2. April 2026, 21:10

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Psychologie & Jagd

Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Obwalden

Obwalden ist ein Kanton, in dem die Hobby-Jagd nicht als Freizeitbeschäftigung verhandelt wird, sondern als Selbstverständlichkeit. In der katholisch-konservativen Innerschweiz gehört das Jagen zum kulturellen Inventar wie die Alpwirtschaft und das Brauchtum. Genau diese Einbettung macht kritische Auseinandersetzung so schwierig: Wer die Hobby-Jagd infrage stellt, stellt eine ganze Lebensform infrage.

Redaktion Wild beim Wild — 18. März 2026

Im Kanton Obwalden gilt die Patentjagd.

Der Bereich «Wildtiere und Jagd» beim kantonalen Amt für Wald und Landschaft ist zuständig für Planung, Organisation und Kontrolle der Hobby-Jagd. Unterstützt wird er durch die kantonale Jagdkommission, die Jägerprüfungskommission, die Hegegemeinschaft und die freiwillige Jagdaufsicht. Was nach sachlicher Verwaltung klingt, ist psychologisch betrachtet ein eng verflochtenes System, in dem Kontrollierende und Kontrollierte weitgehend identisch sind.

Luchs-Pioniertat und ihre Verdrängung

Obwalden hat eine historisch bemerkenswerte Rolle im Schweizer Artenschutz: Am 23. April 1971 wurde im eidgenössischen Jagdbanngebiet Hutstock im Melchtal das erste Luchspaar der Schweiz freigelassen. Die Tiere waren Wildfänge aus den slowakischen Karpaten, vermittelt über den Zoo Ostrava und den Zoo Basel. Die Wiederansiedlung beruhte auf einem Bundesratsbeschluss von 1967 und der Initiative des damaligen Kantonsoberförsters Leo Lienert, der später schweizweit als «Luchsvater» bekannt wurde.

Psychologisch ist die Geschichte dieser Wiederansiedlung hochgradig aufschlussreich, denn sie basierte auf einem Deal mit der Hobby-Jägerschaft: Luchs gegen Hirsch. Leo Lienert wusste, dass die Hobby-Jägerschaft den Luchs als Konkurrenz betrachtete. Um ihre Zustimmung zu gewinnen, wurde gleichzeitig der Rothirsch in Obwalden angesiedelt, eine neue Trophäenart als Kompensation für den unerwünschten Beutegreifer. Dieses Tauschgeschäft offenbart die Grundstruktur der Jagdpsychologie: Artenschutz ist verhandelbar, solange das Jagderlebnis nicht gefährdet wird.

Über 50 Jahre später hat sich diese Ambivalenz nicht aufgelöst. In der Jubiläumschronik des Obwaldner Patentjäger-Vereins von 2018 wird der Luchs als «Sorge» genannt, seine Zunahme als Problem gerahmt. Gleichzeitig feiert dieselbe Chronik den Hirsch als Erfolgsgeschichte. Die Hobby-Jägerschaft begrüsst also das Tier, das sie schiessen darf, und beklagt das Tier, das ihr Beute wegnimmt. Psychologisch ist das konsistent: Der Luchs bedroht nicht den Wildbestand, sondern das Selbstbild der Hobby-Jägerschaft als alleinige Regulierungsinstanz.

50 Jahre Luchs in der Schweiz

Explodierende Hirschbestände: Wenn Hobby-Jagd das Problem verschärft

Im Frühjahr 2008 wurden in Obwalden 374 Hirsche gezählt. Zehn Jahre später waren es 866, eine Verdopplung, die vom Obwaldner Kantonsrat als Krise gerahmt wurde. 2018 wurden daraufhin 260 Hirsche zum Abschuss freigegeben, deutlich mehr als die 185 des Vorjahres. Baudirektor Josef Hess wünschte allen Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern bereits «Weidmannsheil». Zudem wurde beim Bund ein Gesuch eingereicht, um die Schonzeit beim Rothirsch vorübergehend zu verkürzen.

Psychologisch zeigt sich hier dasselbe Muster wie in Uri: Das System reagiert auf seine eigenen Misserfolge mit Eskalation. Die Hirschbestände wachsen, weil die Bejagung Populationsdynamiken auslöst, die den Bestand stabilisieren oder sogar erhöhen. Starke Bejagung selektiert junge, reproduktionsfähige Tiere, verändert Altersstrukturen und erhöht die Fruchtbarkeit. Statt diese Zusammenhänge zu reflektieren, wird die Antwort immer gleich formuliert: mehr Abschüsse, kürzere Schonzeiten, höhere Kontingente.

