2. April 2026, 23:31

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

Jagd

Hobby-Jäger Franz Balmer über die sinnlose Fuchsjagd

Was nützt die Fuchsjagd? Ein alter Reflex trifft auf neue Fakten.

Redaktion Wild beim Wild — 26. November 2025

Die Szene wiederholt sich praktisch jeden Tag: Hobby-Jäger rücken im Morgengrauen aus, um Füchse zu schiessen.

Zur Begründung heisst es seit Jahrzehnten, man müsse den Bestand regulieren, Wildkrankheiten eindämmen und Bodenbrüter schützen. Doch was bleibt übrig, wenn man diese Argumente mit dem heutigen Wissensstand überprüft?

Der Rotfuchs ist eines der erfolgreichsten Säugetiere Europas. Er lebt in Wäldern, in Kulturlandschaften und längst auch in Städten. Studien aus mehreren Ländern zeigen, dass Fuchspopulationen vor allem von Nahrungsangebot, Revierverfügbarkeit und Krankheiten bestimmt werden, nicht von der Jagdintensität. Wenn Tiere abgeschossen werden, reagieren Füchse mit höheren Wurfgrössen, früherer Geschlechtsreife und einer verstärkten Zuwanderung aus umliegenden Gebieten.

Die Hobby-Jagd löst damit genau das Gegenteil dessen aus, was sie vorgibt zu erreichen: Sie stabilisiert oder erhöht die Bestände, statt sie langfristig zu senken. Biologisch ist das gut erklärbar, jagdpolitisch jedoch unbequem.

Wie brüchig die Argumente der Jagdlobby geworden sind, zeigt der Fall von Franz Balmer. Er ist seit 13 Jahren Hobby-Jäger im Kanton Zürich und kennt die Praxis der Fuchsjagd aus eigener Erfahrung.

Als sein Jagdverband in einem Newsletter in Zürich die Fuchsjagd mit den üblichen Schlagworten verteidigte, griff Balmer zum Stift und schrieb einen verärgerten Brief an die Redaktion. Er kritisierte, dass der Verband an überholten Behauptungen festhält und wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert. Anstatt offen über Sinn und Unsinn der Fuchsjagd zu diskutieren, verteidige man eine Tradition um jeden Preis.

Unterstützt wird seine Kritik in demselben Artikel von der Wildbiologin Sandra Gloor, die klar festhält, dass das Erschiessen eines Rüden oder einer Fähe aus einer Familiengruppe «gar nichts» bringt. Wenn selbst langjährige Hobby-Jäger und Fachleute zu diesem Schluss kommen, zeigt das, wie dringend eine ehrliche Neubewertung der Fuchsjagd ist. Die Kommentare unter dem Artikel vom Tages-Anzeiger sind auch sehr interessant.

Eingriff in komplexe Sozialstrukturen

Füchse leben nicht als chaotische Einzelgänger, sondern in Familienverbänden mit klarer Rangordnung. Wird ein Elterntier oder ein ranghohes Tier aus dieser Gruppe geschossen, bricht die Sozialstruktur zusammen. Übrig bleiben unerfahrene Jungtiere, die grössere Streifgebiete nutzen, sich häufiger an Siedlungen annähern und riskanter nach Nahrung suchen.

Genau diese Jungtiere sind es, die eher Hühnerställe auskundschaften oder sich an Komposthaufen bedienen. Aus Sicht des Konfliktmanagements ist es deshalb kontraproduktiv, in funktionierende Familienverbände hineinzuschiessen. Man verstärkt Probleme, die man angeblich lösen will.

Tollwut, Fuchsbandwurm und andere Schreckgespenster

Noch immer wird die Angst vor Krankheiten ins Feld geführt. Historisch hatte die Tollwut eine grosse Bedeutung, doch in der Schweiz wurde sie nicht durch Gewehrläufe, sondern durch Impfköderprogramme getilgt. Die Jagd allein konnte die Seuche nie stoppen.

Beim Fuchsbandwurm ist die Lage ähnlich: Der Parasit wird vor allem durch Hygienemassnahmen, Aufklärung und gezielte Überwachung kontrolliert. Eine breit angelegte Fuchsjagd erfasst nie alle potenziellen Träger, während die Population gleichzeitig kompensatorisch nachwächst. Für die menschliche Gesundheit nützt die Jagd wenig, schafft aber viel Tierleid.

