2. April 2026, 10:05

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Feldhase Schweiz: Gefährdet, bejagt und ignoriert

Der Feldhase steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Seine Bestände sind seit Jahrzehnten rücklaufig. Trotzdem wird er in mehreren Kantonen weiterhin von Hobby-Jägern geschossen, rund 1’600 Tiere pro Jahr. Kein anderes Beispiel zeigt die Inkonsistenz des Schweizer Jagdsystems deutlicher als die Bejagung dieses bedrohten Tieres.

Steckbrief

Der Feldhase (Lepus europaeus) gehört zur Familie der Hasen (Leporidae) und ist ein typischer Bewohner der offenen Kulturlandschaft. Er besiedelt Äcker, Wiesen, Weiden und strukturreiche Feldfluren, zunehmend auch höhere Lagen. Im Gegensatz zum Kaninchen baut der Feldhase keinen Bau. Er ist ein Einzelgänger, der sich tagsüber in flachen Mulden (Sassen) inmitten von Vegetation versteckt und bei Gefahr auf seine enorme Sprintfähigkeit vertraut, mit Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h und abrupten Hakenschlag-Manövern.

Biologie und Fortpflanzung

Der Feldhase kann sich theoretisch drei- bis viermal pro Jahr fortpflanzen. Die Häsin setzt pro Wurf zwei bis vier Junghasen, die im Gegensatz zu Kaninchen bereits behaart und sehend zur Welt kommen (Nestflüchter). Die Junghasen bleiben in den ersten Wochen in der Sasse und werden von der Mutter nur ein- bis zweimal täglich gesäugt, um Beutegreifer nicht auf das Nest aufmerksam zu machen.

Trotz seiner hohen Reproduktionsrate ist der Feldhase eine verletzliche Art. Die Sterblichkeit der Junghasen liegt bei 60 bis 80 Prozent, verursacht durch Mähmaschinen, Prädation (Fuchs, Greifvögel, Krähen), Witterung und Störungen. Unter natürlichen Bedingungen wird diese hohe Jugendsterblichkeit durch die Fortpflanzungsrate ausgeglichen. Doch wenn die Lebensraumqualität sinkt, kippt dieses Gleichgewicht.

Rote-Liste-Status

Der Feldhase ist in der Schweiz als «verletzlich» (VU, Vulnerable) auf der Roten Liste der Säugetiere eingestuft (BAFU 2022). Das bedeutet: Es besteht ein erhöhtes Risiko, dass die Art mittelfristig aus der Schweiz verschwindet, wenn die Gefährdungsursachen nicht beseitigt werden.

Der Niedergang: Von 70’000 auf 1’600 Abschüsse

Historischer Rückgang

Die Jagdstatistik dokumentiert den Niedergang des Feldhasen in der Schweiz mit erschreckender Deutlichkeit. 1947, in der Nachkriegszeit, wurden schweizweit noch rund 70’000 Feldhasen geschossen. In den folgenden Jahrzehnten brach der Bestand rapide ein. Um das Jahr 2000 waren es nur noch rund 2’500 Abschüsse. Heute werden jährlich noch rund 1’600 Feldhasen erlegt. Die aktuellen Bestandsdichten liegen bei durchschnittlich nur noch drei Tieren pro Quadratkilometer. In den 1990er-Jahren waren es noch über vier.

Ursachen des Rückgangs

Die Hauptursache für den Bestandsrückgang ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Die Flurbereinigung hat Hecken, Brachen und Feldränder vernichtet, die dem Feldhasen als Deckung und Nahrungsquelle dienen. Die Düngung und der Einsatz von Pestiziden verarmen die Pflanzenvielfalt und reduzieren das Nahrungsangebot. Die maschinelle Bewirtschaftung mit immer grösseren und schnelleren Maschinen tötet Junghasen direkt. Die Fragmentierung der Landschaft durch Strassen und Siedlungen zerschneidet die Lebensräume und erhöht die Verkehrsmortalität. In Wohnsiedlungsnähe kommen freilaufende Hunde und Katzen als zusätzliche Gefahrenquelle hinzu.

Der Feldhase ist ein Fluchttier, das auf weiträumige, zusammenhängende Lebensräume angewiesen ist. Einzelne unbewirtschaftete Weiden inmitten von Strassen und Siedlungen nützen ihm wenig, weil er bei der Flucht Gefahr läuft, von einem Auto erfasst zu werden. Die heutige Schweizer Kulturlandschaft ist für den Feldhasen vielerorts zu einer Falle geworden.

Die Bejagung: Tradition über Artenschutz

Rechtliche Lage

Nach dem geltenden Bundesgesetz über die Jagd (JSG, Art. 5 Abs. 1 lit. f) ist der Feldhase trotz seines Rote-Liste-Status jagdbar. Die Jagdzeit erstreckt sich vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember. Die Kantone können die Jagdzeit verkürzen oder den Feldhasen ganz schützen, sind aber nicht dazu verpflichtet.

