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Jagd

Wie Berlin und Bern den Wolf zum Abschuss freigeben

Von der EU-Herabstufung über das deutsche Bundesjagdgesetz bis zur Schweizer Welpenregulierung: Wie der Artenschutz in beiden Ländern systematisch ausgehebelt wird.

Redaktion Wild beim Wild — 28. März 2026

Deutschland hat es eilig, den Wolf aus dem Artenschutz in die Gewehrläufe der Hobby-Jägerschaft zu schieben.

Mit der Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdgesetz und einer neuen Jagdzeit vom 1. Juli bis 31. Oktober wird ein Beutegreifer, der eben erst auf europäischer Ebene herabgestuft wurde, in Rekordzeit zum «regulierbaren Bestand» degradiert – und die Bauern- und Jagdlobby jubelt. Was als «vernunftgesteuertes Bestandsmanagement» verkauft wird, ist in Wahrheit ein politisches Wunschkonzert auf Kosten eines noch immer verletzlichen Rückkehrers der europäischen Fauna – und eine Blaupause, wie man Artenschutz systematisch aushöhlt.

Jagdzeit auf den Wolf: politischer Wunschtraum statt ökologische Notwendigkeit

Der Mechanismus ist simpel: Die Bundesregierung erklärt den Wolf in weiten Teilen Deutschlands zum «günstig erhaltenen» Bestand, lässt die Länder Managementpläne schreiben und öffnet damit eine reguläre Jagdzeit vom 1. Juli bis 31. Oktober. Offiziell soll das nur dort gelten, wo «hohe Wolfszahlen» angeblich Probleme verursachen; real bedeutet es, dass Länder mit dichtem Lobbydruck fast freie Hand bekommen, Abschusskontingente zu definieren. Der Wolf wird damit formal zwar noch als geschützt geführt, praktisch aber in dieselbe Logik gepresst wie Reh oder Hirsch: Wer stört, wird «reguliert» – und wer reguliert, ist wie immer die Hobby-Jagd.

In der Schweiz wurde genau diese Logik bereits mit der Revision des Jagdrechts eingeführt, nur ohne das Wort «Jagdzeit» zu verwenden: Präventive und reaktive «Regulierungen» erlauben Kantonen seit 2023/24, Rudelbestandteile und ganze Rudel zu erschiessen, solange eine politisch definierte Mindestzahl von Rudeln auf dem Papier stehen bleibt. Das Etikett unterscheidet sich – «Regulierung» statt «Jagdzeit» –, das Ergebnis ist dasselbe: Der Wolf wird von einer einst streng geschützten Art zum Restposten im Nutzungsregime einer industrialisierten Kulturlandschaft.

Schweiz vs. Deutschland: zwei Systeme, eine Agenda

Auf den ersten Blick wirken die Systeme unterschiedlich: Deutschland führt eine klassische Jagdzeit ein, die Schweiz spricht von präventiver und reaktiver Regulierung. Doch die entscheidende Frage ist nicht, wie das Kind heisst, sondern wer es schlussendlich erschiesst und nach welcher politischen Logik.

Deutschland:

  • Jagdzeit 1. Juli bis 31. Oktober; Jagd in Regionen mit «hohen Beständen» und «günstigem Erhaltungszustand». Am 5. März 2026 beschloss der Bundestag die Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdgesetz mit den Stimmen von CDU/CSU, AfD und SPD. Am 27. März 2026 stimmte der Bundesrat zu.
  • Länder sollen revierübergreifende Managementpläne erstellen, mit denen die Bestände «eingehegt» werden. Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein arbeiten bereits an solchen Plänen.
  • Zusätzlich Sonderregeln für Alp- und Weidegebiete, wo Herdenschutz als «unzumutbar» erklärt und Abschuss erleichtert wird – auch bei ungünstigem Erhaltungszustand.

Schweiz:

  • Präventive Regulierung vom 1. September bis 31. Januar; reaktive Regulierung vom 1. Juni bis 31. August bei definierten Schadensschwellen.
  • Das BAFU genehmigt kantonale Gesuche; ganze Rudel oder grosse Teile davon können zur Entnahme freigegeben werden. In der Periode 2024/25 genehmigte das BAFU den Abschuss von rund 125 Wölfen, davon wurden 92 präventiv erlegt.
  • Als Erfolg wird verkauft, dass das «schnelle Wachstum» des Wolfsbestands gebremst sei – bei einer Rudelzahl von 36 Rudeln und rund 320 nachgewiesenen Wölfen.

Beide Systeme folgen derselben Agenda: Nicht mehr die Wiederansiedlung einer einst ausgerotteten Art steht im Mittelpunkt, sondern die Zementierung eines Nutztiersystems, das auf kostenlosen Ökosystemleistungen der Natur basiert und jeden Beutegreifer als Störfaktor behandelt. Wo die Jagdlobby von «wildbiologischem Management» spricht, geht es in Wirklichkeit um Machterhalt in einem Hobby, das ohne reale Notwendigkeit jedes Jahr hunderttausende Wildtiere in Wald und Feld tötet.

Weiterführend: Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd»

Politik erlaubt gezielten Abschuss von Wolfswelpen

Während die Lobby in der Öffentlichkeit von «vernunftgesteuertem Bestandsmanagement» redet, richtet sich der Präzisionsschlag der Gesetzgeber in Wahrheit gegen Wolfswelpen, also die jüngsten und verletzlichsten Tiere der Rudel. In der Schweiz nennt man das zynisch «präventive Regulierung»: Das BAFU bewilligt Kantonen, bis zur Hälfte oder sogar zwei Drittel der diesjährigen Welpen eines Rudels zu erschiessen, offiziell um Konflikte im Ansatz zu verhindern. Die Regulierungsperioden sind so gelegt, dass vor allem Jungtiere getroffen werden, obwohl das BAFU selbst festhält, dass die Unterscheidung zwischen Jung- und Elterntieren im Feld schwierig ist – mit der Folge, dass in der Periode 2024/25 zwei Elterntiere und drei Luchse, in der Vorperiode ein Herdenschutzhund «versehentlich» getötet wurden.

Deutschland kopiert dieses Muster nun fast lehrbuchhaft: Die neue Jagdzeit vom 1. Juli bis 31. Oktober fällt genau in die Phase, in der Wolfswelpen noch von den Eltern ernährt und sozial geprägt werden. Der Deutsche Tierschutzbund warnt ausdrücklich, dass damit «Wolfswelpen und Elterntiere ab Sommer im Visier» stehen und pauschale Abschüsse der Jugendklasse ermöglicht werden, sobald der politisch zurechtgebogene «günstige Erhaltungszustand» ausgerufen ist.

Der Deutsche Jagdverband (DJV) jubelt offen: Diese Regelung ermögliche ein «klassisches Bestandsmanagement basierend auf Eingriffen in die Jugendklasse» – 40 Prozent des jährlichen Nachwuchses sollen erlegt werden. In einer offiziellen Stellungnahme vor dem Bundestag fordert der DJV explizit, «bis zu 40 % der Jungwölfe eines Jahrgangs» zu erschiessen – also genau das, was die schweizerische Regulierungspraxis bereits vorlebt. Hinter der Fassade von «Koexistenz» und «Sicherheit» betreiben beide Staaten damit eine Politik, die Rudel systematisch an der Wurzel angreift und den Wolf zur beliebig regulierbaren Restgrösse im Hobby-Jagd-System degradiert.

Weiterführend: «Deutschland: Wolfswelpen im Visier der Politik»

Der «günstige Erhaltungszustand» als politischer Gummibegriff

Der zentrale Hebel, um Abschüsse juristisch zu legitimieren, heisst in beiden Ländern «günstiger Erhaltungszustand». Was wie eine strenge fachliche Kategorie klingt, funktioniert in der Praxis als politischer Gummibegriff: Regierungen melden nach Brüssel, dass es dem Wolf «gut» gehe, während sie gleichzeitig neue Abschussinstrumente einführen.

Auf EU-Ebene wurde der Wolf in der Berner Konvention am 6. Dezember 2024 von «streng geschützt» auf «geschützt» heruntergestuft – die Änderung trat am 7. März 2025 in Kraft. Im Juni 2025 folgte die Richtlinie (EU) 2025/1237, die den Wolf in der FFH-Richtlinie von Anhang IV (streng geschützt) in Anhang V (Entnahme und Nutzung möglich) verschob. Deutschland nutzt das als Begründung für die Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdgesetz und die Einführung von Jagdzeiten. Die Schweiz stellt in ihrem BAFU-Bericht zufrieden fest, das schnelle Wachstum der Population sei gebremst, und deutet damit an, dass weitere Regulierung politisch erwünscht ist und verfestigt wird.

