Paolo Sparvoli: Jagdkritik als angebliche Gefahr
Wie Italiens Jagdpräsident Jagdgegner zu Ideologen erklärt und die reale Gewalt der Jagd ausblendet.
In Italien warnt der Präsident der Jagdvereinigung ANLC, Paolo Sparvoli, vor der angeblichen Gefährlichkeit einer «Anti-Jagd-Ideologie».
In einem Beitrag auf dem jagdnahen Portal Caccia Passione mit dem Titel «Die Zeit ist ein Gentleman und die Anti-Jagd-Ideologie wird ihre Gefährlichkeit unter Beweis stellen» stellt er Hobby-Jäger als verfolgte Minderheit dar und erklärt die Jagdkritik zum eigentlichen Problem.
Wer den Text genauer liest, erkennt vor allem eins: Hier spricht ein Jagdpräsident, der eine Opfererzählung für Hobby-Jäger pflegt und die Gewalt der Jagd gegen Tiere, die Natur und andere Menschen systematisch wegblendet.
Mafia-Killer als Massstab, Hobby-Jäger als moralische Elite
Schon der Einstieg von Paolo Sparvoli ist entlarvend. Er verweist auf den Mafia-Mörder Giovanni Brusca, der für mehr als hundert Morde verurteilt wurde, und betont, dass selbst einem solchen Schwerverbrecher bürgerliche Rechte wie Unschuldsvermutung und Verteidigung zustehen. Im nächsten Satz erklärt er, für Hobby-Jäger gebe es solche Rechte in der Praxis nicht. Sie würden seit Jahrzehnten schikaniert, beleidigt und mit immer härteren Regeln überzogen.
Die Botschaft ist klar. Auf der einen Seite der Mafia-Killer, der angeblich besser behandelt wird, auf der anderen Seite die Hobby-Jäger, die Sparvoli zu «aufrichtigsten, gesündesten und am stärksten kontrollierten Bürgern» verklärt. Kritik an der Hobby-Jagd erscheint so nicht als legitimer demokratischer Widerspruch, sondern als hysterische Überreaktion auf besonders brave Bürger.
Dieser Vergleich ist nicht nur geschmacklos. Er verharmlost organisierte Kriminalität und relativiert zugleich die reale Gewalt, die Hobby-Jäger täglich auf Tiere ausüben. Dass Wildtiere im System Sparvoli offenkundig keine «Bürgerrechte» verdienen, fällt in dieser Konstruktion bezeichnend unter den Tisch.
Medien, Tierschützer, Zivilgesellschaft als Feindbild
Sparvoli erklärt die öffentliche Debatte über die italienische Jagdreform zu einem «brutalen und wahllosen Angriff» auf die Hobby-Jäger. Er spricht von einem «Presseaufruhr» und von einer «rohen und hysterischen Justiz» in Blogs und sozialen Medien. Die Medien, die Jagd und Jagdpolitik kritisch beleuchten, bezeichnet er als «Informationstruppen», die der «animalistischen Ideologie» nahestehen und Tastaturen «massakrieren», um Lawinen an Klischees und Lügen zu verbreiten.
Statt sich inhaltlich mit Argumenten von Umwelt- und Tierschutzorganisationen auseinanderzusetzen, werden diese pauschal zu ideologisch verblendeten Feinden erklärt. Wer vor Sicherheitsrisiken, Tierleid oder der Aufweichung von Schutzstandards warnt, gilt in dieser Logik nicht als Teil einer demokratischen Debatte, sondern als manipulativer Gegner, der «die weniger vorbereiteten Leser» in Panik versetze.
So verschiebt der Jagdpräsident den Fokus. Es geht nicht mehr darum, ob eine weitere Deregulierung der Jagd in Italien Natur, Tiere und Menschen gefährdet. Es geht um das gekränkte Selbstbild einer Lobby, die ihre gesellschaftliche Deutungshoheit verliert.