Besonders aufschlussreich ist der Wintereinwanderungseffekt: In Obwalden halten sich im Winter mehr Hirsche auf als im Sommer, weil Tiere aus den Nachbarkantonen Bern und Luzern in die südostexponierten Wintereinstande der Gemeinde Giswil einwandern. Das bedeutet: Die Abschussplanung basiert auf Winterzählungen, die saisonale Wanderbewegungen abbilden, nicht stationäre Bestände. Ob die daraus abgeleiteten Abschusszahlen ökologisch sinnvoll sind, wird nicht öffentlich diskutiert. Stattdessen wird der Kantonsrat zum Stimmungsventil: Einstimmig wird für mehr Hobby-Jagd gestimmt. Das ist kein Wildtiermanagement, sondern politische Symbolik.

Das Genfer Modell zeigt seit 1974, dass Wildtierbestände ohne Hobby-Jagd durch professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter reguliert werden können. In Obwalden ist dieses Modell kein Thema. Psychologisch ist das konsequent: Die blosse Existenz einer funktionierenden Alternative gefährdet das Narrativ der Unverzichtbarkeit.

Gämse: Rückgang trotz Bejagung

Während die Hirschbestände steigen, geht die Gämspopulation in Obwalden wie im gesamten Alpenraum zurück. 2016 wurden 143 Gämsen erlegt. Die rückläufigen Bestände nennt die Hobby-Jägerschaft eine ihrer ‹Sorgen›. Gleichzeitig wird der Luchs für den Rückgang mitverantwortlich gemacht, obwohl Forschende darauf hinweisen, dass der Klimawandel, der Tourismus, die Störung durch die Hobby-Jagd selbst sowie Krankheiten die Hauptfaktoren sind.

Psychologisch ist die Schuldzuweisung an den Luchs ein klassischer Mechanismus der Verantwortungsexternalisierung. Solange ein anderer «Täter» benannt werden kann, muss das eigene Handeln nicht hinterfragt werden. Dass die Hobby-Jagd selbst durch Störung, Stressbelastung und selektive Entnahme zum Gämsrückgang beiträgt, wird im jagdlichen Diskurs systematisch ausgeblendet. Die Forscherin Jasmin Schnyder wies in einer Studie nach, dass nach der Luchs-Wiederansiedlung die Reh- und Gämsbestände zwar zurückgingen, gleichzeitig aber der Wildverbiss an Weisstannen von 32 auf 18 Prozent sank. Der Luchs leistet also genau das, was die Hobby-Jagd zu leisten behauptet, aber nicht einlöst: eine ökologisch wirksame Regulierung, die dem Wald zugutekommt.

Schweizer Luchse in grosser Gefahr

Abschussprämien: Tradition ohne Rechtsgrundlage

Ein besonders aufschlussreiches Detail aus dem Nachbarkanton Nidwalden, das auch für Obwalden relevant ist: Beide Kantone praktizierten Abschussprämien, also finanzielle Belohnungen für das Töten bestimmter Tiere. In Nidwalden entschied der Regierungsrat 2021, auf Abschussprämien zu verzichten, mit der Begründung, dass «keine gesetzliche Grundlage existiert, welche diese in früheren Zeiten eingeführte Praxis heute rechtfertigt».

Psychologisch ist das ein Lehrstück. Jahrelang wurden Tiere mit finanziellen Anreizen getötet, ohne dass dafür eine rechtliche Basis bestand. Dass dies nie hinterfragt wurde, zeigt, wie stark die Hobby-Jagd als selbstverständliche Ordnungsmacht wirkt. Was die Hobby-Jägerschaft tut, braucht offenbar keine Legitimation, solange es als «Tradition» gerahmt wird. Erst ein formaler Rechtscheck führte zur Korrektur, nicht eine ethische Debatte, nicht ein demokratischer Entscheid, nicht die Frage, ob das Töten von Wildtieren per Kopfgeld mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist.

Höckerschwan: Wenn Schutz zum Hindernis wird

Obwalden und Nidwalden spielten eine bemerkenswerte Rolle in der nationalen Debatte um den Höckerschwan. Der Nidwaldner Alt-Ständerat Paul Niederberger (CVP) forderte, die Hürden für eine «Regulierung» des Schwanenbestands abzubauen. Das BAFU bewilligte Gesuche beider Kantone für Eingriffe in Schwanenbruten. Jagdverwalter Cyrill Kesseli (Obwalden) versicherte, der Eingriff erfolge «zu einem frühen Zeitpunkt, wenn die Entwicklung der Brut noch im Anfangsstadium» sei.

Psychologisch zeigt dieses Beispiel, wie das Konzept der «Regulierung» immer weiter ausgedehnt wird. Was einst der Behörde vorbehalten war, wird normalisiert. Die Sprache der Verwaltung («Eingriff», «Anfangsstadium», «Regulierung») verdeckt, dass es sich um die Zerstörung von Schwanenbruten handelt. Diese semantische Neutralisierung ermöglicht es, eine ethisch fragwürdige Praxis als technisch-bürokratischen Vorgang darzustellen. Über 16’000 Personen unterzeichneten eine Petition gegen den Plan. Die Alliance Animale Suisse nannte das Ansinnen «ethisch und sachlich unsinnig». BirdLife Schweiz erklärte, moderate Eingriffe seien bereits bewilligt worden und das weitergehende Vorgehen sei unnötig.

