Jagdsaison
Wenn immer mehr Wildtiere geschossen werden, weil es immer mehr gibt, müssen dann noch mehr geschossen werden, damit es weniger werden?
Diese provokante Frage des Wiener Zoologen Dr. Wolfgang Scherzinger bringt es auf den Punkt.
In vielen Gebieten in der Schweiz fängt Anfang September die neue Jagdsaison an.
Jagd ist immer auch eine Form von Krieg gegen Lebewesen, wo die negativen Eigenschaften im Menschen aufleben.
Allein in der Hirschfabrik Graubünden in der Schweiz wurden im Jahr 2014 wegen Verstösse gegen die Jagdgesetzgebung 1007 (995, 964) Ordnungsbussen ausgesprochen und 95 (127, 125) Anzeigen an die Kreisämter erstattet. Praktisch jeder fünfte Hobby-Jäger der 5’804 (5’946) war ein Delinquent, mit einer grossen Dunkelziffer im jährlichen Wechselspiel.
Graubünden mit seiner Hobby-Jagd ist traditionell kein anschauliches Beispiel. Dieser Alpenkanton (7105 km2) ist flächenmässig viel kleiner, als die Alpenkantone Bern, Wallis, Tessin und Uri zusammen (15’072 km2) und dennoch weist Graubünden proportional aufgrund falscher Bejagung immer grösser werdende Abschusszahlen bei Hirsch und Reh auf. Im Jahr 1970 gab es noch einen Rehbestand von 4’300 in Graubünden, während es heute um die 14’500 sind. Beim Rothirsch ist die Zahl von 9’000 auf ebenfalls über 15’400 angewachsen. Viele Hirsche sind Wandertiere aus den umliegenden Gebieten und gehören eigentlich auch nicht den Bündner Jägern, sondern genauso gut der normalen nicht jagenden Bevölkerung. Pro Jahr werden etwa 22’500 Wildtiere auf der Hoch- und Niederjagd in Graubünden ermordet. Um die 1’100 Mal wird eine Nachsuche benötigt, wobei nur etwa die Hälfte erfolgreich ist. Das meiste Wildbret landet in der Kühltruhe der Jäger. Wildschäden an landwirtschaftlichen Kulturen wurden im Kanton 2014 mit 76’901.– (60’335.– 52’200.–) Franken vergütet. Fallwild bei den Huftieren wird mit 2’965 (3’321) angegeben, nämlich 792 (805) Hirsche, 1 446 (1 749) Rehe, 498 (595) Gämsen und 229 (172) Steinböcke.
Jäger stören systematisch die Ruhe der Wildtiere
Heute erklärt die moderne Wildbiologie und Wissenschaft, dass der Jagddruck Wildtierpopulationen erhöht, weil die verbleibenden Wildtiere einfach die Geburtenrate erhöhen. Jagd bedeutet nicht weniger Wild, sondern mehr Geburten. Die Regulation der Wildtierbestände erfolgt nicht durch die Jagd. Die Jagd ist meistens die Ursache angeblicher Probleme. Droht Überpopulation im Biotop, wird die Geburtenrate gesenkt. Werden in einem Gebiet durch die Jagd im Herbst/Winter viele Tiere getötet, haben die Verbliebenen ein besseres Futterangebot. Wildtiere, die gestärkt den Winter überleben, pflanzen sich im Frühjahr zeitiger und zahlenmässig stärker fort. Die wildbiologische Notwendigkeit der Jagd ist nicht nur nicht bewiesen, sondern an vielen Orten widerlegt.
Durch das sorglose Zerschiessen der wild biologisch wichtigen Sozialstrukturen jagdbarer Arten wird auch die Genetik der Tierpopulationen nachhaltig geschädigt. Das Wort «Nachhaltigkeit» wird von Jägern missbraucht, um Unrecht zu legitimieren. Wenn es eine sinnvolle Wildtierregulierung durch die Jagd gäbe, müsste man den Wildbestand nicht jedes Jahr wieder von vorn dezimieren.
Für die meisten jagdlichen Massnahmen gibt es keinen vernünftigen Grund. Dies belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Weil Jäger ihrer Lust am Töten und dem Trophäenkult dennoch nachgehen wollen, tischen sie uns seit Jahrzehnten allerhand «Jägerlatein» auf, mit Folgekosten in Millionen Höhe für die Gesellschaft und zum Leidwesen der Wildtiere und des Naturschutzes. Wenn man eine Lüge genug oft wiederholt, wird sie zum Jägerlatein.
