Wenn das Gewehr zur Ausrede wird
Der Kanton Bern greift das Thema Kormoran erneut offensiv auf. Auslöser ist ein politischer Auftrag: Der Grosse Rat verlangte 2022 einen «nachhaltigen Umgang» mit der Kormoranpopulation. Nun liegt ein Zwölf-Punkte-Plan vor, der von Renaturierung bis zu Eingriffen in Brutkolonien und jagdlichen Massnahmen reicht.
Parallel dazu wird der Ton in der Öffentlichkeit schärfer.
Einige Boulevardberichte rahmen die Debatte als «Fischer haben genug» und stellen die Hobby-Jagd als naheliegende Lösung dar. Das ist ein bekanntes Drehbuch: Ein sichtbarer, «praktischer» Sündenbock wird präsentiert. Komplexe, menschengemachte Ursachen treten in den Hintergrund.
Wer die Mitteilung des Kantons liest, erkennt: Selbst Bern benennt die Haupttreiber der Krise nicht beim Kormoran, sondern bei uns Menschen. Genannt werden Klimawandel, Nährstoffrückgang, Wasserkraftnutzung, Gewässerverbauung und Neobiota. Der Kormoran «verschlimmere» die Situation zusätzlich.
Das ist zentral. Denn diese Formulierung verschiebt die Verantwortung: Wenn der Kormoran «zusätzlich» wirkt, dann ist er nicht die Ursache, sondern ein Verstärker in einem bereits geschädigten System.
Zahlen, die selten in Schlagzeilen passen
Bern spricht von rund 3000 Brut- und Jungvögeln im Sommer sowie 300 bis 600 Überwinterern. Gleichzeitig zeigt die kantonale Einordnung, wie unterschiedlich die Situation je nach Gewässer ist: Im Bielersee entnimmt die Fischerei gewichtsmässig deutlich mehr Fische als die Kormorane, in Fliessgewässern kann es umgekehrt sein.
Mit anderen Worten: Es gibt keinen einfachen, überall gültigen «Kormoran frisst alles leer»-Befund. Wer pauschal nach Hobby-Jagd ruft, tut so, als sei die Ökologie überall gleich.
Diese Unterschiede sind entscheidend, wenn es um konkrete Orte geht, an denen Kormorane brüten.
Schutzgebiete als «Problem» und das ethische Signal
Besonders brisant ist, wo die Kolonien liegen: im Fanel und im Hagneckdelta, also in Wasser- und Zugvogelreservaten von nationaler und internationaler Bedeutung. Dort sind Eingriffe nur unter strengen Auflagen erlaubt, erst wenn mildere Mittel geprüft und ausgeschöpft wurden.
Genau hier kippt die Debatte regelmässig: Schutzgebiete werden rhetorisch zum Hindernis umgedeutet, statt als das betrachtet zu werden, was sie sind: das Minimum an Rückzugsraum in einer Landschaft, die wir seit Jahrzehnten verbaut und ausgeräumt haben.
«Management» klingt neutral, meint aber oft Töten
Der Zwölf-Punkte-Plan klingt technokratisch, fast beruhigend. Doch ein Teil davon sind ausdrücklich jagdliche Massnahmen und Eingriffe in Brutkolonien. Das ist nicht neu. Bereits 2024 wurde bekannt, dass Bern Abschüsse zum Schutz von Laichgebieten plante.
Das Kernproblem bleibt: Wenn Politik Handlungsfähigkeit demonstrieren will, ist der Schuss die schnellste Symbolhandlung. Renaturierung hingegen ist mühsam, teuer und politisch konfliktbeladen. Sie funktioniert nicht in einer Legislatur, sondern in Jahrzehnten.
Die unbequeme Frage: Warum sind die Fische überhaupt so verwundbar?
Der Kanton zählt die Ursachen selbst auf. Und genau dort müsste die Priorität liegen:
- Verbauungen und fehlende Dynamik zerstören Lebensräume und Laichplätze.
- Wasserkraft und Restwasserregime verändern Temperatur, Abfluss und Struktur.
- Klimawandel verschiebt die Bedingungen, besonders für kälteabhängige Arten wie die Äsche.
Wenn Bestände ohnehin am Limit sind, wird jeder zusätzliche Druck relevant, auch Prädation. Das macht den Kormoran aber nicht zum «Schuldigen», sondern zum Teil eines Systems, das wir zuerst geschwächt haben.
Jagdkritische Einordnung: Das alte Muster in neuem Gewand
Bei wildbeimwild.com beobachten wir seit Jahren dasselbe Muster: Sobald Konflikte zwischen Nutzungsinteressen und Wildtieren auftauchen, wird «Regulierung» zur Standardantwort. Das ist bequem, weil es Verantwortung externalisiert. Der Vogel, der sich sichtbar ernährt, wird zum Problem erklärt. Die unsichtbaren Eingriffe, Kanalisierung, Kraftwerke, Mikrohabitat-Verlust, bleiben im Hintergrund.
Wer ernsthaft «Artenschutz» sagt, muss zuerst Lebensräume schützen, nicht Tiere töten, die in diesen geschädigten Lebensräumen bloss überleben.
Was jetzt nötig wäre, statt Reflexen
Ein wirklich verantwortlicher Umgang müsste drei Bedingungen erfüllen:
- Transparente Wirkungskontrolle: Nicht nur zählen, wie viele Vögel getötet wurden, sondern messen, ob sich Fischbestände und Laicherfolg tatsächlich verbessern. Bern kündigt wissenschaftliche Begleitung und laufende Überprüfung an, daran wird sich der Plan messen lassen müssen.
- Priorität Renaturierung: Massnahmen, die Lebensräume reparieren, müssen vor jagdlichen Eingriffen finanziell und politisch bevorzugt werden.
- Keine Sündenbock-Kommunikation: Wer die Öffentlichkeit mit «Fischer haben genug» auf Abschusskurs bringt, erzeugt Druck, der am Ende Schutzgebiete und Naturschutzrecht delegitimiert.
Der Kanton Bern hat recht, wenn er sagt: Die Ursachen sind vielfältig. Doch genau deshalb ist die Hobby-Jagd auf Kormorane kein «mutiger Schritt», sondern oft eine Abkürzung, die das Grundproblem unangetastet lässt. Solange Gewässer verbaut, erhitzt und ausgedünnt sind, wird der nächste Konflikt garantiert kommen, mit dem nächsten Tier als Zielscheibe.
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