2. April 2026, 06:32

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Psychologie & Jagd

Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Glarus

Glarus ist ein Kanton der Widersprüche. Er beherbergt mit dem Freiberg Kärpf das älteste Wildschutzgebiet Europas, gegründet 1548. Rund 18 Prozent der Kantonsfläche sind als eidgenössische Jagdbanngebiete ausgewiesen. Gleichzeitig feiert die Hobby-Jägerschaft ihre «liberale, effiziente Bejagung» und der Kanton öffnet Teile des Schutzgebiets für die Jagd. Psychologisch offenbart Glarus damit ein Grundmuster: Schutz wird so lange gefeiert, wie er das Jagdsystem nicht in Frage stellt. Sobald er das tut, wird er zurückgebaut.

Redaktion Wild beim Wild — 21. März 2026

Im Kanton Glarus wird die Patentjagd ausgeübt.

Ein Patent ist jeweils eine Jagdsaison gültig. Vier kantonale Wildhüter überwachen das Jagdwesen und den Schutz der wildlebenden Tiere. 2024 erlegten die Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger insgesamt 1’304 Wildhuftiere: 324 Hirsche, 532 Gämsen, 448 Rehe, 14 Steinböcke und 65 Murmeltiere. Zusätzlich schoss die Wildhut 169 Tiere in den Jagdbanngebieten.

Freiberg Kärpf: Wenn Schutz zur Verhandlungsmasse wird

Am 15. August 1548 stellte Landammann Joachim Bäldi dem Glarner Rat den Antrag, das Gebiet um den Kärpf als Wildschutzgebiet zu erklären. Bevölkerungswachstum, die Ausdehnung der Alpweiden und die Einführung der Feuerwaffen hatten ein Verbot der Jagd auf Gämsen und Murmeltiere notwendig gemacht. Fast 500 Jahre später ist der Freiberg Kärpf mit 106 Quadratkilometern eines der grössten Jagdbanngebiete der Schweiz. Steinböcke, Gämsen, Hirsche, Rehe, Murmeltiere, Steinadler, Bartgeier und Wölfe leben hier.

2023 geschah dann etwas, das psychologisch als Rückbau des Schutzgedankens gelesen werden muss: Der Bundesrat entliess ein acht Quadratkilometer grosses Gebiet bei Elm aus dem Jagdbanngebiet Kärpf. Im selben Zug wurde eine gleich grosse Fläche im Chrauchtal unter Schutz gestellt. Der Kanton führte daraufhin im ehemaligen Teilgebiet eine «tageweise Jagd auf Schalenwild» ein. Die offizielle Begründung: Das Gebiet sei ein «touristisches Intensiverholungsgebiet».

Psychologisch ist dieser Vorgang auf mehreren Ebenen aufschlussreich. Erstens wird Schutz zur Verhandlungsmasse: Was 475 Jahre lang galt, wird für touristische und jagdliche Interessen umgeschichtet. Die Kompensationslogik («gleich grosse Fläche woanders geschützt») suggeriert Gleichwertigkeit, ignoriert aber, dass Wildtiere sich nicht an Verwaltungsgrenzen halten. Zweitens zeigt die Begründung «touristisches Intensiverholungsgebiet» eine bezeichnende Prioritätenverschiebung: Nicht der Schutz der Wildtiere steht im Zentrum, sondern die Nutzbarkeit des Raums für Menschen. Drittens normalisiert der Vorgang den Eingriff in Schutzgebiete. Was einmal geöffnet wird, bleibt selten Ausnahme.

«Liberale Jagd»: Effizienz als Selbstzweck

Der Präsident des Glarner Jagdvereins, Fritz Stüssi, fasste das Selbstverständnis seiner Organisation 2023 in einer bemerkenswerten Formulierung zusammen: «Die Erhaltung und Fortführung unserer auch heute noch zeitgemässen, liberalen Glarner Patentjagd – die eigentliche Kernaufgabe des Glarner Jagdvereins – ist uns auch im Jahr 2022 bestens gelungen.» Der «einzige messbare Parameter» seien die Abschusszahlen, und die zeigten, dass «trotz hohem Wolfsvorkommen die aktuellen Jagdvorschriften immer noch auf gutem Kurs» seien.

