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Jagd

Drohnenkrieg gegen Vögel: Sündenbock statt Lösung

Am Bodensee und am Hochrhein brennt seit Jahren die gleiche Frage: Ist der Kormoran schuld an den Problemen der Fischerei und muss deshalb noch mehr geschossen werden?

Redaktion Wild beim Wild — 7. Dezember 2025

Die Schaffhauser Nachrichten berichten nun, dass die Jagd auf den Kormoran in der Region nicht weiter ausgeweitet werden kann.

Die rechtlichen Möglichkeiten zur Dezimierung der Vögel seien ausgereizt, hält der Thurgauer Regierungsrat in der Antwort auf einen parlamentarischen Vorstoss fest. Künftige Massnahmen müssten international koordiniert, ökologisch vertretbar und rechtlich sauber abgestützt sein.

Auf den ersten Blick klingt das nach einem Dämpfer für jene Kreise, die nach immer neuen Abschusskontingenten rufen. In Wahrheit legt diese Antwort aber vor allem eines offen: Die Jagd auf den Kormoran ist nicht nur tierschutzethisch fragwürdig, sie ist auch fachlich untauglich. Seit Jahren wird geschossen, ohne dass sich die angeblichen Probleme lösen.

Ein Vogel am Pranger

Der Kormoran war in Europa durch Verfolgung und Lebensraumzerstörung beinahe ausgerottet und steht deshalb unter internationalem Schutz. In der Schweiz ist er trotzdem im Winter jagdbar. Zwischen 2010 und 2019 wurden laut Schweizerischer Vogelwarte im Schnitt rund 1’500 Kormorane pro Jahr erlegt, inklusive sogenannter Spezialabschüsse.

Besonders heikel ist, dass Abschüsse selbst vor Schutzgebieten nicht haltmachen. Im international bedeutenden Wasservogelreservat Ermatinger Becken am Untersee wurden Kormorane mit Spezialbewilligung geschossen, begründet mit einer angeblichen Gefährdung der Äsche. Erst ein Rekurs von BirdLife Schweiz und ein Entscheid des Thurgauer Verwaltungsgerichts stoppten diese Praxis, weil der behauptete Schaden nicht nachgewiesen werden konnte.

Das Muster ist immer gleich: Die Jagdlobby und Teile der Fischerei kreieren starke Bilder vom angeblichen Fischräuber, Behörden erteilen Sonderbewilligungen, Naturschutzorganisationen müssen vor Gericht den Notstopp ziehen. Dass es hier nicht um seriöses Wildtiermanagement, sondern um Symbolpolitik zulasten eines geschützten Vogels geht, liegt auf der Hand.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache

Während politisch über immer neue Eingriffe diskutiert wird, zeigt das Monitoring am Bodensee eine ganz andere Entwicklung. Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee meldet, dass die Zahl der brütenden Kormorane zwischen 2023 und 2025 um mehr als ein Viertel zurückgegangen ist, von 1’594 auf 1’150 Brutpaare. Auch die Bestände der überwinternden Vögel steigen seit einigen Jahren nicht mehr.

Der Grund dafür ist nicht etwa die Jagd, sondern der Zustand des Sees. Fachleute sehen einen klaren Zusammenhang mit dem Rückgang der Fische. Besonders das überraschende Verschwinden der Stichlinge wird als Ursache dafür genannt, dass weniger Kormorane am Bodensee überleben können.

Mit anderen Worten: Der Kormoran reagiert auf die Lage der Fischbestände, er verursacht sie nicht. Wer in dieser Situation weiter auf Abschüsse setzt, bekämpft Symptome, nicht Ursachen.

Abschüsse ohne Wirkung

Das hat auch ein Experte der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee deutlich gemacht. Rund um den See würden seit Jahren etwa 800 Kormorane geschossen, doch diese Abschüsse hätten keinen nachweisbaren Effekt auf die Bestände, erklärte OAB Vorstandsmitglied Gernot Segelbacher anlässlich der Diskussion um neue Eingriffe mit Drohnen.

Die Schweizerische Vogelwarte kommt zu einem ähnlichen Schluss. Sie zeigt, dass der Fischfang der Berufsfischer positiv mit der Anzahl Kormorane korreliert. Wo viel Fisch ist, sind auch viele Nutzer. Das verstärke zwar das Konkurrenzgefühl, sei aber kein Beleg dafür, dass der Vogel die Bestände zusammenbrechen lasse. Zudem stammen viele Wintergäste aus Populationen an Nord- und Ostsee. Abschüsse in der Schweiz haben deshalb kaum Einfluss auf die Brutkolonien.

Damit stellt sich eine unangenehme Frage: Wenn tausende Vögel in den letzten Jahren getötet wurden, ohne dass sich an der Situation am See etwas grundlegend verbessert hat, was genau rechtfertigt dann eine weitere Verschärfung der Hobby-Jagd?

Hightech statt Ursachenanalyse

Weil die Hobby-Jagd allein offensichtlich nicht wirkt, wird am Bodensee jetzt an einem umfassenden Kormoran-Management gearbeitet. Ab 2026 sollen Drohnen eingesetzt werden, um Eier in den Nestern der Bäume mit Öl zu besprühen. Die so behandelten Eier entwickeln sich nicht weiter, der Bruterfolg bricht ein. Dieses Projekt läuft im Rahmen eines Programms der Internationalen Bodensee-Konferenz bis 2028 und sieht neben Drohnen auch weitere Massnahmen inklusive Abschüsse vor.