Anstatt transparent zu sagen: «Wir wollen den Wolf im Interesse der Agrarlobby klein halten», verstecken Politik und Behörden sich hinter technokratischen Begriffen. Der WWF warnt, dass der Erhaltungszustand des Wolfs unter den FFH-Kriterien weiterhin nicht als «günstig» zu beurteilen ist und trotzdem wird er Schritt für Schritt zur verhandelbaren Zielscheibe degradiert, deren Existenzrecht jedes Jahr neu durch Schrot und Kugeln «definiert» wird.

Weiterführend: «Ein Jahr nach der Herabstufung: Der Wolf verliert seinen Schutz»

Zahlen aus der Schweiz: Herdenschutz wirkt – nicht der Finger am Abzug

Der BAFU-Bericht zu den Regulierungsperioden 2023/24 und 2024/25 liefert eine unbequeme Wahrheit für die Jagdlobby: Die Zahl der Nutztierrisse ist nach einem Peak 2022 wieder gesunken, obwohl die Zahl der Rudel weiter zugenommen bzw. sich stabilisiert hat. In den beiden Perioden wurden dennoch insgesamt rund 147 Wölfe erlegt (55 in der Periode 2023/24, 92 in der Periode 2024/25), mehrere ganze Rudel wurden ausgerottet – und dennoch spricht das BAFU vorsichtig nur von einer gebremsten Wachstumsdynamik, nicht von einem «überlaufenden Land» voller Wölfe.

Die entscheidende Aussage des Berichts lautet: «Guter Herdenschutz ist eine wichtige Stütze im Wolfsmanagement und hilft, Schäden an Nutztieren zu verhindern.» Anders gesagt: Zäune, Herdenschutzhunde, angepasste Bewirtschaftung – all das wirkt messbar. Der WWF wies darauf hin, dass der Abschuss von Leittieren zu instabilen Rudeln führen kann, wodurch Jungtiere vermehrt auf leichter verfügbare Nutztiere ausweichen – eine anlasslose Hobby-Jagd verschärft also genau die Probleme, die sie vorgibt zu lösen. Auch in Deutschland sank die Zahl der Übergriffe auf Nutztiere 2024 um 25 Prozent, obwohl die Wolfspopulation weiter wuchs – ein klarer Beleg, dass Herdenschutz funktioniert.

Wer heute behauptet, man müsse Wölfe jagen, damit Weidetierhaltende «wieder schlafen können», ignoriert bewusst die eigene Datenlage und bedient ein Feindbild, das sich politisch besser vermarkten lässt als faire Preise, Arbeitsbedingungen und förderpolitische Reformen im Nutztiersektor. Wie der NABU NRW treffend formuliert: «Die pauschale Jagd auf Wölfe ist reine Symbolpolitik und schafft keine Sicherheit für Weidetierhaltende.» Über 151’000 Menschen haben bereits die NABU-Petition «Herdenschutz statt Wolfsjagd» unterzeichnet.

Weiterführend: Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd»

Was bleibt: Hobby-Jagd als Störfaktor der Koexistenz

Am Ende führt der Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz zu einem unbequemen Ergebnis: Nicht der Wolf ist das Problem, sondern ein politisch geschütztes System aus Hobby-Jagd und extensiver Weidetierhaltung, das jede Form von Beutegreifer als Angriff auf alte Privilegien versteht. In beiden Ländern werden Jagd- und Bauernlobby hofiert, indem man ihnen das Versprechen gibt, den «Wolfsdruck» durch Blei zu senken – obwohl die eigenen Fachstellen zeigen, dass Herdenschutz und Managementplanung die eigentlichen Schlüssel sind.

Wer ernsthaft von Koexistenz sprechen will, muss den Mut haben, genau diese Machtstrukturen zu benennen: die jagdliche Verfügungsgewalt über Wildtiere, die politisch zur heiligen Kuh erklärt wurde, und ein Agrarmodell, das auf Dauer nicht ohne radikale Änderungen auskommt. Solange Wolfspolitik in Berlin, Bern und Brüssel heisst, neue Abschussfenster zu öffnen, statt Lebensräume, Herdenschutz und faire Ökonomie zu sichern, bleibt das Wort «Artenschutz» ein Feigenblatt – und der Wolf die Projektionsfläche einer Krise, die in Wahrheit eine Krise der Mensch-Natur-Beziehung und des Lobbyismus ist.

Weiterführend: «Wenn der Wolf begrenzt wird, die Hobby-Jagd aber wächst» | Dossier «Der Wolf in Europa»

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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