2. April 2026, 14:58

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Jagd und Wildtierkrankheiten

Hobby-Jäger behaupten seit Jahrzehnten, die Bejagung von Füchsen und anderen Beutegreifern schütze die Bevölkerung vor Krankheiten wie Tollwut, Fuchsbandwurm, Räude und Borreliose. Die Wissenschaft sagt das Gegenteil: Intensivere Bejagung destabilisiert Populationsstrukturen, erhöht Wanderbewegungen und verbreitet Krankheiten schneller, nicht langsamer. Was Jagdverbände als Gesundheitsmanagement verkaufen, ist ein empirisch widerlegtes Narrativ, das primär der Legitimation einer Freizeitaktivität dient.

Juristisch pikant ist dabei: Gemäss Art. 26 des Tierschutzgesetzes muss für das Töten eines Tieres ein «vernünftiger Grund» vorliegen. Für die Fuchsjagd existiert weder eine rechtliche Abschussplanung noch eine wissenschaftlich anerkannte Regulierungsnotwendigkeit. Es gibt seit mehr als 30 Jahren mindestens 18 wildbiologische Studien, die beweisen: Fuchsjagd reguliert nicht und taugt zur Seuchenbekämpfung nicht. Im Gegenteil.

Was dich hier erwartet

  • Fuchsbandwurm: Das bekannteste Jägerlatein. Wie die Nancy-Studie zeigt, dass intensivierte Fuchsjagd die Befallsrate von 40 auf 55 Prozent steigert statt senkt.
  • Borreliose: Weniger Füchse, mehr Zecken. Warum die Bejagung von Füchsen Mäusepopulationen explodieren lässt und das Borreliose-Risiko erhöht.
  • Tollwut: Wie das Argument implodierte. Warum Impfköder die Tollwut besiegten, nicht Abschüsse, und wie die Jagdlobby das Legitimationsargument einfach austauschte.
  • Jagddruck fördert Krankheiten: Der biologische Mechanismus. Was Stresshormone, Immunsuppression und zerstörte Sozialstrukturen mit Krankheitsverbreitung zu tun haben.
  • Räude und Staupe: kontraproduktive Eingriffe. Warum Hobby-Jagd die natürliche Resistenzentwicklung untergräbt und Krankheitsausbrüche aktiv produziert.
  • Jagdformen, die Leid erzeugen und Krankheiten fördern. Warum Baujagd, Treibjagd, Fallenjagd und Passjagd strukturell krankheitsfördernd wirken.
  • Hantavirus, Leptospirose, Botulismus: Was wirklich schützt. Warum der Fuchs als Gesundheitspolizist kein Bild ist, sondern ein biologischer Mechanismus.
  • Argumentarium. Antworten auf die häufigsten Behauptungen der Jagdlobby zur Seuchenbekämpfung.
  • Quicklinks. Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers.

Fuchsbandwurm: Das bekannteste Jägerlatein

Weniger Füchse, weniger Fuchsbandwurm, weniger Infektionsrisiko für den Menschen: Das klingt auf den ersten Blick plausibel. Auf den zweiten Blick ist es schlicht falsch. In einer Studie aus der Region Nancy wurde über vier Jahre lang wissenschaftlich untersucht, ob intensivierte Fuchsjagd die Verbreitung von Echinococcus multilocularis eindämmt. Das Ergebnis: 1700 Arbeitsstunden, 15’000 Kilometer nächtliche Autofahrten, 776 erschossene Füchse, eine Erhöhung des Jagddrucks um 35 Prozent, und trotzdem wurde die Fuchspopulation nicht reduziert.

Noch gravierender: Die Befallsrate mit dem Fuchsbandwurm stieg im intensiv bejagten Gebiet von 40 auf 55 Prozent, während sie im Vergleichsgebiet ohne intensivierte Jagd konstant blieb. Die Studie trägt den programmatischen Titel «Echinococcus multilocularis management by fox culling: An inappropriate paradigm». Was die Jagdverbände als Gesundheitsschutzmassnahme verkaufen, ist laut aktueller Wissenschaft nicht nur nutzlos, sondern kontraproduktiv. Die Alternative ist evidenzbasiert: Entwurmungsköder, die die Befallsrate von Füchsen auf nahezu null Prozent senken können, ohne ein einziges Tier zu töten.