Psychologisch enthält diese Passage mehrere Schlüsselaussagen. Erstens wird die Patentjagd als «zeitgemäss» und «kernaufgabenwürdig» gerahmt, ohne dass Kriterien für diese Bewertung genannt werden. Zweitens werden Abschusszahlen zum alleinigen Erfolgsmassstab erklärt: viele Abschüsse gleich gute Jagd. Tierleid, ökologische Wirkung, Populationsdynamik oder Alternativen spielen keine Rolle. Drittens wird der Wolf erwähnt, aber nur als Störfaktor, den man «trotzdem» überwunden habe. Dass der Wolf tatsächlich zur Bestandsreduktion beiträgt, wird nicht anerkannt. Die Hobby-Jagd bleibt die alleinige Heldin.

Wolfsrudel Kärpf und Schilt: Proaktive Regulierung als Reflex

Im Kanton Glarus haben sich zwei Wolfsrudel etabliert: Kärpf und Schilt. Ausgerechnet im ältesten Wildschutzgebiet Europas jagen nun Wölfe, die dort genau die Funktion übernehmen, für die das Gebiet einst geschaffen wurde: den Schutz des ökologischen Gleichgewichts. Doch statt diese Rückkehr als Erfolg zu feiern, reagierte der Kanton mit Regulationsgesuchen.

2023 beantragte der Kanton Glarus beim BAFU den Abschuss von Jungwölfen aus beiden Rudeln. Beim Kärpfrudel waren fünf, beim Schiltrudel drei Welpen nachgewiesen. Die Begründung: Nutztierrisse durch beide Rudel, die trotz Herdenschutzmassnahmen erfolgten. Das BAFU bewilligte die «Entnahme» von zwei Jungwölfen beim Kärpfrudel und einem beim Schiltrudel. 2025 wurde die proaktive Regulierung fortgesetzt: Fünf Jungwölfe aus den Rudeln Kärpf und Chöpfenberg wurden zum Abschuss freigegeben.

Psychologisch ist bemerkenswert, dass die Nutztierrisse durch Wölfe im Kanton Glarus 2024 gegenüber dem Vorjahr um 80 Prozent zurückgingen, wie Pro Natura bestätigte. Der Herdenschutz wirkt. Dennoch wird weiter reguliert. Das zeigt: Die Wolfsbekämpfung folgt nicht der Schadenslogik, sondern der Kontrolllogik. Solange der Wolf als Konkurrenz zur Hobby-Jagd wahrgenommen wird, wird er reguliert, unabhängig davon, ob die Schäden sinken oder steigen.

Kormoran-Abschüsse: Wenn ein Vogel zum Sündenbock wird

2024 ordnete der Kanton Glarus erneut Vergrämungsabschüsse von Kormoranen am Linthkanal an. Begründung: Die Äschenpopulation sei «dramatisch» zurückgegangen – tatsächlich wurden 2023 am Linthkanal nur noch rund 60 Äschen gezählt, ein Rückgang von 95 Prozent in zehn Jahren. Der Kormoran wurde zum Hauptverdächtigen erklärt.

Psychologisch ist diese Schuldzuweisung ein klassischer Sündenbockmechanismus. Der Rückgang der Äschen hat multiple Ursachen: Gewässerverbauung, Wassertemperaturerhöhung durch den Klimawandel, Pestizidbelastung und Lebensraumverlust. Der Kormoran ist ein natürlicher Fischfresser, der seit jeher Teil des Ökosystems war. Ihn zum Hauptproblem zu erklären, entlastet die Behörden von der Verantwortung für strukturelle Umweltprobleme. Der Abschuss eines Vogels ist billiger und politisch einfacher als die Renaturierung eines Flusses. Diese Verschiebung von systemischen Ursachen auf einzelne Tierarten ist ein Grundmuster der Jagdpsychologie.

