Der Luzerner Jurist Pascal Wolf verlangt mit seinem Vorstoss, dass der Kanton die Fuchsjagd grundsätzlich infrage stellt.
Es soll nicht länger einfach als Naturgesetz gelten, dass Füchse geschossen werden dürfen, nur weil das immer so war.
Die zentralen Fragen lauten:
- Gibt es einen nachweisbaren Nutzen der Fuchsjagd für Gesundheit, Landwirtschaft oder Biodiversität.
- Ist die dauerhafte Tötung einer ganzen Art verhältnismässig, wenn es alternative, nicht tödliche Massnahmen gibt.
- Und auf welcher wissenschaftlichen Grundlage stützen sich Kanton und Jagdlobby überhaupt.
Damit richtet sich der Vorstoss direkt gegen eine Jagdpraxis, die heute vor allem ein jagdliches Selbstbild und ein blutiges Hobby verteidigt – nicht das angebliche «öffentliche Interesse».
JagdSchweiz: Positionspapier ohne Realitätstest
Besonders deutlich wird die wissenschaftliche Leere, wenn man die Argumentation in Luzern mit dem aktuellen Positionspapier von JagdSchweiz zur Fuchsbejagung vergleicht. Darin werden Füchse als «herrenlose öffentliche Sache» und Rohstoff mit schwankendem Pelzpreis behandelt, die Fuchsjagd wird als «sinnvoll und nützlich» verklärt und muss «unbedingt beibehalten» werden. Kritik von Natur- und Tierschutzorganisationen wird als emotional und faktenarm abgetan.
Die immer gleichen Behauptungen:
- Ohne Jagd komme es zur «Bestandsexplosion» beim Fuchs.
- Krankheiten wie Fuchsbandwurm würden zunehmen.
- Bodenbrüter und Feldhasen seien ohne intensive Prädatorenjagd verloren.
Was konsequent fehlt:
- eine nüchterne Auswertung der Erfahrungen in Regionen ohne Fuchsjagd
- eine ehrliche Auseinandersetzung mit den massiven Fehlleistungen der Hobby-Jagd
- die Einbindung aktueller wildtierökologischer Forschung
Das ist keine Wissenschaft, sondern Interessenpolitik in Tarnfarbe.
Unwissenschaftliche Verwaltungssprache: Wenn Kantone die Lobbytexte übernehmen
Kantonale Verwaltungen übernehmen diese Narrative häufig nahezu unbesehen. Auch in Luzern wird die unwissenschaftliche Hobby-Jagd generell als Instrument beschrieben, um Wildbestände zu «regulieren», Schäden zu verhindern und ein Gleichgewicht zwischen Wildtieren und Lebensraum zu sichern. Die Fuchsjagd erscheint in dieser Logik automatisch als Teil eines vermeintlich sachlichen Managements.
Dabei werden zentrale Fakten systematisch unterschlagen:
- Populationsdynamik: Intensive Bejagung führt beim Fuchs zu kompensatorischer Fortpflanzung und verstärkter Einwanderung aus Nachbargebieten, anstatt Bestände nachhaltig zu senken.
- Krankheiten: Die Geschichte der Tollwutbekämpfung in Europa zeigt eindeutig, dass der entscheidende Durchbruch durch Impfköderprogramme und nicht durch Hobby-Jagd erreicht wurde. Dasselbe gilt für zeitgemässe Strategien beim Fuchsbandwurm.
- Biodiversität: Der massive Rückgang von Feldvögeln und Hasen ist vor allem Folge einer industrialisierten Landwirtschaft, des Einsatzes von Pestiziden, der Lebensraumzerstörung und früher Mahd, nicht des Fuchses.
Wenn Verwaltungen trotz dieser Datenlage an alten Textbausteinen festhalten, ist das nicht wissenschaftlich, sondern bequem.
Realitätscheck: Luxemburg, Genf und fuchsjagdfreie Gebiete
Der Blick in andere Regionen entlarvt die Drohkulisse von JagdSchweiz und kantonalen Behörden als reine Theorie.