Mehr dazu: Hobby-Jäger verbreiten Krankheiten und Fuchsjagd ohne Fakten

Borreliose: Weniger Füchse, mehr Zecken

Eine weitere aktuelle Studie zeigt, dass die Bejagung von Füchsen die Ansteckungsgefahr mit Lyme-Borreliose durch Zecken erhöht. Der Mechanismus ist biologisch nachvollziehbar: Füchse sind wichtige Mäusejäger. Ein Fuchs frisst rund 4’000 Mäuse pro Jahr. Wo Füchse fehlen oder dezimiert werden, explodieren Mäusepopulationen . Mäuse sind aber die Hauptwirte für Zecken: An einer Maus können sich Dutzende von Zeckenlarven und Nymphen gleichzeitig infizieren und Krankheitserreger direkt austauschen.

Wer Füchse bejagt, bejagt damit indirekt das eigene Immunsystem: mehr Mäuse bedeuten mehr Zecken, mehr Zecken bedeuten mehr Borreliose, mehr FSME, mehr Hantavirus. Die Kantone, die am meisten Füchse abschiesslassen, haben statistisch am meisten Probleme mit wildtierbedingten Krankheiten . Dieser Zusammenhang wird in der offiziellen Kommunikation der Jagdbehörden nicht erwähnt. Er stört das Narrativ.

Mehr dazu: Studien über die Auswirkung der Jagd auf Wildtiere und Jagd und Biodiversität: Schützt Hobby-Jagd wirklich die Natur?

Tollwut: Wie das Argument implodierte

Die Tollwut ist das historisch wichtigste Argument für die Fuchsjagd. Sie war es, die die massenhafte Bejagung des Fuchses in der Nachkriegszeit legitimierte. Das Problem: Die Tollwut wurde nicht durch Abschüsse besiegt, sondern durch Impfköder. Die schweizerische Tollwutzentrale folgerte bereits, dass eine jägerische Reduktion von Fuchspopulationen «offensichtlich nicht möglich und die Jagd zur Tollwutbekämpfung sogar kontraproduktiv sei». Seit 1998 gilt die terrestrische Tollwut in der Schweiz als ausgerottet, nicht dank der Jäger, sondern trotz ihrer Fuchsjagd.

Psychologisch interessant ist, was danach geschah: Das Argument «Tollwutbekämpfung» verschwand, aber die Fuchsjagd blieb. Man wechselte schlicht das Legitimationsargument, zuerst Tollwut, dann Fuchsbandwurm, dann Räude, dann Borreliose. Das Narrativ passt sich den wissenschaftlichen Widerlegungen an, die Jagdpraxis nicht. So funktioniert ein System, das auf Fortsetzung ausgelegt ist und nicht auf Wahrheit.

Mehr dazu: Niederjagd und Wildkrankheiten und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest

Jagddruck fördert Krankheiten: Der biologische Mechanismus

Jagd erhöht Krankheiten nicht nur indirekt über Mäusepopulationen, sondern auch direkt über Stresshormone. Man weiss von anderen Arten, eingeschlossen Menschen, Hunden und anderen Tieren, dass bei starker Bejagung ein chronisch hohes Level von Stresshormonen zu Immunsuppression führt: Die Tiere sind anfälliger für Krankheiten und weniger gewappnet für die alltäglichen Herausforderungen des Lebens.

Dazu kommt die Störung der Sozialstruktur: In ungestörten Fuchsrudeln reproduziert sich nur die ranghöchste Fähe. Bricht die Gemeinschaft durch Bejagung auseinander, wird nahezu jede Füchsin befruchtet, die Wurfgrösse steigt, und ein Forscherteam fand erhöhte Progesteronwerte als Indikator für einen ungewöhnlich hohen Anteil sich fortpflanzender Weibchen. Das Ergebnis: mehr Jungtiere, mehr Wanderbewegungen, mehr Krankheitsverbreitung. Exakt das Gegenteil von dem, was Jagdverbände behaupten.

Mehr dazu: Hobby-Jagd fördert Krankheiten und Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht

Räude und Staupe: kontraproduktive Eingriffe

Die Räude flackert lokal auf und erlischt von selbst wieder. Besonders dort, wo sie besonders stark um sich gegriffen hat, entwickeln Füchse zunehmende Resistenz gegen Neuinfektionen. Die Jagd macht diesen natürlichen Selektionsvorteil zunichte: Ein Hobby-Jäger sieht einem Fuchs seine Räuderesistenz nicht an.

Intensiver Jagdstress kann zudem selbst als Auslöser von Räude fungieren: Milben trägt jedes Tier latent auf der Haut, sie brechen aber nur aus, wenn das Immunsystem durch Stress geschwächt wird. Wer Füchse mit Passagen, Treibjagden und Fallenjagden unter Dauerstress setzt, produziert damit aktiv die Krankheitsausbrüche, die er anschliessend als Legitimation für weitere Jagd verwendet. Das ist kein Wildtiermanagement, das ist ein selbst erzeugendes Problemsystem.

Mehr dazu: Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert und Genf und das Jagdverbot

Jagdformen, die Leid erzeugen und Krankheiten fördern

Nicht alle Jagdformen sind gleich. Einige erhöhen Krankheitsrisiken strukturell:

Baujagd: Scharf gemachte Hunde werden in Fuchsbaue geschickt, um Füchse herauszutreiben. Es kommt zu unterirdischen Kämpfen, bei denen sich Hund und Fuchs ineinander verbeissen. Verletzungen fördern Infektionsrisiken bei beiden Tieren. 70 Prozent der Bevölkerung würden laut einer Umfrage des Schweizerischen Tierschutzes ein Verbot der Baujagd befürworten.

Treibjagd: Bei gejagten Wildtieren werden in Angstsituationen gesundheitsschädigende Stresshormone freigesetzt, die sich im Fleisch manifestieren und vom Menschen im Wildbret konsumiert werden. Mit Schrot wird geschossen, womit der Waldboden mit Blei verseucht wird und Kadaver als nicht gefundene Stücke das Blei in die Nahrungskette übertragen.

Fallenjagd: Tiere warten stunden- oder tagelang in der Falle, unter extremem Stress, was das Immunsystem nachweislich schwächt und Krankheitsanfälligkeit erhöht.

Passjagd: Füchse und andere Beutegreifer werden mit Futter angelockt und an Luderplätzen abgeschossen. Das gezielte Töten von Leitbachen und -rüden zerstört Sozialstrukturen und erhöht Wanderbewegungen, was Krankheiten verbreitet.

Mehr dazu: Baujagd und Fallenjagd

Hantavirus, Leptospirose, Botulismus: Was wirklich schützt

Ein Fuchs frisst rund 4’000 Mäuse pro Jahr. Mäuse werfen alle 30 Tage 10 bis 15 Junge und sind bereits nach 6 bis 8 Wochen geschlechtsreif. Der Zusammenhang ist mathematisch eindeutig: Wo Füchse fehlen, explodieren Mäusepopulationen und mit ihnen die Risiken für Hantavirus, Leptospirose und Borreliose.

Hantavirus wird über Mäusekot übertragen und verursacht grippeähnliche Erkrankungen bis hin zu Nierenversagen. Leptospirose überlebt in Pfützen wochenlang und infiziert Hunde und Menschen. Botulismus entsteht in Kadavern, die sich in Silage und Heu ansammeln; in einem Hinweisblatt an Landwirte wurde empfohlen, Felder am Vorabend zu mähen, damit Füchse als Aasfresser die verendeten Tiere fressen, was Botulismus-Risiken in der Silage stark senke. Der Fuchs als Gesundheitspolizist ist keine Metapher, er ist ein biologischer Mechanismus.

Mehr dazu: Vergrämung von Wildtieren und Argumentarium gegen Hobby-Jagd und für Wildhüter

Was sich ändern müsste

  • Fuchsjagd einstellen: Mindestens 18 wildbiologische Studien über drei Jahrzehnte belegen, dass Fuchsjagd Populationen nicht reguliert und Krankheiten fördert statt eindämmt. Die Schweiz sollte dem Beispiel Luxemburgs folgen und die Fuchsjagd aussetzen. Mustervorstoss: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse
  • Entwurmungsköder statt Abschüsse einsetzen: Die Nancy-Studie und weitere Forschung zeigen, dass orale Entwurmungsköder die Fuchsbandwurm-Befallsrate auf nahezu null senken können, ohne ein Tier zu töten. Diese Methode muss flächendeckend finanziert und umgesetzt werden.
  • Baujagd und Fallenjagd verbieten: Beide Jagdformen verursachen extremes Tierleid und fördern Krankheitsausbrüche durch Stress und Immunsuppression. 70 Prozent der Bevölkerung befürworten ein Verbot der Baujagd.
  • Wildtierkrankheiten-Monitoring von der Hobby-Jagd entkoppeln: Das Monitoring von Wildtierkrankheiten darf nicht in den Händen derjenigen liegen, die ein Interesse an der Fortführung der Bejagung haben. Unabhängige veterinärmedizinische Stellen müssen die Datenhoheit übernehmen.
  • Professionelles Wildtiermanagement nach Genfer Modell: Staatliche Wildhüter mit veterinärmedizinischer Begleitung können Wildtierkrankheiten evidenzbasiert managen, ohne die Populationsstrukturen zu destabilisieren, die natürliche Krankheitsresistenz ermöglichen. Mustervorstoss: Jagdverbot nach Vorbild Genf