Die Belastung durch die unzähligen Tonnen Blei und andere hochgiftige Schwermetalle, welche die Jäger beim Schiessen in der Natur zurücklassen, ist reiner Ökoterror. Doch Bleimunition ist nicht nur für Menschen schädlich, sie ist auch eine besonders grausame Form der Jagd. Verletzte und nicht gefundene Tiere leiden nicht selten nebst ihren Wunden an einer langsamen Bleivergiftung. Derart verseuchtes Aas schädigt auch Beutegreifer wie Fuchs, Luchs, Dachs, Wolf usw. Finnland, Dänemark und Holland haben die Bleimunition längst verboten. In NRW in Deutschland ist diese Munition mit 87 000 Jägern ab 1. April 2016 ebenfalls verboten.
Viele, zahlreiche, scheinbar unbedeutende Aspekte der Jagd haben negative Auswirkungen. So werden z. B. Eichelhäher und andere Vögel auch ihrer bunten Federn wegen abgeschossen, obwohl sie als Verbreiter von Samen für die Wiederansiedlung und Verjüngung eines Waldes unabdingbar sind. Der Eichelhäher ist den Hobby-Jägern ein Dorn im Auge, weil er ruft, wenn Gefahr droht. Und damit das Wild vertreibt, das die Jäger zur Strecke bringen wollen! Die Jäger sind auch für die vielen Wildunfälle mitverantwortlich. Die Jagd lähmt die normalen Wirtschaftszweige. Hauptverursacher für Waldschäden ist der Jagddruck. Es gibt keine vitalen Wildtierbestände, weil es keine artgerechte Regulierung gibt. Jagd fördert kriminelle Energien wie Mauscheleien, Filz, Korruption, Suchtprobleme, Waffenschmuggel, Wilderei usw.
Grosse Säugetiere wie Rehe, Hirsche und Wildschweine stellen in der kälteren Jahreszeit ihren Verdauungsapparat auf einen «Energiesparmodus» um. Dies hat die Natur so vorgesehen, um im Winter das karge Nahrungsangebot zu kompensieren. Die Stoffwechselaktivität wird reduziert, Körpertemperatur und Pulsfrequenz werden abgesenkt. Die Tiere nehmen dann wenig Nahrung auf und reduzieren entsprechend den Energieverbrauch.
Störungen der in der Winterruhe befindlichen Wildtiere durch Jagden (z. B. der sinnlosen Passjagd auf gesunde Füchse, welche im Winter (bis Anfang März) nachts ausgeübt wird, oder die Sonderjagden) können fatale Folgen haben – für das Wild und die Waldbesitzer. Jeder Schuss und jede Anwesenheit der Jäger bei ihren meist aus Jagdleidenschaft ausgeführten Tätigkeiten und nicht nach wildbiologischer oder ökologischer Notwendigkeit sind eine massive Störung der gesamten Wildtierpopulationen im anliegenden Lebensraum. Durch die energiezehrenden Fluchten verschlechtert sich die Energiebilanz der Tiere, welche durch zusätzliche Nahrungsaufnahme ausgeglichen werden muss. Auch daraus ergibt sich ein direkter Zusammenhang zwischen der Jagd und Verbiss- oder Schälschäden. Die vielen Jagdaktivitäten im Spätherbst und Winter nach der Umstellung der Verdauung vieler Wildtiere provozieren, trotz der temporären Dezimierung der Anzahl der Wildtiere, steigende Schäden an Kulturen und Wald.
Es gibt nichts Unnatürlicheres als die heutige Jagd
Jagd reguliert nicht im Sinne natürlicher Häufigkeit von Wildtierpopulationen, sondern schafft überhöhte oder unterdrückte Bestände. Die unnatürlichen Probleme und Überbestände sind insbesondere durch die Jäger hausgemacht, damit die Jäger sich so selbst einen angeblich gesetzlichen Auftrag zuschieben können. Die Jagd hat schon lange nichts mehr mit ehrbarem Wildtiermanagement zu tun, sondern ist jenseits jeder Ethik zu einem immer brutaleren Abschlachten von Wildtieren verkommen. Das Organisieren attraktiver Jagden zum Spass für die Wildtierterroristen ist Programm. Man nennt es in den einschlägigen Kreisen trügerisch «an den Lebensraum angepasste Wildtierbestände», «Feinregulierung», «Zwei-Stufen-System», «dynamische Bewirtschaftung», «Nutzen», «Ernten», «Abschöpfen» oder derartige sektenartige Propaganda.
