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Kriminalität & Jagd

60 gefangene Vögel entlarven das System Hobby-Jagd

Ein Fall mehr zeigt, wie tief die Hobby-Jagd auch in Frankreich in illegalen Praktiken steckt.

Redaktion Wild beim Wild — 5. Dezember 2025

Im winzigen südfranzösischen Dorf Vérignon im Département Var hat die Gendarmerie Mitte November einen Jagdplatz kontrolliert und Unglaubliches entdeckt: 60 lebende Singvögel in Gefangenschaft, mehrere hundert tote Tiere zum Verzehr vorbereitet, illegale Fallen, verbotene Leimruten, ohne Bewilligung errichtete Bauten in einer Schutzzone und ein ganzes Arsenal an Waffen.

Der Mann, der das Gelände nutzte, ist Hobby-Jäger.

Der Fall steht exemplarisch für eine Jagdkultur, in der Tierquälerei, Gesetzesverstösse und der Mythos vom angeblich naturverbundenen Waidmann auffällig oft Hand in Hand gehen.

Aus Jagdgrund wird Wildererstützpunkt

Die Kontrolle fand am 14. November 2025 statt. Beteiligt waren neben der Gendarmerie auch das französische Amt für Biodiversität (OFB) und die zuständige Behörde für Territorien und Meer (DDTM). Überprüft werden sollte ein Jagdgelände in der Nähe des Regionalen Naturparks Verdon im Hochland des Var.

Was die Einsatzkräfte vorfanden, liest sich wie ein Drehbuch aus einer Tierqual-Doku:

  • 60 lebende Drosseln, die illegal gefangen und gehalten wurden
  • mehrere hundert tote Tiere, fein säuberlich zum Verzehr verpackt
  • Fallen und anderes Fangmaterial
  • 18 Jagdwaffen und umfangreiches weiteres Gerät
  • illegale Bauten auf einem Gelände, das als Naturschutzzone ausgewiesen ist

Die Gendarmerie spricht von mehreren festgestellten Straftaten. Die Vögel wurden nach tierärztlicher Kontrolle freigelassen, der Mann ist auf freiem Fuss, muss aber mit einem Strafverfahren vor dem zuständigen Gericht in Draguignan rechnen.

Verbotene Jagdmethoden als Alltag

Besonders skandalös: Auf dem Gelände wurden sogenannte Leimrutenplätze entdeckt. Diese Form der Vogeljagd, chasse à la glu genannt, ist in Frankreich seit dem Entscheid des Conseil d État von 2021 ausdrücklich verboten.

Bei dieser Methode werden Äste mit einem klebrigen Leim bestrichen. Setzt sich ein Vogel darauf, bleibt er an den Flügeln und am Gefieder haften, schlägt in Panik um sich und hängt schliesslich wehrlos im Leim fest. Offiziell sollten die Tiere lebend gefangen und als Lockvögel eingesetzt werden, in der Praxis aber regelmässig schwer verletzt oder getötet werden. Die höchste französische Verwaltungsgerichtsbarkeit stellte 2021 fest, dass diese Jagdform EU-rechtswidrig ist, weil sie grausam und nicht selektiv ist, also auch viele andere Vogelarten trifft.

Dass nun gerade im Var, einem der ehemaligen Hotspots dieser Praxis, weiterhin Leimjagden betrieben werden, obwohl sie seit Jahren klar illegal sind, zeigt zweierlei:

  1. Die Jagdlobby ist nicht bereit, brutale Traditionen freiwillig aufzugeben.
  2. Die Kontrollen sind so selten, dass sich jahrelanger systematischer Rechtsbruch offenbar lohnt.

Jagdromantik trifft Realität

In der öffentlichen Kommunikation geben sich Jagdverbände gern naturverbunden, gesetzestreu und verantwortungsvoll. Auch der Fall Vérignon erzählt eine andere Geschichte.

  • 60 lebende Vögel im Privatbesitz sprechen nicht von einem gelegentlichen «Fehltritt», sondern von einem systematischen Wildfang.
  • Hunderte tiefgekühlte Tierkörper zeigen, dass hier über längere Zeit ein privater Minischlachthof betrieben wurde.
  • Verbotene Leimruten und illegale Bauten auf Schutzgebiet signalisieren eine souveräne Verachtung für Naturschutzrecht.

Es wäre naiv zu glauben, dieser Hobby-Jäger sei ein absoluter Einzelfall. Im Gegenteil: Der Aufwand der Behörden, mit mehreren Diensten ein einzelnes Jagdareal zu kontrollieren, deutet darauf hin, dass entsprechende Hinweise vorlagen und solche Strukturen in der Region bekannt sind.

Wenn Jagdbehörden, politisch gut vernetzte Verbände und lokale Politik seit Jahrzehnten die Augen zudrücken, wachsen auf Jagdgeländen Parallelwelten, in denen Waffen, Fallen und Tierleid zur Normalität werden.