Was sich technisch spektakulär anhört, ist aus Tierschutzsicht schlicht problematisch. In den Kolonien leben nicht nur Kormorane. Schon jetzt warnen Experten vor massiven Störungen anderer brütender Vogelarten und vor Kollateralschäden in Schutzgebieten.

Wenn der Thurgauer Regierungsrat nun betont, dass künftige Schritte ökologisch vertretbar und rechtlich abgestützt sein müssen, stellt sich auch hier die Frage: Wie vereinbar ist ein Drohnenkrieg gegen Vögel mit dem Schutzauftrag für internationale Wasser- und Zugvogelreservate am Bodensee und Hochrhein?

Der wahre Patient heisst Bodensee

Während Hobby-Jagd und Hightechmassnahmen für Schlagzeilen sorgen, bleibt der eigentliche Patient oft unerwähnt. Der Bodensee selbst steht unter Druck. Fachberichte der Internationalen Gewässerschutzkommission betonen die zentrale Bedeutung von Uferzonen, Laichhabitaten und ökologischen Schutzzonen rund um den See und dokumentieren den Einfluss von Nährstoffhaushalt, Gewässerverbauung und Klimawandel auf die Fischfauna.

Wenn Felchen, Äschen und andere Arten Mühe haben, dann liegt das an einem Bündel von Stressfaktoren:

  • Erwärmung des Wassers und veränderte Durchmischungsschichten
  • Verbauung und Zerstörung von Flachwasserzonen und Laichplätzen
  • Einträge aus Landwirtschaft und Siedlungen
  • Fischereidruck und falsche Bewirtschaftungsmodelle

Der Kormoran taucht in dieser Liste höchstens als zusätzlicher Nutzer derselben Ressource auf, nicht als Hauptverursacher des Problems. Ihn zur Zielscheibe zu machen, lenkt von den schwierigen, aber notwendigen Reformen in Fischerei, Landwirtschaft und Raumplanung ab.

Jagdpolitik auf Kosten der Glaubwürdigkeit

Vor diesem Hintergrund erscheint die Kormoranjagd am Bodensee und am Rhein als klassisches Beispiel für eine Jagdpolitik, die Emotionen bedient, aber Probleme nicht löst.

  • Sie widerspricht dem Schutzgedanken in internationalen Wasser- und Zugvogelreservaten.
  • Sie ignoriert wissenschaftliche Erkenntnisse, wonach Abschüsse kaum Einfluss auf die Bestände und noch weniger auf die Fischerträge haben.
  • Sie erzeugt ein Bild vom Vogel als Feind, das der Komplexität der ökologischen Zusammenhänge nicht gerecht wird.

Für den Tierschutz ist die Situation doppelt heikel. Einerseits werden hochspezialisierte Wasservögel schon im Schutzgebiet beschossen. Andererseits verroht mit jedem weiteren Ausnahmegesuch und jeder neuen Bewilligung der Umgang mit dem gesetzlichen Artenschutz. Wenn man dort, wo Vögel eigentlich sicher sein sollten, auf Druck der Lobbygruppen jederzeit zur Flinte greift, verliert das Schutzregime seine Glaubwürdigkeit.

Was jetzt zu tun wäre

Die Antwort des Thurgauer Regierungsrats, dass die rechtlichen Möglichkeiten für zusätzliche Abschüsse ausgeschöpft sind, ist ein wichtiger Moment. Sie zeigt: Es gibt Grenzen. Statt diese Grenzen mit immer neuen Tricks zu unterlaufen, sollten Politik und Behörden die Chance nutzen, den Kurs zu korrigieren.

Konkret heisst das:

  1. Keine weitere Ausweitung der Freizeitjagd auf Kormorane in der Region, weder zeitlich noch räumlich.
  2. Konsequenter Schutz der Wasser und Zugvogelreservate, inklusive Ermatinger Becken. Sonderbewilligungen müssen die absolute Ausnahme bleiben und streng wissenschaftlich begründet sein.
  3. Ursachenorientierte Fischerei und Umweltpolitik mit Fokus auf Lebensraumqualität, Klimaanpassung, Laichplätzen und nachhaltiger Bewirtschaftung statt Sündenbockstrategien.
  4. Transparente Datenbasis zu Fischbeständen, Kormoran-Zahlen, Abschüssen und allfälligen Schäden, zugänglich für Öffentlichkeit und Forschung.

Die Botschaft aus Thurgau, dass die Kormoranjagd am Bodensee und Rhein nicht weiter ausgebaut werden kann, ist kein Skandal, sondern längst überfällig. Sie zwingt alle Beteiligten, sich vom einfachen Feindbild zu lösen und den Blick auf den eigentlichen Kern des Problems zu richten: den Zustand des Sees und den Umgang des Menschen mit ihm.

Der Kormoran ist nicht der Gegner der Fischerei, sondern ein Indikator dafür, wie es um das Ökosystem wirklich steht. Ihn abzuschiessen, weil wir die ökologischen Hausaufgaben nicht machen wollen, ist weder fair noch wirksam, weder rechtlich sauber noch ethisch vertretbar.

Wer es ernst meint mit Natur- und Tierschutz am Bodensee und Rhein, sollte deshalb nicht nach der nächsten Patrone rufen, sondern nach besseren Lebensräumen, klügerer Fischerei und einer Politik, die sich am Wissen der Wissenschaft orientiert, nicht am Lautstärkepegel der Jagdlobby.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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