Gleichzeitig inszenieren sich Hobby-Jäger in ihren eigenen Portalen als «Rückgrat des Naturschutzes».
Wer nur diese Portale liest, könnte meinen, ohne Hobby-Jäger wäre die Natur hoffnungslos verloren. Ein Blick hinter die Schlagzeilen zeigt jedoch: Es handelt sich um ein in sich geschlossenes PR-System, das Probleme mitverursacht, die es anschliessend benutzt, um sich selbst zu legitimieren.
Weiterführend: Der Wolf in Europa: Warum die Hobby-Jagd keine Lösung ist und Die Hobby-Jagd startet am Schreibtisch.
«Der positive Einfluss der Hobby-Jäger auf die Natur» – ein Narrativ macht Karriere
Am 24. März 2026 veröffentlicht das italienische Portal «Caccia Passione» einen Beitrag über den angeblich «positiven Einfluss» der europäischen Hobby-Jäger auf die Natur. Grundlage ist das «Manifesto della Biodiversità» von FACE, dem Dachverband der europäischen Jagdorganisationen, das Hobby-Jäger als aktive Naturschützer darstellt: nicht nur Nutzer, sondern Bewahrer der Biodiversität.
Die Argumentationsstruktur ist immer dieselbe: Zunächst werden reale Probleme benannt – Wildschweinschäden, Verkehrsrisiken, Landnutzungskonflikte, Klimakrise. Dann wird suggeriert, diese Probleme seien ohne Hobby-Jäger unlösbar; die Hobby-Jagd erscheint als unverzichtbares «Werkzeug» des Wildtiermanagements. Schliesslich wird behauptet, die Hobby-Jagd sei per se nachhaltig, weil sie «reguliert» sei und Hobby-Jäger einzelne «Naturschutzprojekte» unterstützen.
Was in dieser Erzählung systematisch fehlt, ist der strukturelle Kontext: dass Überpopulationen bestimmter Arten wie etwa des Wildschweins stark mit intensiver Landwirtschaft, Fütterung, Mais-Monokulturen, fehlenden Beutegreifern und jagdlichen Praktiken zusammenhängen. Dass viele «Managementprobleme» eine Folge politischer Entscheidungen sind, die genau auf die Bedürfnisse der Hobby-Jagd zugeschnitten wurden. Und dass die Hobby-Jagd – insbesondere in Form von Trophäen-, Freizeit- und Gatter-Hobby-Jagd – selbst erhebliche ökologische und ethische Kosten verursacht, die sich nicht mit einzelnen Nistkastenprojekten aus der Welt schaffen lassen.
Im Dossier Die Hobby-Jagd startet am Schreibtisch wird detailliert aufgezeigt, wie viel Verwaltung, Lobbyarbeit und Narrativpflege nötig ist, um dieses positive Selbstbild aufrechtzuerhalten.
Patronatsökologie: Wenn Hobby-Jäger erst verschmutzen und dann «aufräumen»
Ein eindrückliches Beispiel für diese PR-Logik ist die Aktion «I cacciatori per l’ambiente» in Giffone (Kalabrien), die Caccia Passione als «13. ökologischen Tag zur Operazione Paladini del Territorio» feiert. Hobby-Jäger sammeln leere Patronenhülsen, machen Fotos und präsentieren sich als Vorbilder des Umweltschutzes.
Im Kleinen mag es erfreulich sein, wenn Müll aus der Landschaft entfernt wird. Im grossen Bild handelt es sich aber um Patronatsökologie – also um symbolische Umweltaktionen, mit denen sich Akteure für Probleme feiern, an denen ihre Praxis massgeblich beteiligt ist. Jährlich landen Millionen Schrotkugeln und Projektile in Böden, Gewässern und Feuchtgebieten, mit dokumentierten Belastungen durch Blei und andere Metalle. Weiträumige Störungen durch die Hobby-Jagd – Lärm, Hunde, Bewegungsjagden – treffen ungezielt Nicht-Zielarten, von Bodenbrütern bis zu grossen Säugern. «Aufräumaktionen» ändern an diesen Grundproblemen nichts; sie liefern lediglich Bilder, die das Image der Hobby-Jagd polieren.
Statt systematisch an die Ursachen zu gehen – Bleiverbot, strikte Kontrollen, Beschränkung der Jagdzeiten, grossflächige Ruhezonen, unabhängige Wildhut – verlagert sich die Verantwortung in die Symbolpolitik der Hobby-Jägervereine. Wer zuerst verschmutzt und dann PR-wirksam aufräumt, betreibt keine ökologische Wende, sondern Schadensbegrenzung für das eigene Image. Die wissenschaftliche Studienlage zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd auf Wildtiere belegt diese Zusammenhänge eindrücklich.
«Projekt Mallard»: Artenschutz oder Abschussoptimierung?
