Ökosystemleistungen vieler Tierarten unterschätzt
In Bayern werden jährlich rund 20’000 Eichelhäher erlegt, obwohl sie für den Waldbau nützlich sind. Die Ökosystemleistungen vieler Arten werden unterschätzt.
20’000 Eichelhäher jährlich in Bayern erlegt
Bayern ist das einzige Bundesland, in dem der Eichelhäher eine Jagdzeit hat.
In den zehn Jagdjahren zwischen 2009 und 2018 wurden pro Jahr durchschnittlich etwa 20’000 dieser für den Waldbau so nützlichen Tiere im Rahmen der Hobby-Jagd getötet. Das zuständige Ministerium kann gemäss einer kleinen Anfrage von 2020 auch weder einen ökologischen noch einen vernünftigen Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes für den Abschuss dieser Singvogelart benennen. Dort beruft man sich lediglich auf die Ermächtigung gemäss Bundesjagdgesetz, für diese Tierart eine Jagdzeit festzusetzen.
In der Schweiz wurden 2021 1’506 Eichelhäher von Hobby-Jägern abgeschossen.
50 Millionen Bäume weniger pro Jahr
Allein durch die Hobby-Jagd auf den Eichelhäher entgeht dem Wald in Bayern die Pflanzung von etwa 50 Millionen Bäumen pro Jahr. Von den ca. 4’000 bis 5’000 Eicheln, Nüssen, Bucheneckern, die ein Eichelhäher pro Jahr als Nahrungsvorrat einpflanzt, findet er nur etwa die Hälfte wieder. Die andere Hälfte hat die Chance zu kräftigen Bäumen heranzuwachsen, die nicht nur CO2 binden, sondern als tiefwurzelnde Bäume auch einem trockneren Klima standhalten. Das ist eine enorme Ökosystemleistung, die politisch gewollt ignoriert wird.
Auf der anderen Seite setzt gerade Bayern seit Jahrzehnten auf die Devise «Wald vor Wild». Dass sowohl Rehe als auch Rotwild signifikante Ökosystemleistungen erbringen, ist beim Staatsministerium keiner Erwähnung wert.
Reh und Rotwild als Samenverbreiter
So ist die Verbreitung von Pflanzensamen durch Reh- und Rotwild im Fell, zwischen den Hufen oder auch im Verdauungstrakt ein wichtiger Beitrag für die Erhaltung vieler Pflanzenarten. Rehe und Hirsche tragen so direkt dazu bei, dass Pflanzen verwaiste oder neu entstandene Lebensrauminseln besiedeln können. Dieser Beitrag zur Umgestaltung zu klimastabilen Wäldern kommt in Bayern aber kaum zustande. Einerseits wird dieser ökologische Beitrag durch die intensive Hobby-Jagd auf die wiederkäuenden Huftiere Reh und Hirsch verhindert: Die Tiere sind kaum noch tagaktiv, sie verstecken sich, wo es möglich ist, tief im Wald. Andererseits darf das Rotwild auf 86 Prozent der Fläche Bayerns überhaupt nicht leben. Verlässt es die 14 Prozent der Landesfläche ausmachenden Rotwildgebiete, muss es unter Berücksichtigung von Jagdzeiten erlegt werden.
Dass die intensive Hobby-Jagd, gerade auch bis in den tiefsten Winter hinein, nicht nur Ökosystemleistungen für den Wald verhindert, sondern die Schädigung von Bäumen geradezu provoziert, ist seit langem bekannt. Es gibt leider nur einige wenige grosse Wälder in privater Hand, wo durch grossräumige jagdfreie Äsungsflächen, Lenkung der Wildtiere in weniger sensible Bereiche und mässige Jagd erfolgreich gegengesteuert wird.
Jedes vierte Reh in Deutschland wird in Bayern im Rahmen der Hobby-Jagd getötet, insgesamt etwa 300’000 pro Jahr, und jeder fünfte Hirsch. Die Rotwildstrecke ist mit jährlich 13’000 Tieren die höchste in Deutschland. Um diese Jagdstrecken zu erreichen wird die sogenannte Waidgerechtigkeit bei den Jagden der Bayerischen Staatsforsten seit langem in Zweifel gezogen. Nicht nur Berufsjäger werfen den Staatsforsten Schonzeitvergehen und den Abschuss von führenden Muttertieren vor, auch der Verein Wildes Bayern bemängelte allein im Jahr 2019 jagdbezogene Vergehen bei mehr als zehn Forstbetrieben der Bayerischen Staatsforsten: Es ging um den Abschuss neben der Winterfütterung, um Hetzjagden, um Drückjagden im März und April oder Jagden im Schutzgebiet. Ein langjähriger Hobby-Jäger drückt es so aus: «Staatsforst, Fürst und so manche Jagdgenossenschaft scheren sich einen Dreck um Rechtsnormen.»
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