Luxemburg hat Anfang 2015 die Hobby-Fuchsjagd komplett eingestellt. Jagdverbände sagten damals eine «Bestandsexplosion», wachsende Seuchengefahr und steigende Schäden voraus. Eingetreten ist: nichts davon.
Auswertungen zeigen:
- Die Fuchspopulation ist stabil geblieben.
- Es kam zu keiner Zunahme von Wildtierkrankheiten.
- Der Anteil mit Fuchsbandwurm infizierter Füchse hat sich zwischen 2014 und 2020 etwa halbiert.
Im Kanton Genf ist die Hobby-Jagd seit 1974 abgeschafft. Wildtiermanagement liegt bei staatlichen Wildhütern. Trotz Verzicht auf flächendeckende Fuchsjagd gibt es weder seuchenartige Ausbrüche noch ökologische Katastrophen. Genf gilt heute als Beispiel für modernes, professionelles Wildtiermanagement.
Auch Nationalparks wie der Bayerische Wald und Berchtesgaden oder andere fuchsjagdfreie Regionen kennen keine dokumentierten «Fuchsexplosionen» mit anschliessenden Zusammenbrüchen von Bodenbrüterbeständen. Fuchsdichten passen sich an Nahrungsangebot, Krankheiten und innerartliche Konkurrenz an.
Kürzlich feierte der Schweizerische Nationalpark sein 100-Jahr-Jubiläum. Der Park ist ein Stück Wildnis, das sich selbst überlassen ist und wo niemand auf die Jagd geht. Das sei kein Problem, sagt Nationalparkdirektor und Wildbiologe Heinrich Haller. Auch ohne Jagd habe es nicht plötzlich zu viele Füchse, Hasen oder Vögel. Die Erfahrung zeige, die Natur könne man sich selbst überlassen.
Wer vor diesem Hintergrund weiter apokalyptische Szenarien zeichnet, handelt nicht aus Wissen, sondern aus Ideologie.
Wenn die Justiz die Jagdrealität einblendet
Wie das Umfeld von JagdSchweiz tatsächlich funktioniert, zeigte ein Verfahren vor dem Strafgericht in Bellinzona. JagdSchweiz hatte gegen IG Wild beim Wild geklagt, weil er sich durch scharfe Kritik an einer «Gewaltkultur» und «militantem Problemverein» in seiner Ehre verletzt sah.
Richter Siro Quadri wies die Klage ab. Die drastischen Formulierungen wurden als zulässige, von den vorgelegten Fakten gestützte Werturteile eingestuft. Juristisch bedeutet das: Die Kritik am jagdlichen Umfeld von JagdSchweiz wurde vom Gericht als von der Meinungsfreiheit gedeckt akzeptiert, nicht als verleumderische Lüge.
Damit wirft die Justiz ein Schlaglicht auf jenes Milieu, aus dem die aktuellen Fuchs-Positionspapiere stammen und vor dem kantonale Verwaltungen ihre Augen lieber verschliessen.
Offizielle Zahlen zur Jagdpraxis: Das Idealbild zerbröselt
Auch ein Blick auf die offizielle Jagdstatistik zeigt, wie weit das jagdliche Selbstbild von der Realität entfernt ist.
Im Kanton Graubünden werden während der Hochjagd jedes Jahr gegen 10’000 Hirsche, Gämsen, Rehe und Wildschweine erschossen. Laut Angaben des Amts für Jagd und Fischerei und einer SRF-Berichterstattung sind:
- rund neun bis knapp zehn Prozent dieser Abschüsse widerrechtlich
- in nur fünf Jahren vor 2016 Ordnungsbussen von über 700’000 Franken wegen Fehlabschüssen verhängt worden
- Zwischen 2012 und 2016 wurden insgesamt 56’403 Tiere erlegt , davon 3’836 lediglich angeschossen
Diese Zahlen stehen in krassem Widerspruch zur Erzählung vom disziplinierten, gesetzestreuen und «tierschutzkonformen» Hobby-Jäger, wie sie JagdSchweiz propagiert und viele Kantone ungeprüft übernehmen.