Strohmann-Argumente statt Auseinandersetzung mit der Reform
Ein weiterer Baustein der Sparvoli-Rhetorik: Er greift die absurdesten, überzeichneten Vorwürfe heraus, um die gesamte Kritik an der Jagdreform lächerlich zu machen. In seinem Text listet er eine Serie an Schlagworten wie «Schiessgesetz», «Jagd im Wilden Westen», «ganzjährige Jagd», «Gewehre unter Sonnenschirmen am Strand» oder «Jagd- und Hundewettbewerbe mitten in der Nacht» und erklärt diese pauschal zu faktenfreien Märchen.
Tatsächlich wird die geplante Reform des Jagdgesetzes 157/92 in Italien von Fachleuten und Umweltverbänden aus guten Gründen kritisiert. Sie verschiebt den Schwerpunkt von Schutz hin zu «Management», räumt landwirtschaftlichen Interessen mehr Gewicht ein und zielt auf weniger Einschränkungen für die Hobby-Jagd. Medienberichte sprechen von einer «Reform der Jagd mit weniger Grenzen», die Umweltorganisationen klar ablehnen.
Kritisiert werden unter anderem:
- die Ausweitung jagdlicher Eingriffe im Namen des «Wildtiermanagements»,
- die stärkere Öffnung zugunsten agrarischer Interessen,
- die Gefahr, dass Schutzgebiete und Erholungsräume für die Bevölkerung an Jagddruck verlieren.
Anstatt auf diese Kernpunkte einzugehen, arbeitet Sparvoli mit Karikaturen der Jagdkritik. So kann man sich leichter empören, muss aber keine unbequemen Fragen zur Rolle der Jagd in einer modernen Gesellschaft beantworten.
Biodiversität als Schutzschild für mehr Schießen
Besonders deutlich werden die gedanklichen Verrenkungen, wenn Paolo Sparvoli über Artenvielfalt spricht. Er nennt Kritikerinnen und Kritiker der Jagd ignorant und wirft ihnen vor, die wahren Gefahren für die Biodiversität zu übersehen. Verantwortlich seien «opportunistische Arten» wie Krähen, Füchse und Wildschweine sowie invasive Arten wie Nutria, Heiliger Ibis oder Grauhörnchen. Die eigentliche Schuld trügen jene, die Jagd in Schutzgebieten einschränken. Diese Gebiete würden zu «Freizonen», in denen diese Arten «Tod und Zerstörung säen».
Die wissenschaftliche Literatur zeichnet ein anderes Bild. Die globale IPBES-Bewertung zu Biodiversität und Ökosystemleistungen nennt als wichtigsten direkten Treiber des Artensterbens vor allem
- Landnutzungsänderungen und Lebensraumzerstörung,
- direkte Ausbeutung von Tieren und Pflanzen,
- Klimawandel,
- Verschmutzung,
- invasive Arten
Die Hobby-Jagd fällt unter «direkte Ausbeutung». In vielen Regionen ist gerade die jagdliche Nutzung eine zentrale Ursache für den Rückgang wildlebender Tiere. Eine Studie zu Wildtierjagd zeigt, dass unkontrollierte oder marktorientierte Hobby-Jagd eine der grössten Bedrohungen für die Biodiversität sein kann, insbesondere wenn sie auf wirtschaftlichen Anreizen und Trophäenjagd beruht.
In Europa wurde die Hobby-Jagd zudem nachweislich als Eintragspfad für invasive Arten genutzt. Eine Übersicht zu «Hunting as a source of alien species» hält fest, dass die Hobby-Jagd im letzten Jahrhundert ein wichtiger Vektor für die Einführung gebietsfremder Arten war, etwa durch Aussetzungen von Wild zum Abschuss.
Auch bei grossen Huftieren gilt: Freizeitjagd ist heute für viele Populationen die wichtigste Todesursache und zugleich das zentrale Steuerungsinstrument. Trotzdem sind Bestände mancher Arten trotz stark gestiegener Abschusszahlen weiter gewachsen. Das zeigt, wie begrenzt die Steuerungswirkung jagdlicher «Kontrolle» ist, vor allem wenn andere Treiber wie intensive Landwirtschaft oder fehlende natürliche Beutegreifer wirken.