Noch deutlicher wird die Schieflage im Umgang mit Wasserwild. Unter der Überschrift «Cacciatori migratori acquatici» berichtet Caccia Passione über das «Progetto Mallard» der ACMA (Associazione Cacciatori Migratori Acquatici) in der Region Marken. Die ACMA installiert künstliche Nester für Stockenten in Feuchtgebieten und beschreibt das Projekt als Massnahme zur «Tutela e monitoraggio» der Art und zur Förderung der Biodiversität.
Laut Projektbeschreibung soll das die Reproduktionsrate der Stockenten erhöhen, die Nester vor Prädation durch Rabenvögel und Füchse schützen und langfristig die Zugvogelfauna in der Region stärken. Gleichzeitig handelt es sich aber um eine klassische Bestandsmanipulation zugunsten eines jagdbaren Wildtiers durch genau jene Gruppen, die diese Tiere später bejagen.
Durch künstliche Nester, Prädatorenbekämpfung – gezielte Bejagung von Rabenvögeln und Füchsen – und lokale Bestandsstützung wird die «jagdlich nutzbare» Biomasse erhöht. Die ökologische Rolle von Beutegreifern, komplexe Nahrungsnetze und die Gesamtfunktion von Feuchtgebieten werden auf die Frage reduziert, wie viele «Stücke» pro Saison zur Verfügung stehen. Von echtem Artenschutz im Sinne von Schutz vor Nutzung kann keine Rede sein; vielmehr geht es um eine intensivere Nutzung unter grünem Label.
Die Jagdkommunikation verkauft solche Projekte als «Naturschutz» – unterschlägt aber konsequent, dass das eigentliche Schutzziel wäre, nicht auf diese Tiere zu schiessen. Aus Sicht des Wildtierschutzes ist es widersprüchlich, eine Art mit Aufwand zu fördern, um sie danach systematisch zu töten.
Deutscher Jagdverband: «Wolf im Jagdrecht» als Erfolgsgeschichte
Während italienische Portale an der Fassade «Naturschutz» feilen, feiert der Deutsche Jagdverband (DJV) offen politische Siege. Am 5. März 2026 veröffentlicht der Verband die Meldung «Bundestag stimmt für Wolf im Jagdrecht». Der Tenor: Der Bundestag habe mit grosser Mehrheit für die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht gestimmt. Mit der Änderung des Bundesjagdgesetzes seien die Voraussetzungen geschaffen, um «Problemwölfe unbürokratisch und schnell zu entnehmen» und ein «aktives Bestandsmanagement» zu betreiben. DJV-Vertreter sprachen von einem «grossen verbandspolitischen Erfolg».
Dass es überhaupt möglich wurde, den Wolf wieder als jagdbare Art zu deklarieren, hängt direkt mit der Herabstufung seines Schutzstatus in der Berner Konvention und den darauf folgenden EU-Beschlüssen zusammen – ein politischer Dammbruch, vor dem viele Biologinnen und Naturschutzorganisationen gewarnt hatten. Die Jagdlobby versucht nun, diesen Rückschritt als modernisiertes «Bestandsmanagement» zu verkaufen. Wie dieses Thema in Deutschland konkret umgesetzt wird, hat Wild beim Wild bereits dokumentiert.
Auffällig ist, was in der DJV-Kommunikation fehlt: eine transparente Darstellung des tatsächlichen Erhaltungszustands der Population, der genetischen Situation und der Rolle des Wolfs in Ökosystemen. Eine ehrliche Kosten-Nutzen-Analyse von Herdenschutzmassnahmen im Vergleich zur Hobby-Jagd, inklusive der Frage, ob Abschüsse Konflikte überhaupt reduzieren. Und vor allem: die Perspektive der Wildtiere selbst. Wölfe tauchen nur als zu verwaltende Ressource oder als Problem auf, nicht als fühlende Lebewesen mit eigenen Interessen.
Hobby-Jagdportale als Normalisierungsmaschine
Neben den grossen Themen – Wolf, Beutegreifer, Feuchtgebiete – erfüllen Hobby-Jägerportale eine weitere Funktion: Sie normalisieren die Hobby-Jagd als alltägliche Routine. Webseiten wie das «Deutsche Jagdportal» oder die News-Sektionen nationaler Verbände sind voller Meldungen über Jagdscheine, Fortbildungen, Schiesswettbewerbe und Verbandsjubiläen.
Politisch brisante Themen – Trophäen-Hobby-Jagd, Gatterjagd, Wolf, Luchs, Bär, Bleiverbot – kommen zwar vor, werden aber eingebettet in eine Sprache der Verwaltungsroutine: «Anhörung im Ausschuss», «Umsetzung des Koalitionsvertrages», «notwendige Anpassungen an EU-Recht». Stets mit dem Unterton, Naturschutz sei zwar lästig, aber durch kluge Lobbyarbeit handhabbar.
Damit erzeugen diese Portale einen Eindruck von Unvermeidlichkeit: Die Hobby-Jagd erscheint wie eine Naturkonstante, nicht wie ein politisch gewolltes Hobby, das jederzeit eingeschränkt oder abgeschafft werden könnte. Genau an dieser Stelle setzt die jagdkritische Perspektive an: Die Hobby-Jagd ist kein Naturgesetz, sondern Ergebnis von Gesetzgebung und Lobbyarbeit. Die «Normalität» der Hobby-Jagd wird administrativ produziert – durch Jagdscheine, Pachtverträge, Verbandsstrukturen, Prüfungen, Schulungen, PR und Medienarbeit. Die Frage, ob es angesichts heutiger ethischer Standards und ökologischer Herausforderungen überhaupt noch legitim ist, Wildtiere aus «Passion» zu töten, wird im Hobby-Jägerdiskurs bewusst ausgeblendet.
Wie FACE in Brüssel und die europäische Jagdindustrie diese Normalisierung auf EU-Ebene vorantreiben, ist vielfach dokumentiert.
FACE und das «Manifest der Biodiversität»: Wissenschaft als Kulisse
Über vielen dieser Portale schwebt die Kommunikationsstrategie von FACE, der europäischen Dachorganisation der Jagdverbände. In ihrem «Manifesto sulla Biodiversità» und im «FACE Report» versucht sie, die Hobby-Jagd als unverzichtbaren Beitrag zur Umsetzung internationaler Biodiversitätsziele zu positionieren.
Die Kernbotschaften: Hobby-Jäger seien «Biodiversitäts-Manager», die Lebensräume pflegen, Monitoring betreiben und invasive Arten kontrollieren. Internationale Prozesse wie AEWA, CITES und die EU-Biodiversitätsstrategie werden so gerahmt, dass «nachhaltige Nutzung» – also die Hobby-Jagd – als gleichwertige Säule neben Schutz und Wiederherstellung steht. Kritische Stimmen von Tierschutz- und Naturschutzorganisationen werden als «ideologisch», «realitätsfern» oder «städtisch entfremdet» diskreditiert.
Das Problem ist nicht, dass Hobby-Jäger keine Daten erheben oder einzelne Biotoppflege-Massnahmen durchführen – das tun sie durchaus. Das Problem ist, dass diese Tätigkeiten in der Kommunikation instrumentalisiert werden, um eine ganz andere Praxis zu legitimieren: das freizeitmotivierte Töten von Wildtieren, inklusive Trophäen-Hobby-Jagd, Gatterjagd und intensiver Niederwildbewirtschaftung.
Aus Sicht des Wildtierschutzes ist entscheidend: Wissenschaft wird hier selektiv genutzt, um Abschüsse als «Management» erscheinen zu lassen, während ethische Fragen und alternative Konfliktlösungen – Herdenschutz, Raumplanung, Regulierung der Landwirtschaft, nicht-letale Methoden – marginalisiert werden. Das Wohl einzelner Tiere spielt in der Argumentation praktisch keine Rolle; es geht um «Bestände», «Nutzungsquoten», «Akzeptanz» – also um verwaltbare Zahlen, nicht um Leben.
Was ein realistischer Blick auf «Hobby-Jagd und Naturschutz» verlangt
Wenn man die aktuellen Hobby-Jagdportale gemeinsam liest, ergibt sich ein klares Muster: Probleme werden teilweise korrekt benannt, aber ihre Ursachen verkürzt – Industrialisierung der Landwirtschaft, Verkehrsplanung, Raumplanung, Klimakrise, historische Ausrottung von Beutegreifern. Die Hobby-Jagd wird zur universellen Lösung erklärt, obwohl sie vielfach selbst Teil des Problems ist: Überhege, Fütterungen, Trophäenfokus, Störung, Beifang. Einzelne PR-taugliche Projekte – Nistkästen, Hülsensammeln, «ökologische Tage» – dienen als Feigenblatt für ein System, das auf der systematischen Tötung von Wildtieren als Freizeitbeschäftigung basiert.
Ein realistischer Blick im Sinne des gesunden Menschenverstands müsste mindestens festhalten: Echte Naturschutzpolitik setzt an Ursachen an – Agrar-, Forst- und Verkehrspolitik, Raumplanung, Klima- und Energiepolitik, Schutz von Beutegreifern und Habitaten. Wenn «Artenschutzprojekte» vorrangig dazu dienen, jagdbare Bestände zu erhöhen, sind sie keine neutralen Naturschutzmassnahmen, sondern Abschussoptimierung unter grünem Anstrich. Und die Frage, ob sich eine moderne Gesellschaft leisten will, Wildtiere für Freizeit und Tradition zu töten, ist eine ethische, keine technische. Sie lässt sich nicht mit Nistkästen, Patronensammelaktionen und wohlklingenden Manifesten ersetzen.
Genau hier können Plattformen wie Wild beim Wild ansetzen: indem sie Hobby-Jäger-Narrative nicht nur widerlegen, sondern ihre innere Logik offenlegen – und konsequent die Perspektive der Wildtiere in den Mittelpunkt stellen.