Schutz der Bodenbrüter – ein vorgeschobenes Argument

Wenn Wiesenbrüter, Rebhühner oder Hasen verschwinden, ist der Fuchs ein bequemes Feindbild. Fachlich steht jedoch längst ausser Frage, dass der entscheidende Faktor die Zerstörung ihrer Lebensräume ist: intensiv bewirtschaftete Flächen, Pestizide, frühe Mahd, Drainagen und monotone Kulturen.

Selbst jagdnahe Untersuchungen kommen zum Schluss, dass Raubwildbejagung allenfalls lokal und nur kurzfristig messbare Effekte auf einzelne Arten hat. Ohne grundlegende Änderungen in der Landwirtschaft und in der Raumplanung bleiben diese Effekte bedeutungslos. Anstatt Füchse zu bekämpfen, müsste man Hecken pflanzen, Feuchtgebiete renaturieren, Mähtermine anpassen und Pestizide reduzieren.

Ethik statt Folklore

Die Fuchsjagd wird häufig mit Tradition verteidigt. Doch Tradition rechtfertigt nicht automatisch Leid. Baujagd, Drückjagden und nächtliche Ansitzjagd bedeuten für die Tiere Stress, Angst und oft einen langsamen Tod durch Fehlschüsse oder Nachsuche. Fuchsbälge finden kaum noch Abnehmer, viele getötete Tiere werden entsorgt.

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Darf man ein hochsoziales Wildtier aus reiner Gewohnheit und Freizeitbeschäftigung erschiessen, wenn die behaupteten Sachzwänge wissenschaftlich nicht haltbar sind?

Was wirklich helfen würde

Wer tatsächlich Konflikte mit Füchsen reduzieren will, hat wirksame und tierschutzkonforme Möglichkeiten:

  • Hühner- und Kleintierställe mit fuchssicheren Zäunen und geschlossenen Nachtquartieren ausrüsten
  • Abfall, Kompost und Tierfutter so sichern, dass sie nicht als Gratisbuffet dienen
  • Städte und Gemeinden beim Umgang mit Wildtieren schulen, statt zur Flinte zu greifen
  • Monitoring, Forschung und Aufklärung finanzieren, anstatt Jagdstrecken zu feiern

Solche Massnahmen sind nachhaltiger, berechenbarer und gesellschaftlich besser vermittelbar als winterliche Schiesskampagnen.

Zeit für einen Richtungswechsel

Die Frage «Was nützt die Fuchsjagd?» lässt sich nüchtern beantworten: Sie nützt vor allem der Aufrechterhaltung eines jagdlichen Selbstbildes. Für Ökologie, Artenschutz, Gesundheit und Landwirtschaft ist ihr Beitrag marginal oder sogar negativ.

In einer Zeit, in der Biodiversität dramatisch schwindet und das Verhältnis des Menschen zur Natur neu verhandelt wird, wirkt die traditionelle Fuchsjagd wie ein Relikt aus einer anderen Epoche. Wer ernsthaft Verantwortung übernehmen will, sollte den Mut haben, sich von wirkungslosen Ritualen zu verabschieden.

Die Zukunft gehört einem Umgang mit Wildtieren, der Wissen, Ethik und Respekt vor Mitgeschöpfen ins Zentrum stellt. Für den Fuchs würde das heissen: Schutz seiner Lebensräume, Konfliktprävention statt Abschuss und das Eingeständnis, dass wir mit ihm leben müssen, nicht gegen ihn.

Dossiers: Fuchs in der Schweiz: Meistgejagter Beutegreifer ohne Lobby | Fuchsjagd ohne Fakten: Wie JagdSchweiz Probleme erfindet

  • Wissenschaftliche Literatur: Studien Rotfuchs
  • Jäger verbreiten Krankheiten: Studie
  • Jagd fördert Krankheiten: Studie
  • Hobby-Jäger in der Kriminalität: Die Liste
  • Verbot der sinnlosen Fuchsjagd ist überfällig: Artikel
  • Luxemburg verlängert Fuchsjagdverbot: Artikel
  • Niederjagd und Wildkrankheiten: Artikel
  • Vergrämung von Wildtieren: Artikel
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden