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Jagd

Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert

Die Hobby-Jagd kann zwar lokal reduzieren, aber nicht flächendeckend bremsen, weil immer wieder Tiere aus Nachbargebieten nachwandern und die Tiere wegen der Hobby-Jäger einfach die Geburtenrate erhöhen.

Redaktion Wild beim Wild — 12. August 2025

Hohe Streckenzahlen sind oft ein Indikator für eine wachsende Population – Hobby-Jäger können einfach mehr erlegen, weil die Dichte steigt.

Die Vorstellung, man könne mit der Hobby-Jagd Bestände «in Schach halten», ist biologisch unbegründet.

In manchen Regionen profitieren Beutegreifer vom Vorkommen bestimmter Arten, aber die werden im Angesicht des Wahns innerhalb der Jägerschaft selbst unsinnig bejagt, trotz wissenschaftlicher Gegenargumente. Bei Arten wie Wildschwein oder Fuchs kann das Töten von Leittieren soziale Verbände destabilisieren, wodurch mehr Weibchen trächtig werden oder die Paarung früher stattfindet.

Durch das Entstehen von «freien Revieren» oder weniger verteidigten Territorien werden Wanderbewegungen ausgelöst und auch Krankheiten verbreitet. Bei mobilen Arten heisst das: Man jagt im Grunde nur den Durchzug – nicht den Bestand.

Viele «Problemarten» wie Nutria in Deutschland, Wildschweine oder Kaninchen haben extrem hohe Fortpflanzungsraten.

Selbst wenn ein grosser Teil der Population geschossen wird, kann der Restbestand durch Nachwuchs oder Zuwanderung innerhalb weniger Monate wieder die Lücke füllen.

Bei Wildtierarten können Weibchen schon wenige Monate nach der Geburt wieder trächtig werden, oft mit mehreren Würfen pro Jahr. Die Hobby-Jagd trifft oft nicht zufällig alle Alters- und Geschlechtsklassen. Wird z. B. vor allem auf grosse oder sichtbare Tiere geschossen, bleiben besonders reproduktionsstarke jüngere Tiere verschont. In manchen Fällen fördert das sogar den Populationsanstieg, weil mehr Ressourcen (Futter, Raum) für die Überlebenden übrig bleiben.

Viele Wildtierarten reagieren auf geringere Populationsdichte mit höheren Geburtenraten oder besserer Jungtier-Überlebensquote. Das heisst: Weniger Konkurrenz = mehr Nachwuchs pro Tier. Werden Tiere lokal stark bejagt, wandern oft Tiere aus nicht bejagten oder weniger bejagten Regionen nach. Das macht Jagderfolge in offenen Landschaften oder an Flüssen zunichte.

Die Hobby-Jagd ist und war noch nie ein Wildtiermanagement, sondern hat den Charakter einer Kirmes für psychisch Auffällige im Blindflug.

Die Hobby-Jagd ist eine Perversion zur Entnahme von Überschüssen, aber selten ein zuverlässiges Mittel zur dauerhaften Reduktion – besonders bei anpassungsfähigen, schnell reproduzierenden oder mobilen Arten.

In den 1980er–2000er Jahren stieg die Jagdstrecke (erlegte Tiere) der Wildschweine stark, aber die Population wuchs trotzdem. Intensive Bejagung nahm vor allem adulte Tiere weg, was den Restbestand entlastete: mehr Futter, höhere Fruchtbarkeit (Sauen wurden früher geschlechtsreif, bekamen mehr Frischlinge). Dazu: milde Winter und Maisanbau = reichlich Nahrung. Der Jagddruck konnte das Wachstum nicht bremsen.

Hobby-Jäger erlegen jährlich immer mehr der verschiedenen Wildtierarten (die Jagdstrecke hat sich in wenigen Jahren vervielfacht), aber der Bestand wächst ebenfalls. Mehr Nachwuchs pro Jahr, Jungtiere überleben besser, und aus weniger bejagten Gebieten kommen neue Tiere nach.

