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Jagd

Karl Lüönd: Publizist, Hobby-Jäger und sein Erbe

Für den Schweizer Publizisten und Hobby-Jäger Karl Lüönd ist der Tod eingetreten, seine Worte bleiben. Für ihn war Jagen „wie einen Apfel pflücken“. Das Töten von Wildtieren eine Art Ernte, die in seinem Weltbild „richtig“ war. Gerade jetzt, nach seinem Tod, lohnt sich ein nüchterner Blick auf diese Metaphern: Was verraten sie über die Psyche der Hobby-Jäger, den Umgang mit Gewalt gegen Tiere und die gesellschaftliche Normalisierung des Tötens?

Redaktion Wild beim Wild — 11. Februar 2026

Karl Lüönd galt über Jahrzehnte als einflussreicher Schweizer Journalist und Sachbuchautor, der Medien, die Politik, die Hobby-Jagd und die Wirtschaft kommentierte und porträtierte.

Parallel dazu pflegte er ein jagdliches Doppelleben, präsentierte sich öffentlich als erfahrener Hobby-Jäger und verteidigte die Hobby-Jagd als «aktives Naturerlebnis» und Kulturtechnik.

Brisant sind jene Passagen, in denen er das Töten sprachlich banalisierte: Der Abschuss eines Tieres sei für ihn wie das Pflücken eines reifen Apfels, eine Ernte, die in seinem Weltbild ihren Platz habe. In anderen Äusserungen betonte er, er habe «nie Freude am Töten» gehabt und müsse das Töten rechtfertigen, während er zugleich jahrzehntelange Jagdpraxis und auch Jagdaufenthalte in Afrika einräumte.

Mit seinem Tod wird Lüönd vielerorts vor allem als prägender Publizist gewürdigt. Kaum Thema sind seine jagdlichen Leidenschaften und die Art, wie er über das Töten sprach. Gerade diese Zitate zeigen jedoch, wie tief eine Generation von Meinungsmachenden in einer Jagdmentalität verankert war, die Gewalt gegen Wildtiere romantisiert, verharmlost und moralisch verschiebt. Dieses Erbe wirkt über seinen Tod hinaus, auch in den Köpfen jüngerer Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger.

Wenn Töten wie «Äpfel pflücken» klingt

Die Gleichsetzung von Tierabschuss und Apfelernte ist mehr als eine unglückliche Metapher. Sie verrät eine radikale Entwertung des tierlichen Individuums: Ein empfindungsfähiges Lebewesen mit Angst- und Schmerzempfinden wird sprachlich in dieselbe Kategorie geschoben wie ein lebloses Produkt am Baum.

Psychologisch lässt sich das als kognitive Dissonanzreduktion lesen. Das eigene Selbstbild («anständiger Bürger», «sensibler Mensch») passt nicht zum Handeln (Tiere zum Vergnügen oder aus Passion töten). Um diese Spannung zu ertragen, wird Sprache so verbogen, dass die Gewalt verschwindet: Aus Töten wird Ernten, aus Blut wird Natur, aus dem Opfer ein «Stück Wild».

Hinzu kommt das, was Sozialpsychologinnen und Sozialpsychologen als moralisches Disengagement beschreiben: Das Opfer wird anonymisiert, die Tat in technische Begriffe verpackt («Strecke machen», «Bestand regulieren»), Verantwortung wird an Tradition, Gesetz oder «Natur» delegiert. In Lüönds Bild vom Äpfel pflücken bündeln sich viele dieser Mechanismen: ein scheinbar harmloses Bild, das den Kern der Handlung verschleiert: das bewusste Beenden eines Lebens.

«Kein Spass am Töten» und doch Jagdsafaris

Besonders widersprüchlich wirkt die häufig wiederholte Beteuerung, es mache «keinen Spass», Tiere zu töten, bei gleichzeitiger, über Jahre betriebener Jagdleidenschaft, inklusive gebuchter Jagdreisen nach Afrika. Wer keinen Gefallen am Töten findet, bucht keine teuren Jagdsafaris, reist nicht um die halbe Welt, um Antilopen, Kudus oder andere Wildtiere zu schiessen.

Buchungen solcher Reisen sind keine zufälligen Nebeneffekte, sondern der Kern eines Produkts: Es wird gezielt die Möglichkeit verkauft, bestimmte Tiere unter kontrollierten Bedingungen zu töten und als Trophäe zu inszenieren. Wer das wiederholt in Anspruch nimmt, erlebt den Gesamtprozess: Anreise, Pirsch, Schuss, Trophäe, soziale Anerkennung als belohnend, auch wenn er öffentlich jeden «Spass am Töten» abstreitet.

Genau hier wird die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Verhalten offensichtlich. Die Szene kennt dafür eine ganze Palette an Rechtfertigungen: Man reise «für das Naturerlebnis», «für die Kultur», «für den Erhalt der Arten». In der Realität werden Tiere gezielt zum Abschuss angeboten, Wildtiere ökonomisiert, Lebensräume zur Kulisse gemacht. Dass die Szene diese Widersprüche nicht aushält, sondern sprachlich umcodiert, ist ein zentrales Motiv der jagdkritischen Analyse.

Was Hirnforschung und Psychologie zur Hobby-Jagd sagen

Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass wiederholte Gewalthandlungen gegenüber Menschen oder Tieren mit einer messbaren emotionalen Abstumpfung einhergehen können. Alarmreaktionen auf Schreie, Fluchtverhalten und sichtbares Leid werden schwächer, während kognitive Rechtfertigungen und routinierte Abläufe dominanter werden.

Damit aus einem Menschen ein Hobby-Jäger werden kann, der in der Freizeit regelmässig Tiere tötet, muss dieser natürliche empathische Impuls übersteuert werden. Dazu dienen kulturelle Erzählungen («Tradition», «Hege», «Kulturgut Jagd»), soziale Belohnung in Jägerkreisen und die erwähnten Metaphern, die Gewalt in harmlose Bilder auflösen.

Analysen zu Hobby-Jägern, wie sie auf wildbeimwild.com zusammengefasst werden, verweisen zudem auf Überschneidungen mit sogenannten dunklen Persönlichkeitsmerkmalen (Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie) bei Teilen der Szene: Lust an Kontrolle und Dominanz, instrumenteller Umgang mit Leid, Bedürfnis nach Überlegenheit und Status. Das bedeutet nicht, dass «jeder Hobby-Jäger Psychopath» ist, aber es heisst, dass eine Freizeitaktivität, die auf Tötung basiert, solche Strukturen besonders gut bedient und verstärkt.

In diesem Licht erscheinen Lüönds Aussagen weniger als persönliche Ausrutscher, sondern als exemplarische Verdichtung eines Systems, das Empathie systematisch herunterregelt, um das Töten von Wildtieren als «normal» erlebbar zu machen.

Persönlichkeitsstörung oder Symptom eines Systems?

Juristisch und ethisch sauber ist es, zurückhaltend mit klinischen Diagnosen gegenüber Einzelpersonen zu sein, insbesondere posthum. Ob bei Karl Lüönd eine Persönlichkeitsstörung im strengen psychiatrischen Sinn vorlag, können nur Fachleute beurteilen, die ihn persönlich untersucht haben.

Was sich jedoch beschreiben lässt, sind Muster, die seine Aussagen und sein Handeln mit der breiteren Hobby-Jagd-Szene teilen: Verharmlosung des Tötens, Umdeutung von Gewalt in Ernte, Betonung von Kultur und Tradition bei gleichzeitiger Ausblendung des individuellen Tierleids. In diesem Sinne ist Lüönd weniger als Einzelfall interessant, sondern als Symptom einer jagdlichen Ideologie, die tief im bürgerlichen Milieu verankert ist.

Ein systemkritischer Ansatz rückt genau das in den Fokus: Nicht der «böse Einzeltäter», sondern ein gesellschaftlich akzeptiertes Freizeitmodell, das die Tötung von Tieren ästhetisiert, ritualisiert und mit Sinn überhöht. Lüönds Metaphern sind dafür Anschauungsmaterial und sie werden nach seinem Tod weiter zitiert, sei es als Rechtfertigung oder als abschreckendes Beispiel.

Hobby-Jäger, Tod und Verantwortung nach Lüönds Ableben

«Wer tötet, muss das rechtfertigen», dieser Satz, den Lüönd selbst formulierte, gewinnt nach seinem Tod eine zusätzliche Schärfe. Er kann nicht mehr auf Kritik reagieren, seine Erzählung nicht mehr nachjustieren. Zurück bleiben veröffentlichte Sätze, Bücher, Interviews und eine Jagdgeschichte, die sich an ihnen messen lassen muss.

Die Aufgabe kritischer Öffentlichkeit endet nicht mit dem Tod eines prominenten Hobby-Jägers. Im Gegenteil: Gerade wenn Nachrufe blinde Flecken produzieren, braucht es Medien, die die Jagdleidenschaft, die Metaphern und die Widersprüche offenlegen. Es ist kein Angriff auf die Person, wenn man nüchtern festhält: Wer das Töten von Wildtieren mit Äpfel pflücken vergleicht, hat sich weit vom Mitgefühl für das einzelne Tier entfernt.

Für eine moderne Wildtierpolitik bedeutet das, Wildtiere als fühlende Individuen anzuerkennen, Jagddruck und Freizeitkilling zu reduzieren und die psychischen Kosten der Hobby-Jagd zu benennen, für Tiere und für Menschen. Karl Lüönds Tod markiert das Ende eines Lebens, aber nicht das Ende einer Debatte. Seine Worte bleiben als Lehrstück dafür, wie normalisiert das Töten von Wildtieren in Teilen der Gesellschaft noch immer ist und wie notwendig es ist, diese vermeintliche Normalität offen zu benennen und politisch zu überwinden.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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