JagdSchweiz weiss, dass sich Wildtierbestände grundsätzlich – auch in unserer Kulturlandschaft – von selbst regulieren würden, schrieb der Dachverband der Schweizer Jäger am 29.8.2011.
Wildtiere sind keine Tontauben. Es ist auch nicht zwangsweise so, dass nichtbejagte Wildtiere grössere Schäden anrichten, wie man in Jagdbefriedungsgebieten einwandfrei sehen kann. Im Gegenteil! Wildverbiss kann sogar die Waldverjüngung begünstigen, laut einer Studie im schweizerischen Nationalpark. In diesem Zusammenhang ist es auch zynisch und egoistisch, von Schäden zu reden. Wildtiere wie Reh und Hirsch überfressen sich nicht, sondern nehmen einfach vegane Nahrung auf, oftmals eben dort, wo Jäger sie parkieren. Heute muss kein Jäger zur Nahrungsmittelbeschaffung auf die Jagd. Er nimmt die Waffe, weil er töten will.
Bei schizophrener und immer unsittlicher werdender Jagdplanung (auf der Hochjagd im September ist der Abschuss von Jung- und Muttertieren usw. verboten, unethisch und wird gebüsst, aber auf der Sonderjagd ein paar Wochen später ausdrücklich erwünscht usw.), Pilotprojekten zum Abschiessen von Rehkitzen, Jagen beim Wildasyl, Störungen und Jagen in Wildschutzgebieten usw. geht es um den Erhalt der jagdlichen Unkultur und wenig um Rechtschaffenheit zum Wohle der Wildtiere. Es zeigt, dass das ganze Konzept nichts taugt. Genauso wie die Verantwortlichen für Jagd und Fischerei jedes Jahr die grössten Unruhen und Störungen aller Naturbenutzer bei den Wildtieren veranstalten, provozieren sie dies auch zunehmend in der Politik, im Tourismus, bei Naturorganisationen, Juristen, der Bevölkerung usw.
Die Jagdverantwortlichen und staatlichen Behörden lassen sich mit Blutgeld über eine Tierquälerei bezahlen. Sie pervertieren und manipulieren die Jagd und Jäger fortlaufend. Es gibt grosse Zweifel an der Richtigkeit der Statistiken, Wildbiologie und Jagdethik. Vieles ähnelt mehr respektlosen Tierversuchen als fundierter Wissenschaft. Die Ämter erreichen auch mit den Sonderjagden die gesteckten Ziele nicht (auf der Sonderjagd werden bei Treibjagden Wildtiere im Schnee während der Adventszeit mit Beihilfe von Autos und Handys gejagt und niedergemetzelt). Zum Teil vor der Haustüre der normalen Bevölkerung und vor den Augen der Kinder usw. Die Sonderjagd hat vielen Jägern die Augen geöffnet, was Jagd eigentlich ist, und man ekelt sich davor.
Jagd ist in Strukturen eingebunden, die demokratische Regeln komplett konterkarieren. Hobby-Jäger sind oftmals Leiter der Jagdbehörden und entscheiden in eigener Sache über Auslegung, Anwendung und Sanktionen jagdlicher Vorgänge, was den Beteiligten Vorteile und Abhängigkeiten garantiert. Wildtiere sind keine Nutztiere, wie viele Hobby-Jäger fälschlicherweise behaupten. Wildtiere gehören auch nicht den Jägern (res nullius), die meinen, sie können mit ihnen machen, was sie wollen. Dass Wildtiere natürlich sterben können, bevor der Hobby-Jäger zur Spasserhaltung auch nur einen Schuss abgeben kann, ist wohl ebenfalls ein zentraler Gedanke der Jagdplanung.