Wer schiesst, wer schont?

Von 26 Kantonen haben 11 den Feldhasen auf kantonaler Ebene ganzjährig geschützt, darunter der Kanton Zug. Acht weitere Kantone haben die Jagdzeit gegenüber dem Bundesgesetz verkürzt. In den verbleibenden Kantonen ist der Abschuss möglich, wobei einzelne Jägerschaften freiwillig darauf verzichten.

Besonders auffällig: Der Kanton Graubünden weist konstant hohe Feldhasen-Abschusszahlen auf. Die Begründung der kantonalen Behörden lautet, die Bejagung sei «Tradition» und entspreche einer «nachhaltigen Nutzung einer natürlichen Ressource». Die Einnahmen durch Lizenzgebühren würden in die Wildhut investiert, die aktiv Lebensräume schaffe.

Dieses Argument illustriert die zynische Logik des Jagdsystems: Ein gefährdetes Tier wird weiterhin getötet, damit die Einnahmen aus seiner Tötung für seinen Schutz verwendet werden können.

Die gescheiterte Revision

Im Rahmen der Revision des Jagdgesetzes (JSG), die 2020 vom Volk abgelehnt wurde, hätten Umweltverbände die Jagd auf gefährdete Arten wie den Feldhasen, den Birkhahn und die Waldschnepfe stoppen wollen. Diese Forderung scheiterte am politischen Widerstand der Hobby-Jagd-Lobby. Pro Natura stellte damals fest: Für die Folklorejagd auf Schneehuhn, Birkhahn, Waldschnepfe und Feldhase gibt es aus wildbiologischer Sicht keinen Grund. Die Tiere verursachen keine Schäden und müssen nicht im Bestand kontrolliert werden.

Das BAFU argumentierte, ein Jagdverbot auf Bundesebene sei erst dann angezeigt, wenn der Feldhase «gesamtschweizerisch wegen der Jagd unter Druck» sei. Die Hauptursache des Rückgangs liege in der Lebensraumveränderung. Dieses Argument ist formal korrekt und zugleich verheerend: Es nimmt den letzten verbleibenden Druckfaktor, die Hobby-Jagd, in Schutz, weil er nicht der Hauptfaktor ist. Ökologisch betrachtet ist genau das Gegenteil richtig: Wenn eine Art bereits durch andere Faktoren unter Druck steht, muss jeder zusätzliche Mortalitätsfaktor eliminiert werden, nicht toleriert.

Mehr dazu: Dossier: Jagd und Biodiversität

Der Feldhase als Indikatorart

Was sein Verschwinden bedeutet

Der Feldhase hat für die Wissenschaft eine Schlüsselfunktion: Er ist eine Indikatorart. Sein Bestand zeigt an, wie es um die Biodiversität in der offenen Kulturlandschaft steht. Geht es dem Feldhasen schlecht, kann man daraus schliessen, dass es auch den Feldvögeln (Kiebitz, Feldlerche), den Insekten (Wildbienen, Laufkäfer), den Amphibien und zahlreichen Pflanzenarten in dieser Landschaft schlecht geht.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn sich der Feldhase erholt, profitiert die gesamte Artengemeinschaft der Kulturlandschaft. Hecken und Brachen an Feld- und Waldrändern, die dem Feldhasen nützen, sind gleichzeitig Lebensräume für Dutzende andere Arten. Die Förderung des Feldhasen ist damit ein Hebel für die gesamte Agrarbiodiversität.

Bund verfehlt eigene Ziele

Der Bund hat sich im Rahmen der Biodiversitätsstrategie Schweiz eigene Ziele gesetzt. Dazu gehört die Stabilisierung und Förderung gefährdeter Arten. Beim Feldhasen verfehlt der Bund diese Ziele eklatant. Der Bestand sinkt weiter, die Hobby-Jagd wird nicht eingeschränkt, und die Lebensraumaufwertung kommt nur schleppend voran. Die Fondation Franz Weber hat davor gewarnt, dass die Schweiz den Feldhasen unwiderruflich verlieren könnte, wenn nicht entschieden gehandelt wird.

Mehr dazu: Dossier: Jagdmythen

Die absurde Gleichzeitigkeit: Bejagen und Fördern

Förderprojekte neben Abschüssen

Die Inkonsistenz des Schweizer Systems zeigt sich nirgends deutlicher als beim Feldhasen. In einzelnen Kantonen laufen Förderprojekte: Landwirte legen Brachen und Hecken an, Biologen kartieren Bestände, Jäger beteiligen sich an Zählungen. Gleichzeitig werden in denselben oder benachbarten Kantonen Feldhasen geschossen. Es werden öffentliche Gelder in die Lebensraumaufwertung investiert, während die Hobby-Jagd den fragilen Bestand weiter dezimiert. Diese Gleichzeitigkeit von Fördern und Töten ist nicht nur ökologisch widersinnig, sondern auch ökonomisch fragwürdig.

