Kassels Waschbären: Sympathie und Sorgen um eine Spezies
Wie die amerikanischen Säugetiere eine deutsche Stadt eroberten - und sich auf dem Weg nach Europa befinden.
Viele Kasseler haben sich mit dem Tier angefreundet, doch die EU stuft es als invasive Art ein, und die Ökologen sind sich uneins, was nun zu tun ist
In Kassel hat jeder eine Geschichte über Waschbären. Manche kämpfen mit einer Familie von ihnen, die auf ihrem Dach eingezogen ist und einfach nicht mehr gehen will. Andere erzählen, wie sich ein Picknick im Park in einen Hinterhalt verwandelt hat, als Banden der schwarz-weissen Tiere, die in Deutschland als Waschbären bekannt sind, das Essen plünderten. Fast jeder scheint einen Nachbarn zu haben, der sie füttert, sehr zum Ärger der ganzen Strasse.
«Wir sind die Waschbärenstadt. Sie sind überall», sagt Lars, ein Kasseler, während er im schwindenden Licht seinen Kleingarten in der Karlsaue pflegt.
«Wenn es ein wenig dunkler wird, kommen sie raus. Ich sitze nachts hier in meinem Garten und die Waschbären kommen. Wenn deine Tasche hier ist, klauen sie deine Banane oder so», sagt er. «Sie haben keine Raubtiere, also sind sie die Chefs. Sie können tun, was sie wollen. Wir lieben sie, aber wir hassen sie auch.»
Niemand kennt die genaue Zahl, aber es gibt Tausende von Waschbären in dieser mitteldeutschen Stadt, einem Hotspot für die geschätzten 1,5 Millionen, die im ganzen Land leben.
Das allesfressende Säugetier, das in Nordamerika beheimatet ist, wurde in den 1930er Jahren zum Zweck der Pelztierzucht nach Nazi-Deutschland gebracht, aber entlaufende Tiere und absichtliche Einführungen trugen dazu bei, dass sich in den Jahren danach eine grosse Wildpopulation bildete. Heute werden sie zunehmend in ganz Europa gesichtet, unter anderem in Frankreich, Dänemark, Polen, Italien, Schweiz und Österreich.
Es ist klar, dass sich der Waschbär in Westeuropa rasant ausbreitet, sagt Daniel Willcox, einer der Vorsitzenden der Fachgruppe für kleine Raubtiere der Internationalen Union für die Erhaltung der Natur (IUCN). Es wird sehr schwierig sein, ihn zu kontrollieren – aber das heisst nicht, dass man es nicht versuchen sollte.
Viele Kasseler haben sich mit den Waschbären arrangiert: Mehrere Sportmannschaften haben sich nach den Tieren benannt, Mülltonnen werden verschlossen, um opportunistische Beutegreifer zu stoppen, und die Menschen achten darauf, unter ihren Autos nach den Tieren zu suchen. Doch seit 2016 ist der Waschbär in der EU als invasive Art eingestuft, weil er eine Bedrohung für die heimische Tierwelt darstellen soll.
Waschbären haben sich in Teilen Europas so stark ausgebreitet, dass sie jetzt endgültig Teil der Ökosysteme sind. Ihre Ausbreitung in ganz Europa wird sich wahrscheinlich noch beschleunigen, und die Ökologen sind sich uneins darüber, was nun zu tun ist.
Manche schlagen strengere Programme in der gesamten EU vor, um ihre Ausbreitung einzudämmen, ähnlich wie in Australien und Neuseeland, die grosse Summen in die Beseitigung der nicht heimischen Artenvielfalt investiert haben. Andere mahnen jedoch zur Vorsicht, dass die Auswirkungen der Waschbären auf die biologische Vielfalt in Europa weiter erforscht werden müssen und die Waschbären nicht der einzige Druck auf die Arten sind, die sie angeblich fressen.
«Wir brauchen bessere Daten, um uns ein Bild von den tatsächlichen Auswirkungen des Waschbären auf seine Beutetierpopulationen machen zu können. Mit potenziell 1,6 Millionen Exemplaren in Deutschland haben sie einen grossen Einfluss. Aber wir haben ja auch noch den Nerz, der ebenfalls ein sehr effektiver Beutegreifer für bodenbrütende Tiere ist. Und was ist mit Katzen? Es ist sehr wahrscheinlich, dass Katzen einen stärkeren Rückgang der Vogelbestände verursachen, zumindest in halbstädtischen Gebieten», sagt er.
Trotz der Beliebtheit des Tieres bei vielen Deutschen wurden allein im letzten Jahr 200’000 Waschbären erlegt. Jagdverbände berichten, dass sie in immer grösserer Zahl und in immer grösseren Gebieten anzutreffen sind. Um die Populationskontrolle zu unterstützen, hat mindestens ein Metzger damit begonnen, Wurst und Frikadellen aus Waschbärenfleisch herzustellen.
Bei Sonnenuntergang in Kassel beginnt der Strom der Frühsommer-Radfahrer zu versiegen. Schwalben und Mauersegler laben sich im schwindenden Licht an fliegenden Insekten. Aus den Bäumen tauchen Waschbären auf, bereit, in den kurzen Stunden der Dunkelheit die Stadt zu durchstreifen. Die Kasseler Bürger werden die Tiere weiterhin willkommen heissen.
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