Sparvolis Behauptung, ausgerechnet Jagdverbote oder jagdfreie Schutzgebiete seien die Hauptgefahr für die Artenvielfalt, kehrt die Realität auf den Kopf. Wer Biodiversität ernst nimmt, muss über Lebensräume, Verkehr, Landwirtschaft, Klimapolitik und auch über die Rolle der Hobby-Jagd sprechen, nicht über ideologische Feindbilder.
Die unterschlagene Gefahr: Gewalt und Unfälle der Hobby-Jagd
Während der ANLC-Präsident Jagdkritik als «terrorisierend» für uninformierte Leser verurteilt, schweigt er zu einem sehr konkreten Risiko: der Hobby-Jagd selbst.
In Frankreich weist die offizielle Statistik seit Jahren Dutzende schwere Jagdunfälle pro Saison aus, mit mehreren Todesfällen. Allein 2021/22 wurden rund 90 Unfälle registriert, acht davon tödlich. Und das in einem Land, in dem die Jagdlobby ähnlich stark auftritt wie in Italien.
Auch in der Schweiz, einem vergleichsweise streng regulierten Jagdland, sterben im Schnitt vier Hobby-Jäger pro Jahr bei ihrer Freizeitbeschäftigung, dazu kommen weitere Verletzte. Studien aus verschiedenen europäischen Ländern zeigen, dass Jagdunfälle überproportional oft mit Schusswaffen und Stürzen von Hochsitzen zusammenhängen.
Zu diesen direkten Risiken für Menschen kommt die systematische Tötung von Millionen Wildtieren in Europa. Eine Auswertung zu Jagdstrecken von Zugvögeln geht davon aus, dass allein in den EU-Staaten und der Schweiz jährlich viele Millionen Vögel durch Jagd sterben.
Über diese Gewalt, legalisiert und normalisiert, verliert Paolo Sparvoli kein Wort. Es passt nicht in das Bild des «aufrechten Bürgers», der von der Gesellschaft ungerecht verfolgt werde.
Wenn der Jagdpräsident von «Gefahr» spricht
Am Ende seines Textes wiederholt Sparvoli seine zentrale Drohung. Die Zeit werde zeigen, wie gefährlich die «Anti-Jagd-Ideologie» wirklich sei. Die «ultraorthodoxen Manipulatoren» würden dann mit ihrer ökologischen Verantwortung konfrontiert.
Tatsächlich zeigen Zeit und Forschung etwas anderes.
- Die Haupttreiber des Artensterbens liegen in Landwirtschaft, Flächenfrass, Klimakrise und Übernutzung von Wildtieren. Jagd spielt dabei keine Nebenrolle.
- In vielen Ländern gibt es eine wachsende gesellschaftliche Sensibilität für Tierleid und für sichere, jagdfreie Erholungsräume.
- Die italienische Jagdreform, die Sparvoli so entschlossen verteidigt, wird von Dutzenden Verbänden als Angriff auf Natur und Sicherheit kritisiert.
Je mehr die Jagdlobby versucht, sich mit apokalyptischen Worten gegen Kritik zu immunisieren, desto deutlicher wird ihr Problem. Es geht nicht um ein paar «animalistische Ideologen», die aus Prinzip gegen alles sind. Es geht um eine breite öffentliche Debatte darüber, ob es im 21. Jahrhundert noch vertretbar ist, Wildtiere für Freizeitinteressen zu jagen, Lebensräume zu stören und Risiken für Menschen in Kauf zu nehmen.
Wenn der Jagdpräsident Paolo Sparvoli Jagdkritik zur Gefahr erklärt und Hobby-Jäger zu Opfern, dann ist das vor allem eines: eine politisch motivierte Ablenkung von der Gewalt, auf der das Hobby Jagd weiterhin beruht.
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