Der Vergleich mit anderen Ländern

In mehreren europäischen Ländern ist die Feldhasenjagd bereits eingestellt oder stark eingeschränkt worden. In den Niederlanden ist der Feldhase seit 2004 nicht mehr jagdbar, nachdem die Bestände dramatisch zurückgegangen waren. In Teilen Deutschlands und Österreichs gelten strenge Schonzeiten und Bejagungsverbote in Gebieten mit geringer Besatzdichte. Die Schweiz hinkt in diesem Punkt hinterher.

Was sich ändern müsste

  • Sofortiges und gesamtschweizerisches Jagdverbot auf den Feldhasen: Eine gefährdete Art, die keine Schäden verursacht und nicht reguliert werden muss, darf nicht bejagt werden. Die Bejagung des Feldhasen ist weder ökologisch noch ethisch gerechtfertigt. Was 11 Kantone längst umgesetzt haben, muss bundesrechtlich verankert werden.
  • Massive Lebensraumaufwertung in der Kulturlandschaft: Hecken, Brachen, Ackerrandstreifen und extensive Weiden müssen grossflächig und verbindlich gefördert werden. Die heutigen ökologischen Ausgleichsflächen reichen weder in Umfang noch in Qualität aus, um den Rückgang des Feldhasen und der gesamten Agrarbiodiversität aufzuhalten.
  • Reduktion der Landschaftsfragmentierung: Strassen und Siedlungen zerschneiden die Lebensräume des Feldhasen. Wildtierkorridore und Grünbrücken müssen verstärkt geplant und umgesetzt werden, um die Vernetzung der Populationen sicherzustellen.
  • Nationales Feldhasen-Monitoring: Die aktuellen Bestandsdaten basieren auf kantonalen Schätzungen, die methodisch uneinheitlich und lückenhaft sind. Ein schweizweites Monitoring nach standardisierter Methodik ist Voraussetzung für eine evidenzbasierte Schutzstrategie.
  • Ausweitung des Jagdverbots auf weitere gefährdete Arten: Was für den Feldhasen gilt, gilt auch für Birkhahn, Schneehuhn und Waldschnepfe. Die Folklorejagd auf gefährdete Arten, die keine Schäden verursachen, muss beendet werden.

Argumentarium

«Der Feldhase wird nicht durch die Hobby-Jagd gefährdet – die Hauptursache ist die Landwirtschaft.» Die Hauptursache ist korrekt benannt. Doch das Argument ist ökologisch falsch angewendet: Wenn eine Art bereits durch Lebensraumverlust unter Druck steht, muss jeder zusätzliche Mortalitätsfaktor eliminiert werden. 1’600 Abschüsse pro Jahr bei einer gefährdeten Art sind nicht «nachhaltig», sondern kontraproduktiv. Die Hobby-Jagd verschlechtert eine ohnehin kritische Situation.

«Die Bejagung des Feldhasen ist Tradition und Teil der nachhaltigen Nutzung.» «Nachhaltige Nutzung» setzt voraus, dass der Bestand stabil oder wachsend ist. Beim Feldhasen ist das Gegenteil der Fall: Der Bestand sinkt seit Jahrzehnten. Was als Tradition verteidigt wird, ist die fortgesetzte Entnahme aus einem schrumpfenden Bestand. Tradition ist kein Argument gegen den Artenschutz.

«Die Einnahmen aus der Feldhasenjagd fliessen in den Naturschutz.» Ein gefährdetes Tier zu töten, um mit den Einnahmen seinen Schutz zu finanzieren, ist ein Zirkelschluss. Naturschutz muss unabhängig von der Jagdberechtigung organisiert und finanziert werden. Wer Natur schützen will, braucht keine Jagdberechtigung.

«In unserem Kanton ist der Feldhase noch häufig genug für eine Bejagung.» Die Rote-Liste-Einstufung «verletzlich» gilt gesamtschweizerisch. Kantonale «Stabilität» ist oft eine Fehlinterpretation lückenhafter Daten. Solange kein nationales Monitoring mit belastbaren Zahlen vorliegt, ist jede kantonale Unbedenklichkeitserklärung wissenschaftlich nicht haltbar.

Quicklinks

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Unser Anspruch

Der Feldhase ist das Symboltier einer verlorenen Kulturlandschaft. Seine Geschichte ist die Geschichte des Schweizer Artensterbens im Kleinen: ein langsamer, gut dokumentierter Niedergang, den alle sehen und niemand stoppt. Dass er trotz Rote-Liste-Status weiterhin bejagt wird, ist kein Ausdruck nachhaltiger Nutzung, sondern das Versagen einer Wildtierpolitik, die die Interessen der Hobby-Jagd über den Artenschutz stellt. Die Konsequenz ist eindeutig: Die Feldhasenjagd muss sofort und gesamtschweizerisch eingestellt werden. Was 11 Kantone längst umgesetzt haben, darf bundesrechtlich nicht länger als kantonale Kür behandelt werden. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Studien oder politische Entwicklungen es erfordern.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.