Gämse: Verschobenes Geschlechterverhältnis durch Jagddruck

Die Gämspopulation in Glarus zeigt ein «verschobenes Geschlechterverhältnis»: deutlich weniger Böcke als Geissen. Der Kanton selbst benennt dies als Folge des Jagddrucks. Die Reaktion: Der Jagddruck auf Gämsen unterhalb der Waldgrenze wird erhöht, um Verbissschäden im Wald zu reduzieren. Gleichzeitig wird die Verjüngung namentlich der Weisstanne als «ungenügend» eingestuft.

Psychologisch zeigt sich hier ein bekanntes Paradox: Die Jagd erzeugt ein Geschlechterungleichgewicht, weil Böcke als Trophäen bevorzugt geschossen werden. Gleichzeitig wird der daraus resultierende Populationsdruck als Begründung für noch mehr Jagd herangezogen. Der Kanton diagnostiziert das Problem («verschobenes Geschlechterverhältnis»), benennt sogar die Ursache («Jagddruck»), zieht aber nicht die Konsequenz (Jagdreduktion), sondern verschärft die Massnahme. Das ist psychologisch konsistent mit einem System, das seine eigene Existenz nicht hinterfragen kann.

Wildhut in Jagdbanngebieten: Wenn Schutz zum Abschuss wird

2024 erlegte die Wildhut des Kantons Glarus 169 Tiere in den Jagdbanngebieten, unterstützt von freiwilligen Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern. Die Begründung: Damit Rehe, Hirsche und Gämsen «nicht den Schutzwald wegfressen», müsse «abgeschossen» werden.

Psychologisch ist die Beteiligung freiwilliger Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger an Abschüssen in Jagdbanngebieten ein struktureller Widerspruch. Ein Jagdbanngebiet ist per Definition ein Ort, an dem die Hobby-Jagd verboten ist. Wenn dieselben Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger, die ausserhalb des Banngebiets zum Vergnügen jagen, innerhalb des Banngebiets als «freiwillige Unterstützung» der Wildhut fungieren, verschwimmt die Grenze zwischen Schutz und Nutzung. Der Jagdbann wird zum administrativen Konstrukt, das in der Praxis durchlässig ist. Das Genfer Modell zeigt, dass professionelle Wildhüter solche Aufgaben ohne Hobby-Jägerschaft erfüllen können.

Glarus als Paradox

Kein anderer Kanton verkörpert den Widerspruch zwischen Schutzgedanke und Jagdpraxis so deutlich wie Glarus. Der Kanton, der 1548 den Wildtierschutz erfand, öffnet heute Teile seines Schutzgebiets für die Jagd. Er beherbergt Wolfsrudel, die den Wald schützen, und reguliert sie trotzdem. Er diagnostiziert ein jagdbedingtes Geschlechterungleichgewicht bei der Gämse und erhöht den Jagddruck. Er macht den Kormoran für den Äschenrückgang verantwortlich, statt die Gewässerökologie zu reparieren.

Die «liberale Glarner Patentjagd» ist psychologisch ein System, das seine eigene Alternativlosigkeit permanent behauptet. Der Freiberg Kärpf beweist seit fast 500 Jahren, dass Wildtiere ohne Hobby-Jagd existieren können. Dass der Kanton diese Erfahrung nicht auf das übrige Kantonsgebiet überträgt, sondern im Gegenteil das Schutzgebiet schrittweise einschränkt, zeigt, wie stark das Jagdnarrativ wirkt. Nicht die Fakten bestimmen die Politik, sondern die Identität.

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Kantonale Psychologie-Analysen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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