Höckerschwan soll nicht auf die Abschussliste

Verwaiste Jungluchse: Indizien für Wilderei

Im Herbst 2023 wurde im Kanton Obwalden ein junger Luchs als Waise aufgegriffen und in die Auffang- und Pflegestation des Tierparks Goldau gebracht. Ähnliche Fälle häuften sich: In Nidwalden und Schwyz wurden ebenfalls verwaiste Jungluchse gefunden. Bereits 2018 traten Fälle in Willisau und Malters (Luzern) auf, angrenzend an Obwalden.

Dass Jungluchse verwaisen, ist in stabilen Populationen ungewöhnlich. Die IG Wild beim Wild und Naturschutzorganisationen vermuten Wilderei als Ursache. Dass ausgerechnet in der Region, wo der Luchs 1971 erstmals wieder angesiedelt wurde, verwaiste Jungtiere auftauchen und Luchse plötzlich wieder verschwinden, «hat wohl kaum genetische Ursachen», kommentierte die IG Wild beim Wild. Die «Freude über den Luchs in der Hobby-Jägerschaft» sei «generell nicht sehr gross», räumte selbst der Fachbereichsleiter Jagd des Kantons Luzern ein.

Psychologisch zeigt sich hier eine gefährliche Dynamik: Die institutionelle Ambivalenz gegenüber dem Luchs («offiziell willkommen, inoffiziell unerwünscht») schafft ein Klima, in dem illegale Tötungen geduldet oder zumindest nicht konsequent verfolgt werden. Wenn die Hobby-Jägerschaft den Luchs als Bedrohung ihrer Jagdbeute betrachtet und die Verwaltung diese Haltung nicht offensiv korrigiert, entsteht eine Grauzone, in der Wilderei möglich wird, ohne dass das System sich zuständig fühlt.

Was läuft im Kanton Luzern anders?

100 Jahre Patentjäger-Verein: Identität ohne Reflexion

2018 feierte der Obwaldner Patentjäger-Verein sein 100-jähriges Bestehen mit einer umfangreichen Jubiläumschronik. Landstatthalter Paul Federer betonte darin, wie «notwendig» es sei, «dass Jagd einerseits Traditionen wahrt, sich aber andererseits auch lebendig und offen gegenüber Neuerungen zeigt». Die Chronik erzählt «spannende und oftmals auch überraschende Berichte zur Jagdgeschichte» und feiert das «Waidwerk der Obwaldner Hobby-Jägerschaft zu allen Zeiten».

Psychologisch ist diese Jubiläumsschrift ein Paradebeispiel für identitätsstiftende Geschichtsschreibung. Sie erzählt eine lineare Erfolgsgeschichte, in der die Hobby-Jägerschaft immer als verantwortungsvolle Hüterin der Natur erscheint. Konflikte wie der Luchs-Widerstand, die Gamsschwäche, die Hirschexplosion oder die Frage nach Tierleid kommen entweder als überwundene Herausforderungen oder gar nicht vor. Diese Geschichtsglättung erfüllt eine klare psychologische Funktion: Sie stabilisiert Identität und immunisiert gegen Kritik. Wer 100 Jahre Erfolg feiert, muss sich nicht mit der Frage beschäftigen, ob das Modell noch zeitgemäss ist.

Innerschweizer Schutzschild

Obwalden fügt sich nahtlos in das Muster der Innerschweizer Jagdkantone ein. Wie in Uri wird die Hobby-Jagd nicht als optionale Praxis verstanden, sondern als Teil der kantonalen Identität. Die Verwebung von Jagdverwaltung, Patentjäger-Verein, Hegegemeinschaft und Politik erzeugt ein System, das sich selbst bestätigt. Externe Kritik wird als Einmischung in innere Angelegenheiten wahrgenommen, nicht als sachlicher Beitrag.

Die Ironie liegt im historischen Detail: Obwalden war 1971 der Ausgangspunkt für die Luchs-Wiederansiedlung, einen der grössten Artenschutzerfolge der Schweiz. Heute wird derselbe Luchs im Kanton als Konkurrenz betrachtet, und verwaiste Jungtiere deuten auf illegale Tötungen hin. Der Kanton, der einst den Artenschutz ermöglichte, steht heute im Verdacht, ihn zu untergraben. Psychologisch zeigt das, wie wenig die Jagdkultur aus ihrer eigenen Geschichte gelernt hat.

Wer Obwalden verstehen will, muss verstehen, dass die Hobby-Jagd hier nicht hinterfragt wird, weil sie als so selbstverständlich gilt, dass die Frage nach Alternativen schlicht nicht gestellt wird. Das Genfer Modell existiert für das Obwaldner Selbstverständnis nicht. Und genau das ist die stärkste Form der Abwehr: nicht Gegenargumente, sondern Unsichtbarkeit.

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Kantonale Psychologie-Analysen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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