Fabio Regazzi verschiebt die Wildtierdebatte
In kaum einem Politikfeld zeigt sich die Spannungsachse zwischen Evidenz und Interessen so deutlich wie in der Schweizer Wildtierpolitik und kaum ein Parlamentarier steht derart konstant auf der Seite jener Kräfte, die Eingriff, Kontrolle und Abschuss in den Mittelpunkt rücken, wie Fabio Regazzi (Mitte/TI).
In der Schweiz steht wieder eine alarmierende Entscheidung bevor: Die Umwelt-, Raumplanungs- und Energiekommission des Ständerat (UREK-S) hat beschlossen, den Schutzstatus des Gänsesägers herabzusetzen und eine gezielte Regulierung, darunter Abschüsse, zu ermöglichen.
Die Vogelwarte Sempach spricht ausdrücklich davon, keinen Nachweis zu haben, dass Gänsesäger-Bestände allein durch Prädation Fischbestände gefährden. Zudem handelt es sich um eine spezialisierte Alpen-Population („nördliches Alpenvorland“), für welche die Schweiz eine besondere Verantwortung trägt. Wenn also eine regulierende Massnahme gefällt wird, die auf hypothetischen Schäden basiert, drohen Fehlentscheidungen, gefährlich beim Umgang mit geschützten Arten.
Die Hauptursachen für Fisch-Bestandsrückgänge sind nicht Beutegreifer, sondern Verlust von Lebensräumen, Wasserverschmutzung, Stauanlagen, Klimawandel und nicht-heimische Arten. Eine Konzentration auf Jagdmassnahmen der Hobby-Jäger gegen einen Vogel lenkt vom echten Problem ab und schafft Symbolpolitik statt wirksame Naturschutzarbeit.
Der Gänsesäger ist eigentlich ein Erfolg des Artenschutzes: Sein Bestand hat sich in den letzten Jahren auf 600 bis 800 Brutpaare erholt, sagt SP-Nationalrat Hasan Candan. Demgegenüber stünden aber 150’000 Hobbyfischer. Wer den Fischen wirklich helfen will, verbessert ihre Lebensräume, die Gewässer, um die es schlecht steht, anstatt Gänsesäger abzuknallen, findet der Luzerner. Der Abschuss sei der komplett falsche Weg und schaffe nur noch mehr Probleme.
In kaum einem Politikfeld zeigt sich die Spannungsachse zwischen Evidenz und Interessen so deutlich wie in der Schweizer Wildtierpolitik und kaum ein Parlamentarier steht derart konstant auf der Seite jener Kräfte, die Eingriff, Kontrolle und Abschuss in den Mittelpunkt rücken, wie der Hobby-Jäger Fabio Regazzi (Mitte/TI) vom militanten Verein Jagd Schweiz.
Seine politische Laufbahn der letzten Dekade liest sich wie ein aufeinander aufbauender Versuch, Wildtierpolitik stärker nach jagdnahen und nutzungsorientierten Prioritäten auszurichten. Die wissenschaftliche Perspektive, die bei Konflikten mit Wildtieren in aller Regel zur Differenzierung mahnt, gerät dabei häufig an den Rand. Die folgende chronologische Darstellung zeigt, wie diese Politiklinie entstanden ist, wie sie sich verfestigte und weshalb sie heute als Problemfeld gilt.
2015–2018 markiert den Beginn einer Eskalationslinie in der Wolfspolitik. Während die Schweizer Wolfspopulation zu dieser Zeit noch klein und wissenschaftlich eng überwacht war, begann Regazzi die politische Debatte systematisch auf die Frage der Entnahmen auszurichten. Er stellte parlamentarische Fragen und Interpellationen, die auf eine Vereinfachung der Abschussverfahren zielten, zu einem Zeitpunkt, zu dem Fachstellen vor allem eines forderten: solide Monitoringdaten und einheitliche Standards. Diese Empfehlungen waren noch nicht umgesetzt, doch der politische Druck auf Eingriffe verstärkte sich bereits. In dieser Phase entsteht das Muster, das Regazzis Umweltpolitik bis heute prägt: Die politische Forderung nach einem Abschuss kommt früher als die wissenschaftliche Analyse.
2019 verschärft sich dieses Muster mit der Revision des Jagdgesetzes. Regazzi gehört zu den aktiven Befürwortern jener Version, die Kantonen weitreichende Befugnisse zum Abschuss geschützter Arten übertragen hätte, ein Konzept, das Fachleute als „politisch beschleunigte Verwaltung von ökologischen Problemen“ bezeichneten. Die wissenschaftlich kontrollierten Entscheidungsmechanismen wären geschwächt worden, während lokale Nutzergruppen überproportional an Einfluss gewonnen hätten. Dass das Schweizer Stimmvolk diese Revision 2020 ablehnte, gilt rückblickend als deutliche Absage an genau jene Politiklinie, die Regazzi verkörperte. Doch statt einer Kurskorrektur folgte eine Intensivierung.
2021 bis 2023 bilden die Phase eines regelrechten Durchmarschierens. In diesen Jahren verdichtete Regazzi seine parlamentarischen Interventionen zur Wolfspolitik, forderte wiederholt „präventive“ Abschüsse und unterstützte kantonale Bestrebungen, möglichst frühzeitig und möglichst umfassend eingreifen zu dürfen. Dabei war die Datenlage eindeutig: Die WSL zeigte in wiederholten Berichten, dass ungezielte Abschüsse die Ruderdynamik destabilisieren und Schäden tendenziell vergrössern. Dennoch blieb Regazzis Rhetorik konstant: Das Problem liege nicht in den Strukturen der Landnutzung, nicht in fehlender Prävention wie Herdenschutz, nicht in der räumlichen Entwicklung, sondern im Wolf. Die politische Botschaft war klar, auch wenn sie wissenschaftlich nicht gedeckt war.