Konkurrenzdruck innerhalb der Jägerschaft und Unfairness nehmen stetig zu. Angeschossene, verletzte und psychisch leidende Wildtiere gehören zum normalen Jagdbetrieb. Die Ämter für Jagd und Fischerei verhöhnen dabei auch die Schweizer Gesetzgebung, welche klar sagt, dass waidgerecht gejagt werden muss. Ironischerweise verlangen sie dies von den Hobby-Jägern. Die regelmässigen Sonderjagden basieren auf Unvermögen, schlechter Wissenschaft, Jägerlatein und schaffen immer mehr neue Tierschutzverstösse. Die Ämter für Jagd und Fischerei können nicht selten keine genauen wissenschaftlichen Angaben machen, vieles ist nur geschätzt, vermutet und verdreht. Mit falschen Ideologien soll die Jagdunkultur erhalten, sogar gefördert werden, im Sinne eines abscheulichen Brauchtums. Bei nicht wenigen Experten, aber auch Wildhütern im In- und Ausland, löst das bunte Treiben derartiger Behörden, welche oftmals auch von den lokalen Medien hofiert werden, Kopfschütteln aus.
Unter «Hege» versteht das Gesetz den Schutz und die Pflege wild lebender Tiere, wohingegen sich die «Jagdausübung» auf das Nachstellen, Fangen und Erlegen von Wild bezieht. Es geht darum, Wildtierbestände, die für die Jäger interessant sind, stabil auf hohem Niveau zu halten und die bei uns durch Jägerhand geschwächten Beutegreifer wie Wölfe und Luchse zu ersetzen. Deshalb wird auch der Fuchs fanatisch bejagt. Die Jäger verursachen mit der Niederwildjagd absichtlich schwerwiegende Störungen im natürlichen Artengleichgewicht, um erfolgreicher jagen zu können. Es werden gezielt Lebensräume manipuliert und gestört, zum Unwohlsein aller Wildtiere.
Hobby-Jäger und Bauer machen schlechte Stimmung gegenüber Beutegreifern wie Wolf, Fuchs und Luchs, welche die ökologische Arbeit natürlich und besser erledigen, auch für das Seelenheil der Jäger. Das Wintersterben und Krankheiten gehören ebenfalls zur ökologischen Regulation und schaffen wichtige Nahrung für andere Beutegreifer und Arten. Auch Wildtiere genesen wieder von Krankheiten. Jäger meinen immer, sie müssten sich überall einmischen, dabei sind sie jährlich die grössten Verursacher eines unnatürlichen Massensterbens und unschöner Bilder. Jagdfieber ist eine Krankheit. Wer Wildtiere nicht Wildtiere sein lässt, versteht nichts von Wildtieren und ökologischen Zusammenhängen in der Natur.
Die Freude am Töten von Wildtieren kann kein Ziel unserer Gesellschaft sein und ist dem friedlichen Zusammenleben in unserer Kulturlandschaft in keiner Weise förderlich. Anzutreffen sind in diesem Umfeld vorwiegend mental entsprechend gelagerte Individuen, denen Mitgefühlsfähigkeit hochgradig fehlt. Ein Blick in die einschlägigen Jägermagazine wie den «Bündner Jäger» oder die Fotostrecken von den Ämtern für Jagd und Fischerei, Trophäenschauen usw. bestätigt dies und offenbart regelmässig ein beängstigendes Tötungsvergnügen. Bei der Betrachtung der Strukturen in der Jägerschaft und des Agierens der politischen Instanzen ist nur ein konsequenter Schluss möglich: Die in der Schweiz praktizierte Jagd ist mehrheitlich eine Spassjagd, bei der Trophäenkult, das gesellschaftliche Erlebnis und die Lust am Töten mit dem damit verbundenen Ausleben von Machtgefühlen in der Natur im Vordergrund stehen – auf Kosten von Lebewesen. Letzteres wird immer wieder durch Jägerberichte bestätigt.
Bei einer Abschaffung der Jagd würden das kulturelle Niveau sowie die Lebensqualität für die Wildtiere und die Gesellschaft als Ganzes erhöht.
In Genf kostet das seriöse Wildtiermanagement den Steuerzahler nicht mal eine Tasse Kaffee pro Jahr. Die Genfer setzen damit auch das Tierschutzgesetz um, denn niemand darf ungerechtfertigt einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen oder es in Angst versetzen. Was in Genf früher Hunderte Jäger schlechtgemacht haben, erledigen heute 12 Wildhüter, nebst vielen anderen Aufgaben, besser.
Tierquälerei via Jagd kann kein gesetzlicher Auftrag sein.
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