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Wenn Hobby-Jäger füttern, werden Hirsche krank

Im Silbertal ist laut Vorarlberger Nachrichten "lokal zu viel Rotwild". Die Reaktion: Vorarlbergs Hobby-Jäger greifen nun bei der Jagd auf Tuberkulose massiv in den Bestand ein, die Abschusszahlen werden angezogen.

Redaktion Wild beim Wild — 23. November 2025

Im Silbertal ist laut Vorarlberger Nachrichten «lokal zu viel Rotwild». Die Reaktion: Vorarlbergs Hobby-Jäger greifen nun bei der Jagd auf Tuberkulose massiv in den Bestand ein, die Abschusszahlen werden angezogen.

Gleichzeitig meldete der ORF, die Tuberkulose beim Rotwild sei in Vorarlberg so verbreitet wie nie zuvor: 99 positiv getestete Tiere, das Bekämpfungsgebiet wird ausgeweitet, die Abschüsse sollen deutlich erhöht werden.

Die Botschaft an die Öffentlichkeit ist klar: Zu viele Hirsche, also müssen mehr Hirsche sterben. Die entscheidende Frage bleibt jedoch ausgeblendet: Wer hat dieses «zu viel» überhaupt geschaffen?

Was hinter der Tuberkulose beim Rotwild steckt

Tuberkulose beim Rotwild wird vor allem durch Mycobacterium bovis und Mycobacterium caprae verursacht. Es handelt sich um eine langsam verlaufende, chronische Infektionskrankheit, die auch Rinder und Menschen betreffen kann.

Behördliche Merkblätter halten seit Jahren fest:

  • Die Krankheit bei Wildtieren tritt in Österreich vorwiegend bei Rotwild in Tirol und Vorarlberg auf.
  • Rotwild kann als Erregerreservoir dienen und Rinderbestände gefährden.
  • In regional begrenzten Gebieten werden Prävalenzen von bis zu rund einem Viertel der Population genannt.

Tuberkulose im Alpenraum ist also kein Naturereignis, das vom Himmel fällt. Es ist ein regionales, vom Menschen geprägtes Problem. Und mitten in diesem Problem stehen Winterfütterung und die hobbyjagdliche Hegepraxis.

Fütterungsplätze als Infektionsdrehscheiben

Wie infiziert sich Rotwild überhaupt mit TBC? Veterinärbehörden und Fachliteratur beschreiben zwei Hauptwege:

  1. Direkter Kontakt zwischen Tieren
  2. Aufnahme von Erregern über kontaminiertes Futter und die Umgebung der Fütterung

Genau dort liegt die Brücke zur Jagdpraxis:

  • In Graubünden wurde aus Vorsicht ein Verbot der Wildfütterung erlassen, weil Tuberkulose beim Rotwild über direkten Kontakt und verseuchtes Futter übertragen werden kann.
  • Entlang der Grenze zu Vorarlberg und Tirol gilt in der Schweiz seit 2016 ein Verbot privater Schalenwildfütterungen, ausdrücklich wegen des TBC-Risikos der Rotwildbestände in Österreich. Dieses Verbot wurde 2024 unbefristet verlängert.
  • Der Vorarlberger Waldverein fordert öffentlich die Abschaffung der Wildfütterungen und bezeichnet sie als grosse Infektionsquelle. Weniger Fütterung würde die TBC-Situation verbessern, so seine Einschätzung.

Studien zum Rotwild im Alpenraum zeigen, dass Tiere an Fütterungen und in Wintergattern oft über Monate in hoher Dichte zusammenstehen. Kontaktmuster, Kot, Speichel und Aerosole an einem Punkt werden so zur epidemiologischen Zeitbombe.

Kurz gesagt: Fütterungsplätze sind keine «Tierhilfe», sie sind ideale Drehscheiben für Krankheitserreger.

Das Narrativ der Jägerschaft: Zu viel Wild, also mehr Abschuss

Im medialen Bild entsteht der Eindruck: Die Hobby-Jäger stehen vor einem durch die Natur verursachten Problem und müssen nun «verantwortungsvoll» durch massive Abschüsse eingreifen. Von «lokal zu viel Rotwild» ist die Rede, die Hobby-Jagd werde «angepasst».