Warum die Hobby-Jagd so anfällig für Missbrauch ist

Dass genau ein Hobby-Jäger und nicht etwa ein «gewöhnlicher Bürger» 18 Waffen, illegale Fallen und dutzende Tiere bei sich hortet, überrascht kaum. Das liegt in der Logik des Systems:

  1. Zugang zu Waffen und Munition
    Hobby-Jäger verfügen über legale Schusswaffen, kennen die Jagdgebiete und können ihre Anwesenheit dort jederzeit mit angeblicher Revierpflege erklären.
  2. Grauzonen bei Wildtieren
    Wildtiere gelten in vielen Rechtsordnungen als «niemandes Eigentum», bis sie getötet oder gefangen werden. Diese Konstruktion lädt geradezu ein, Tiere als Ressource zu betrachten, mit der man machen kann, was man will.
  3. Tradition als Feigenblatt
    In Frankreich wie auch in der Schweiz werden grausame Jagdpraktiken gern mit dem Wort «Tradition» verteidigt. Genau dieses Argument hat der Conseil d État im Kontext der Leimjagd zurückgewiesen. Tradition allein rechtfertigt keine Tierqual.
  4. Kontrolldefizite
    Jagdgebiete sind oft abgelegen, Kontrollen selten. Wer die Berge oder Wälder als privates Territorium betrachtet, fühlt sich unbeobachtet und unantastbar.

Parallelen zur Schweiz

Der Fall spielt in Frankreich, doch die Mechanismen sind vielen Schweizer Tierschützern vertraut:

  • Auch hier werden immer wieder illegale Fallen, Aasdeponien oder nicht gesetzeskonforme Abschüsse bekannt.
  • Auch hier wird Jagdkritik gern als Angriff auf «kulturelles Erbe» abgewehrt, während Tiere leiden.
  • Auch hier sind es oft engagierte Einzelpersonen oder NGOs, die Missstände dokumentieren und Behörden überhaupt erst zum Handeln zwingen.
  • Seit Jahren werden im Kanton Graubünden jährlich über 1’000 Anzeigen und Ordnungsbussen wegen Jagdverstössen registriert. Während der Hochjagd werden im Kanton Graubünden jedes Jahr gegen 10’000 Hirsche, Gämsen, Rehe und Wildschweine erschossen. Rund neun bis knapp zehn Prozent dieser Abschüsse erfolgen widerrechtlich. Allein in den fünf Jahren vor 2016 bezahlten Hobby-Jäger Ordnungsbussen von über 700’000 Franken wegen Fehlabschüssen. Besonders gravierend sind die Zahlen zu angeschossenen Tieren. Wenn man das auf die ganze Schweiz hochrechnet, erinnern die Strukturen mehr an eine kriminelle Organisation und Tierquälerei.

Die Botschaft aus Vérignon lautet deshalb: Ohne unabhängige Kontrollen und ohne gesellschaftlichen Druck bleibt das Hobby-Jagdmilieu eine Blackbox, in der Tierquälerei leicht unsichtbar bleibt.

Was es jetzt braucht

Aus Tierschutzsicht reicht es nicht, einen einzelnen Hobby-Jäger vor Gericht zu stellen und ein paar Vögel freizulassen. Notwendig wären mindestens:

  1. Systematische Kontrollen von Jagdgeländen
    Insbesondere in Regionen, in denen früher Leimjagden und andere «traditionelle» Fangmethoden verbreitet waren, müssen Gelände, Hütten und Volieren regelmässig überprüft werden.
  2. Konsequente Entwaffnung bei Verstössen
    Wer mit illegalen Fallen, verbotenen Jagdmethoden oder Tierquälerei auffällt, sollte seine Jagdberechtigung und Waffen dauerhaft verlieren.
  3. Transparenz statt Jagdgeheimnis
    Daten zu Kontrollen, Verurteilungen und beschlagnahmten Tieren müssen öffentlich zugänglich sein. Nur so können Medien und Zivilgesellschaft ein realistisches Bild der Hobby-Jagd bekommen.
  4. Stärkung des präventiven Tierschutzes
    Statt das System Hobby-Jagd pauschal als «Wildtiermanagement» zu akzeptieren, braucht es eine wissenschaftliche Debatte über alternative, nicht tödliche Formen des Umgangs mit wildlebenden Tieren.

Ein Symbolfall für ein überholtes System

Der Name Vérignon wird in Frankreich vermutlich bald wieder aus den Schlagzeilen verschwinden. Für die 60 Vögel, die in engen Käfigen auf den Tod warteten, für die hunderten bereits getöteten Tiere und für die ungezählten Tiere, die an Leimruten qualvoll verendet sind, kommt jeder Schritt der Justiz zu spät.

Was bleibt, ist ein Symbolfall. Er zeigt, wie brüchig die Fassade der Hobby-Jagd ist, sobald Behörden ernsthaft hinschauen. Und er erinnert daran, dass Tierquälerei nicht nur am Rande der Gesellschaft passiert, sondern mitten im offiziell anerkannten System Hobby-Jagd.

Solange Wildtiere vor allem als bewegliche Schiessziele gelten, werden solche Skandale keine Ausnahme bleiben, sondern lediglich zufällige Momente, in denen der Vorhang kurz aufgeht.

Dossier: Jagd und Tierschutz

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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