Argumentarium

«Ohne Fuchsjagd würde der Fuchsbandwurm zur Seuche.» Die Nancy-Studie zeigt das Gegenteil: Intensivierte Fuchsjagd steigerte die Befallsrate von 40 auf 55 Prozent, während sie im Vergleichsgebiet ohne Jagdintensivierung konstant blieb. Die Autoren bezeichnen Fuchsjagd zur Seuchenbekämpfung als «inappropriate paradigm». Was tatsächlich wirkt, sind Entwurmungsköder, die die Befallsrate auf nahezu null senken, ohne ein Tier zu töten. Der Fuchsbandwurm ist das Argument, nicht die Lösung.

«Weniger Füchse bedeutet weniger Krankheiten für den Menschen.» Weniger Füchse bedeutet mehr Mäuse, mehr Mäuse bedeutet mehr Zecken, mehr Zecken bedeutet mehr Borreliose, mehr FSME, mehr Hantavirus. Ein Fuchs frisst 4’000 Mäuse pro Jahr. Wo Füchse fehlen, explodieren die Populationen der Hauptwirte für Zecken und zoonotische Erreger. Das ist kein Aktivisten-Argument, das ist Nahrungskettenbiologie.

«Die Tollwutbekämpfung beweist, dass Fuchsjagd funktioniert.» Die Tollwut wurde nicht durch Abschüsse besiegt, sondern durch Impfköder. Die schweizerische Tollwutzentrale stellte selbst fest, dass Populationsreduktion durch Bejagung «offensichtlich nicht möglich» und «sogar kontraproduktiv» sei. Seit 1998 ist die terrestrische Tollwut in der Schweiz ausgerottet, nicht dank der Hobby-Jagd, sondern trotz ihr. Das Tollwut-Argument ist ein historisches Eingeständnis, kein Beweis.

«Räudige Füchse müssen geschossen werden, um die Ausbreitung zu stoppen.» Räude flackert lokal auf und erlischt von selbst. Wo sie sich ausbreitet, entwickeln Füchse zunehmende Resistenz. Die Hobby-Jagd macht diesen natürlichen Selektionsvorteil zunichte, weil einem Hobby-Jäger die Räuderesistenz eines Fuchses nicht anzusehen ist. Jagdstress schwächt zudem das Immunsystem und aktiviert latent vorhandene Milben, die Hobby-Jagd produziert also aktiv die Krankheitsausbrüche, die sie anschliessend als Legitimation verwendet.

«Jagd ist Seuchenprävention.» Jagd ist das Gegenteil von Seuchenprävention. Bejagung destabilisiert Sozialstrukturen, erhöht Wanderbewegungen, unterdrückt Immunsysteme durch chronischen Stress und zerstört natürliche Regulationsmechanismen. Was Seuchenprävention wäre: stabile Beutegreifer-Bestände, intakte Sozialstrukturen, Entwurmungsköder, unabhängiges veterinärmedizinisches Monitoring. Alles Massnahmen, die keine Hobby-Jagd erfordern.

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Unser Anspruch

Die Behauptung, Hobby-Jagd schütze vor Wildtierkrankheiten, ist nicht nur falsch, sie ist empirisch widerlegt. Mindestens 18 wildbiologische Studien über mehr als drei Jahrzehnte belegen konsistent dasselbe: Bejagung destabilisiert Populationsstrukturen, erhöht Wanderbewegungen, unterdrückt natürliche Immunresistenzen und verbreitet Krankheiten schneller. Wer Füchse schiesst, erzeugt mehr Mäuse, mehr Zecken, mehr Borreliose, mehr Hantavirus. Das ist kein Aktivisten-Argument, das ist Biologie.

Was tatsächlich schützt, ist das Gegenteil: stabile Raubtierbestände, intakte Sozialstrukturen, Entwurmungsköder statt Abschuss, professionelles Wildtiermanagement statt bewaffnetes Freizeitvergnügen. Der Kanton Genf zeigt seit 50 Jahren, dass dieses Modell billiger, tierschutzgerechter und epidemiologisch wirksamer ist als jede Milizjagd. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Studien, Zahlen oder politische Entwicklungen es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.