Tatsächlich ist die Situation hausgemacht:

  • Rotwildbestände wurden über Jahrzehnte durch Fütterung künstlich oben gehalten, dies verstärkt die Durchseuchung.
  • Wanderbewegungen werden durch Strassen, Siedlungen und forstliche Interessen kanalisiert.
  • Die Planung orientiert sich in der Praxis stark an Abschussplänen, forstlichen Interessen und Trophäenjagd, weniger an einer ökologischen Gesamtbetrachtung von Wald, Wildtieren und Seuchengeschehen.

Wenn man Wildtiere monatelang an Futterkrippen bindet, sie an wenigen Punkten konzentriert und gleichzeitig ihren Lebensraum in den Tallagen verbaut, entsteht zwangsläufig ein Krankheits- und Konfliktgeschehen. Dass man dieses Geschehen im Nachhinein den Tieren anlastet, ist bequem, aber fachlich fragwürdig.

Die aktuelle Strategie in Vorarlberg ist deshalb in Wahrheit eine doppelte Bestrafung des Wildes:

  1. Erst werden Hirsche durch Fütterung in unnatürliche Dichte gebracht
  2. Dann werden sie unter dem Schlagwort Seuchenbekämpfung in grosser Zahl abgeschossen

Tiergesundheit oder Schutz wirtschaftlicher Interessen?

Offiziell geht es bei den Massnahmen um den Schutz der Rinderbestände und der Landwirtschaft. Rotwild wird als Gefahr für Weidevieh dargestellt, das Bekämpfungsgebiet ausgeweitet, die Abschusszahlen erhöht.

Doch die gleichen offiziellen Dokumente zeigen auch:

  • Tuberkulose bei Rindern ist im Alpenraum eng mit der gemeinsamen Nutzung von Almen durch Wild und Nutztiere verknüpft.
  • Das Risiko steigt durch hohe Wilddichten und künstliche Konzentration, etwa an Fütterungen.
  • Erfolgreiche Strategien setzen auf Überwachung, Reduktion dieser künstlichen Konzentrationspunkte und eine bessere Koordination aller Beteiligten, nicht allein auf Abschussrekorde .

Tiergesundheit ernst zu nehmen hiesse, zuerst die Haltungs- und Nutzungsbedingungen zu verändern, die das Problem erzeugen. Stattdessen wird das Tier selbst zur Störgrösse erklärt und aus dem System entfernt.

Konsequente Seuchenbekämpfung beginnt beim Menschen, nicht beim Hirsch

Was wäre eine ehrliche Reaktion auf die TBC-Lage beim Rotwild in Vorarlberg?

  • Konsequentes Ende privater Fütterungen und Kirrungen im betroffenen Raum
  • Rückbau von Fütterungsstrukturen, die seit Jahren hohe Dichten produzieren
  • Störungsarme Rückzugsgebiete, damit Rotwild seine natürliche Wanderökologie ausleben kann, statt in Engstellen gestapelt zu werden
  • Transparente Datenlage: Veröffentlichung von Prävalenz, Abschusszahlen, Fütterungsstandorten und Monitoringmethoden
  • Unabhängige wissenschaftliche Begleitung, die nicht an jagdliche Interessen gekoppelt ist

Die Schweiz zeigt bereits, dass ein Fütterungsverbot in TB-Risikogebieten möglich ist und als vernünftige Vorsichtsmassnahme gilt.

Solange in Vorarlberg Rotwild im Winter gezielt zusammengeführt wird, ist jeder Ruf nach «massiver Bestandsregulierung» wegen TBC heuchlerisch. Man bekämpft die Symptome und lässt die eigentliche Ursache unangetastet: die Fütterungspolitik und das darauf aufbauende Hobby-Jagdsystem.

Die Bilder aus dem Silbertal erzählen nur die letzte Szene einer langen Geschichte. Unsichtbar bleiben die Jahre, in denen man Rotwild systematisch fütterte, lenkte, verdichtete. Erst wird der Hirsch zum Objekt jagdlicher Verwertung gemacht, dann zum Sündenbock eines Krankheitsgeschehens, das ohne menschliches Management gar nicht in dieser Form existieren würde.

Wer ernsthaft Seuchenbekämpfung betreiben will, muss beim Menschen anfangen: bei Fütterungen, Bestandsplanung und Landnutzung. Nicht beim Abdrücken.

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