Der Fuchs als Sündenbock für Agrarpolitik und Bequemlichkeit
Ein Kernstück der unwissenschaftlichen Argumentation lautet, der Fuchs sei Hauptverantwortlicher für den Rückgang von Bodenbrütern und Feldhasen.
Die Daten aus Luxemburg, Genf und Nationalparks sowie zahlreiche Fachbeiträge zeichnen ein anderes Bild:
- Entscheidend sind Strukturarmut, Pestizideinsatz und häufige, frühe Mahd.
- Wo Lebensräume verbessert, Mahdregime angepasst und Pestizide reduziert werden, erholen sich Bestände auch ohne Fuchsjagd.
Die Fixierung auf den Fuchs dient damit als politisch praktisches Ablenkungsmanöver: Statt an die heiligen Kühe der Agrarpolitik heranzugehen, erklärt man den Wildhund zum Sündenbock.
Moderne Wildtierpolitik statt jagdlicher Dogmen
Der Luzerner Vorstoss «Nein zur Fuchsjagd» stellt dem Kanton eine einfache Frage:
Will man weiterhin eine Jagdpraxis verteidigen, die auf widerlegten Szenarien und Lobby-Papieren beruht, oder ist man bereit, sich an wissenschaftlichen Fakten und heutiger Tierethik zu orientieren.
Eine moderne Wildtierpolitik würde bedeuten:
- Konsequente Prävention statt Dauerjagd: Abfallhygiene, keine Fütterung, gesicherte Hühnerställe, Aufklärung über Verhalten im Siedlungsraum.
- Professionelles Monitoring: Erfassung von Sichtungen, Totfunden und Krankheitsfällen, statt reflexartiger Abschüsse.
- Konfliktlösung mit Augenmass: Wo es tatsächlich zu konkreten Schäden kommt, gezielte, verhältnismässige Eingriffe statt freier Schuss auf eine ganze Art.
- Ehrlichkeit in der Kommunikation: Schluss mit erfundenen Bedrohungsszenarien und ideologisch gefärbten «Positionspapieren», die fuchsjagdfreie Regionen und offizielle Daten ignorieren.
Luzern steht stellvertretend für eine Grundsatzfrage
Der Vorstoss von Pascal Wolf ist mehr als ein regionales Anliegen. Er macht sichtbar, wie tief die wissenschaftliche und ethische Krise der Hobby-Jagd inzwischen reicht.
- Jagdverbände wie JagdSchweiz verteidigen die Fuchsjagd mit Argumenten, die durch Praxisbeispiele und Zahlen widerlegt sind.
- Kantonale Verwaltungen übernehmen diese Narrative, anstatt sie am Stand der Forschung zu messen.
- Die Justiz bestätigt, dass scharfe Kritik an dieser Gewaltkultur zulässige, durch Fakten gestützte Werturteile sind.
«Nein zur Fuchsjagd» ist deshalb kein radikaler Schritt, sondern ein längst überfälliger Realitätstest.
Für den Kanton Luzern bedeutet er: Entweder verlässt man sich weiter auf die unwissenschaftlichen Behauptungen der Jagdlobby. Oder man beginnt endlich, Wildtierpolitik auf Wissen, Transparenz und Respekt vor fühlenden Individuen aufzubauen.
- Wissenschaftliche Literatur: Studien Rotfuchs
- Jäger verbreiten Krankheiten: Studie
- Jagd fördert Krankheiten: Studie
- Hobby-Jäger in der Kriminalität: Die Liste
- Verbot der sinnlosen Fuchsjagd ist überfällig: Artikel
- Luxemburg verlängert Fuchsjagdverbot: Artikel
- Niederjagd und Wildkrankheiten: Artikel
- Vergrämung von Wildtieren: Artikel