2023/2024 folgt der Gänsesäger als neues Feindbild. Hier zeigt sich die Dynamik besonders deutlich: Noch bevor Fachstellen die Datenlage vollständig einschätzen konnten und bevor klar war, ob die Art überhaupt in relevantem Umfang zur Reduktion von Fischbeständen beiträgt, forderte Regazzi öffentlich eine Regulierung. Während Bundesrat und wissenschaftliche Stellen explizit auf fehlende Evidenz hinwiesen, sprach Regazzi von einer notwendigen Kontrolle. Die politische Logik setzt sich damit über die ökologische Verstand hinweg, ein stabiles wiederkehrendes Element seiner Arbeit.
Parallel dazu entwickelt sich im Tessin ein Klima, in dem jagd- und naturpolitische Konflikte weit über regionale Bedeutung hinausweisen. Medienberichte dokumentieren umstrittene Jagdpraktiken und Bestandsrückgänge einzelner Arten, während wichtige Naturschutzprojekte wie der Nationalpark Locarnese scheitern. Die Gründe sind vielfältig, doch die politische Front besteht aus jenen Kräften, die Einschränkungen für Jagd und Landnutzung zurückweisen, eine Linie, die auch Regazzi regelmässig unterstützt. Dass die wissenschaftlichen Analysen für den Locarnese klare Vorteile erkannten, wurde politisch überdeckt. Der Widerstand orientierte sich weniger an ökologischen Erkenntnissen als an Besitzstandslogik und Nutzungskonflikten.
Zusammengenommen ergibt diese Chronologie ein Gesamtbild, das kritische Beobachter als strukturelle Fehlentwicklung bezeichnen: eine Umweltpolitik, die wissenschaftliche Differenzierung systematisch zugunsten jagdnaher Prioritäten verdrängt. Regazzi agiert dabei weniger als Vermittler zwischen Interessen und Forschung, sondern als politischer Verstärker einer Sichtweise, die Wildtiere vor allem als Problem begreift. In seiner Rhetorik dominieren Begriffe, die Bedrohung, Überhandnahme und Kontrollverlust beschwören, Begriffe, die emotionalisieren, aber die wissenschaftliche Realität verzerren. Ein lokaler Vorfall wird zur nationalen Gefahr, eine einzelne Art zur politischen Krisenfigur.
Gleichzeitig fehlt in seinen politischen Aktivitäten weitgehend jene Perspektive, die moderne Wildtierpolitik prägt: Lebensraummanagement, Prävention, ökologische Steuerung, genetische Stabilität, touristische Belastungen, Klimaanpassung. Regazzi konzentriert sich konsequent auf den militanten Eingriff. Die Ursachen von Wildtierkonflikten, vielfach menschengemacht, bleiben dabei strukturell unterbelichtet. So entsteht eine Politik der Symptome, nicht der Lösungen: Abschuss, wenn Konflikte auftreten; Lockerung von Abschussbestimmungen, wenn Konflikte wiederkehren; politische Beschleunigung, wenn sich Widerstand regt.
Die schärfste Kritik an Regazzis Linie ist deshalb nicht ideologisch, sondern erkenntnisbasiert: Eine Wildtierpolitik, die schneller schiesst als sie analysiert, destabilisiert genau jene Ökosysteme, die sie zu schützen vorgibt. Die Schweiz steht im Klimawandel, im touristischen Dauerbetrieb, im Druck der Zersiedelung, doch die politischen Antworten bleiben auf das Gewehr gerichtet.
Regazzi ist nicht der einzige Akteur in diesem Muster, aber einer der konsequentesten. Seine Chronologie der letzten Jahre zeigt, wie eine Politik, die sich an jagdnäheren Interessen orientiert, schrittweise zur Leitlinie werden kann, selbst dann, wenn sie wissenschaftlich umstritten oder gesellschaftlich nicht mehrheitsfähig ist. Die Frage, ob diese Linie unseren Ökosystemen nützt, wird damit zur Grundsatzfrage. Ihre Antwort fällt aus Sicht vieler Fachleute ernüchternd aus.
Die Initiative zur Abschussfreigabe des Gänsesägers ist ein gefährliches Signal, für Artenschutz, für ökologische Vernunft und für eine ethisch reflektierte Jagdkultur. Wer behauptet, ein Fischfresser-Vogel wie der Gänsesäger sei ein Klimmzug zur Rettung gefährdeter Fischarten, greift zu kurz und riskiert mehr Schaden als Nutzen.
Die IG Wild beim Wild möchte erinnern: Arten sind nicht einfach Variablen einer Nutzberechnung, sie sind Bestandteil lebendiger Natur, die es zu schützen gilt. Was wir heute als «Regulierung» etikettieren, könnte morgen zur Normalität werden und damit die schleichende Erosion des Schutzgedankens bedeuten.
Wir fordern: Stopp des Abschussvorhabens und stattdessen einen echten, wissenschaftlichen und integrativen Ansatz in Natur- und Wildtierschutz.
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