder» ist emotional, aber nicht analytisch. Damit wird suggeriert: Wildtiere ruinieren «aufwendige Forstarbeit» und Klimaanpassung. Das Märchen dahinter: Wildtiere seien der Störfaktor, Waldbau und Nutzung seien neutral. Dabei ist Wald in der Schweiz Kulturlandschaft, geprägt von Baumartenwahl, Bewirtschaftung, Schutzwaldzielen, Störungen, Erschliessung und Jagdregime. Genau diese Mitverantwortung bleibt im Hintergrund.

Das Märchen 3: «Die Ursache ist die Natur, nicht wir»

Nau nennt als Grund für Zunahmen das «grosse Nahrungsangebot durch die intensivere Landwirtschaft» und naturnähere Wälder. Das ist der zentrale Punkt, wird aber nicht konsequent zu Ende gedacht: Wenn Landwirtschaft und Nutzung Bestände mittragen, dann kann die Standardantwort nicht lauten, man müsse einfach härter regulieren. Dann müssen Hobby-Jagd, Landwirtschaft, Waldbau, Raumplanung, Besucherlenkung und Verkehr in die Pflicht.

Das Märchen 4: «Sonderjagd löst es»

Der Artikel steuert zur «Lösung»: Sonderjagden in Bern und Graubünden. Dann kommt der Satz: In Graubünden habe man den Bestand seit 2020 «um 17 Prozent reduziert». Hier passiert das typische Märchen: Man feiert Reduktion, ohne die entscheidende Frage zu stellen: Wodurch?

Denn Nau erwähnt Beutegreifer erst später als «Lichtblick» und sagt, der Wolf könne Schäden eindämmen, je nach Region sei das bereits der Fall. Aber: Beim «17 Prozent»-Erfolg wird der Einfluss der Beutegreifer nicht mitgeführt. Genauso werden Beutegreifer aus der Bilanz geschrieben, obwohl sie im System mitwirken.

Das Märchen 5: «Rekordabschüsse, aber zu wenig, also noch mehr»

Nau schreibt: In St. Gallen seien 2024 so viele Hirsche geschossen worden wie noch nie, trotzdem nicht genug, um die Population zu senken. Das ist ein Warnsignal gegen das Jagd-Märchen vom einfachen Drehknopf. Stattdessen wird es im Artikel als Begründung genutzt, warum «das Problem» schwierig sei, inklusive Hinweis, naturnähere Wälder erschwerten die Hobby-Jagd. Übersetzt: Ein Zielkonflikt wird so erzählt, dass am Schluss wieder die Hobby-Jagd mehr Handlungsraum bekommen soll.

Das Märchen 6: «Die Spassgesellschaft ist schuld»

Dann wird der Sündenbock geliefert: «24-Stunden-Spassgesellschaft». Menschen würden stören, Hirsche zögen sich in schwer erreichbare Gebiete zurück. Störung kann relevant sein, ja. Aber als Schlagwort ersetzt es differenzierte Massnahmen. Und es lenkt ab: von Futterangebot, Waldbau, Jagddruck, Winterruhezonen und Verkehr, die oft viel stärker wirken als moralische Empörung über Freizeit.

Das Märchen 7: «Dialog von allen Beteiligten», aber jagdkritische Stimmen bleiben randständig

Nau zitiert: Man brauche «Dialog von allen Beteiligten». In der Praxis dominiert aber genau in dem Artikel die Sicht von Jagdbehörde, jagdnahen «Experten» bzw. der Hobby-Jägerschaft und Bauernverband, während jagdkritische Perspektiven strukturell kaum Platz bekommen. Auch der Schweizer Tierschutz STS wird erwähnt, aber eher als Nebenstimme, obwohl er einen zentralen Punkt sagt: Beutegreifer tragen zur natürlichen Regulation bei und stellen die Notwendigkeit intensiver Bejagung infrage.

Was an der Geschichte wirklich fehlt

  1. Verantwortungskette statt Wildtier-Sündenbock
    Landwirtschaftliches Futterangebot, Waldbau, Besucherlenkung, Verkehr und Jagdregime gehören gemeinsam in die Analyse.
  2. Beutegreifer in die Bilanz, nicht nur als «Lichtblick»
    Wenn man Reduktionen nennt, muss man Beutegreifer wie Wölfe und Luchse als Faktor mitdenken, sonst bleibt es Framing.
  3. Ehrlichkeit über Jagd-Wirkung
    Wenn Rekordabschüsse keine klare Senkung bringen, ist das kein Argument für noch mehr Druck, sondern ein Argument für bessere Zieldefinitionen, bessere Indikatoren und weniger Märchen.

Ein weiterer Punkt bleibt fast immer unsichtbar: Hobby-Jagd kann selbst Kompensation auslösen. Wird ein Bestand stark bejagt, kann sich das in manchen Situationen teilweise ausgleichen, zum Beispiel durch höhere Überlebensraten der verbleibenden Tiere oder bessere Reproduktionsraten, weil weniger Konkurrenz um Nahrung besteht, nebst mehr Zuwanderung. Das ist kein exotischer Gedanke, sondern Grundwissen aus der Populationsökologie.

Wenn es um Waldschäden geht, braucht es messbare Kriterien, nicht nur Bestandszahlen. In eine seriöse Darstellung gehören zum Beispiel Waldverjüngungs- und Verbissindikatoren, der Zustand von Schutzwaldflächen, lokal ausgewiesene Schadensperimeter, Unfallzahlen im Verkehr, Wintersterblichkeit, sowie räumliche Daten zu Nutzung, Ruhezonen und Jagddruck.

Wer Schäden begründet, sollte zeigen, wo sie auftreten, wie sie gemessen wurden und welche Massnahmen nachweislich wirken.

Trotzdem wird seit Jahrzehnten so getan, als sei Hobby-Jagd ein einfacher Drehknopf: mehr schiessen gleich weniger Tiere gleich weniger Schaden. In der Realität ist es oft ein Rückkopplungssystem, das sich nicht so bequem steuern lässt. Und wenn trotz hoher Abschüsse kein klarer Rückgang eintritt, wird nicht etwa die Strategie hinterfragt, sondern die Forderung nach noch mehr Eingriffen wird wiederholt.

Es sind seit Jahrzehnten immer die gleichen Jagd-Märchen von der Hobby-Jägerschaft mit ihren Halbwahrheiten.

Dossier Jagdverwaltung St. Gallen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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