In manchen Regionen in Deutschland sehen Hobby-Jäger Nutria inzwischen auch als attraktive Jagdbeute, was einen «Restbestand» faktisch erwünscht macht. Diese Art von Ratte wird im Hobby-Jäger-Milieu als Delikatesse betrachtet.

Schritt-für-Schritt-Dynamik

  1. Die Hobby-Jagd reduziert die Population
    • Ein Teil der Tiere wird entnommen (z. B. 30 % der Individuen).
    • Ergebnis: Weniger Mäuler, die um Nahrung und Lebensraum konkurrieren.
  2. Weniger Konkurrenz = bessere Bedingungen
    • Mehr Futter pro Tier.
    • Günstigere Körperkondition (bessere Gesundheit, weniger Stress).
    • Jungtiere haben höhere Überlebenschancen.
  3. Biologische Reaktion: höhere Fortpflanzungsrate
    • Weibchen werden früher geschlechtsreif (z. B. Wildschweinsauen schon mit 7–8 Monaten statt erst mit 18).
    • Mehr Würfe pro Jahr möglich.
    • Mehr Jungtiere pro Wurf.
    • Höherer Anteil überlebender Jungtiere.
  4. Zuwanderung füllt Lücken
    • Freie Reviere ziehen Tiere aus Nachbargebieten an.
    • Besonders bei mobilen Arten wird der Effekt verstärkt.
  5. Population erreicht wieder oder übersteigt ursprüngliches Niveau
    • Teilweise sogar schneller als vor der Hobby-Jagd.
    • Langfristig ist der Bestand stabil oder wächst weiter.

Das nennt man kompensatorische oder überkompensatorische Populationsdynamik – die Natur reagiert auf Verluste nicht passiv, sondern „übersteuert“ mit mehr Nachwuchs.

Eine Graphik zeigt die Populationsdynamik von Tieren mit und ohne Jagd, verdeutlicht durch zwei Kurven: eine grüne Linie für die Population ohne Jagd und eine rote Linie für die Population mit Jagd und deren Überkompensation. Die X-Achse steht für die Jahre, während die Y-Achse die Populationgröße in Zahlen anzeigt.

Das ist ein zentraler Punkt, den viele Hobby-Jäger durch die mangelnde Ausbildung und auch Teile der Politik nicht verstehen: Jagddruck wirkt nicht wie ein dauerhafter «Bestandsdeckel», sondern wie ein Reset-Knopf, nach dem die Population mit verstärktem Nachwuchs reagiert – oft sogar stärker als vorher.

Wenn vor allem grosse, auffällige Tiere geschossen werden, verschiebt sich die Alters- und Geschlechtsstruktur.

In dem Durcheinander, in dem sich die Natur nach jahrzehntelanger unwissenschaftlicher Hege und Pflege der Hobby-Jäger befindet, ist es nicht verwunderlich, dass sich immer mehr Akteure beschweren.

Die Freizeitjagd ist in ihrer derzeitigen Form kein effektives Instrument zur Bestandsregulation, sondern eine periodische «Wildernte», die den Bestand häufig sogar stabilisiert oder vergrössert. Ursache ist die biologische Gegenreaktion vieler Wildtierarten. Wenn man das nüchtern betrachtet, ist die Hobby-Jagd in ihrer jetzigen Form eher eine Form von Nutzwildernte (mit dem Nebeneffekt, dass den Hobby-Jägern nie das Wild ausgeht) als ein wirksames Wildtiermanagement.

Zudem lockt jede freigeschossene Fläche durchlässiger Landschaften Tiere aus Nachbargebieten an – ein Effekt, der besonders bei mobilen Arten das Jagdergebnis zunichtemacht. Bei sozialen Arten zerstört der Abschuss von Leittieren stabile Gruppenverbände, was paradoxerweise zu noch mehr Nachwuchs führen kann.

Effektives Wildtiermanagement erfordert wissenschaftlich fundierte, gezielt umgesetzte Strategien – und nicht das opportunistische Ausschöpfen eines stets nachwachsenden Bestands durch Hobby-Jäger.

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