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Jagd

Fabio Regazzi: Wolfspolitik der Schnellschüsse

Warum der neue Vorstoss zur Wolfsobergrenze ein gefährlicher Tabubruch ist. Wenn Fabio Regazzi im Bundeshaus über den Wolf spricht, geht es schon lange nicht mehr nur um Einzelfälle. Mit seinem neuen Vorstoss wünscht der Mitte-Ständerat, die Schweizer Wolfspolitik grundsätzlich umzubauen: weg von der Einzelfallprüfung, hin zu politisch festgelegten Bestandsobergrenzen. Aus Sicht des Tier- und Naturschutzes ist das ein Paradigmenwechsel mit Sprengkraft.

Redaktion Wild beim Wild — 7. Dezember 2025

Regazzis parlamentarische Initiative verlangt, dass der Bundesrat eine Rechtsgrundlage für eine «kontrollierte Wolfsjagd bei Überschreitung einer Populationsschwelle» schafft. Das Prinzip wäre schlicht:

  • Die Politik legt eine Obergrenze für die Wolfspopulation fest.
  • Alles, was über dieser Zahl liegt, wird reguliert.
  • Nicht mehr das konkrete Verhalten eines Rudels zählt, sondern die Statistik.

Damit wird die bisherige Logik der Einzelfallprüfung faktisch aufgegeben. Bisher lauteten die Fragen:
Gibt es Schäden, wurden Schutzmassnahmen ergriffen, liegt ein Problemverhalten vor?

Neu soll nur noch eine Frage entscheidend sein: Liegt der Bestand über oder unter der politisch gewünschten Zahl?

Was mit domestiziertem Nutzvieh nicht akzeptiert würde, soll für eine geschützte Wildtierart zur Norm werden: Jedes Tier, das über die Zielzahl «hinausragt», wird zum Überschuss erklärt.

Schweden als Vorbild, das selbst auf wackligen Beinen steht

Als Referenz präsentiert Regazzi Schweden. In einem Land mit etwa elfmal grösserer Fläche leben ähnlich viele Wölfe wie in der Schweiz. Die schwedische Regierung will diese Zahl auf 170 Tiere reduzieren und verkauft das als guten Erhaltungszustand.

Kritikerinnen und Kritiker verweisen dagegen auf mehrere Punkte:

  • 170 Wölfe entsprechen einer minimal überlebensfähigen Restpopulation, nicht einer robusten, genetisch gesunden Population.
  • Fachleute nennen deutlich höhere Mindestzahlen, wenn Inzucht, Lebensraumverluste und Klimarisiken mitbedacht werden.
  • Die EU-Kommission hat Schweden inzwischen schriftlich aufgefordert, diese Referenzzahl zu überarbeiten, weil sie weder den biologischen noch den rechtlichen Anforderungen genügt.

Wer dieses Modell unkritisch importiert, bewegt sich juristisch in einer Grauzone und ökologisch am Rand einer Bekämpfungsstrategie. Eine solche Politik zielt nicht auf Erhaltung, sondern auf kontrollierte Minimierung.

Berner Konvention: Herabstufung ist kein Freipass

Wolfsgegner verweisen gerne auf die Berner Konvention. Der Wolf wurde dort von «streng geschützt» in «geschützt» verschoben. Das stimmt, ändert aber am Kernauftrag wenig: Auch für geschützte Arten bleibt die Pflicht, einen günstigen Erhaltungszustand zu sichern.

Genau hier beisst sich das Konzept fixer Obergrenzen:

  • Eine politisch festgelegte Maximalzahl passt schlecht zu einem dynamischen, wandernden Rudeltier.
  • Eine dauerhafte Deckelung begünstigt genetische Verarmung und erhöht den Druck, immer wieder «abzuräumen», sobald der Bestand etwas wächst.
  • Statt Erhalt wird eine dauerhafte Minimierung organisiert, mit der realen Gefahr einer schleichenden Ausrottung.

Schon die bisherige Schweizer Wolfspolitik wurde vom Büro der Berner Konvention kritisch beäugt. Die neue Linie geht noch einen Schritt weiter in Richtung politisch motivierter Reduktion.

Was die Zahlen zeigen: Weniger Risse, mehr Abschüsse

Politisch wird der Eindruck einer «nicht mehr tragbaren» Situation gepflegt. Die nüchternen Zahlen zeichnen ein anderes Bild:

  • 2022 wurden rund 1’500 gerissene Nutztiere gemeldet. Seither gehen die Risszahlen zurück, obwohl der Wolfsbestand weiter leicht zunimmt.
  • Auswertungen zeigen einen Rückgang der getöteten Nutztiere von deutlich über 1’000 auf tiefere Werte in den Folgejahren.
  • Pro Natura meldet für 2025 (bis Ende Oktober) einige hundert durch Wölfe getötete Nutztiere, darunter weniger geschützte Tiere als im Vorjahr. Das deutet darauf hin, dass konsequenter Herdenschutz wirkt.

Parallel dazu explodiert die Zahl der Abschussbewilligungen:

  • Für die Regulierungsperiode 2024/25 hat das BAFU dem Abschuss von rund 125 Wölfen zugestimmt, bis Ende Januar 2025 wurden 92 Wölfe präventiv getötet.
  • Ein grosser Teil dieser Abschüsse erfolgte präventiv, also bevor überhaupt Schäden eingetreten waren.

Wenn Risse sinken und gleichzeitig dutzende Tiere vorsorglich getötet werden, lässt sich schwer behaupten, der Wolf sei «ausser Kontrolle». Näher liegt die Diagnose, dass die Politik sich in eine Vorwärtsverteidigung der Jagd- und Nutztierlobbys hineinmanövriert hat.

Gänsesäger, Biber und Co.: Das Muster hinter der Regulierungslust

Der Wolf ist bei Regazzi kein Einzelfall. Beim Gänsesäger zeigt sich das gleiche Grundmuster: Eine geschützte Art wird als Problem markiert, die Datenlage ist umstritten, trotzdem stehen Abschüsse früh im Zentrum.

  • Eine parlamentarische Initiative Regazzis will den Schutzstatus lockern, damit der Gänsesäger «gezielt reguliert» werden kann.
  • Fachstellen wie die Vogelwarte weisen darauf hin, dass die Hauptprobleme der Fischbestände verbauten Gewässern, mangelndem Lebensraum, höheren Wassertemperaturen und invasiven Arten geschuldet sind, nicht einem einzelnen Vogel.
  • Naturschutzorganisationen warnen vor einem Präzedenzfall: Wenn bei unklarer Datenlage Schutzbestimmungen gelockert werden, steht jede konfliktträchtige Art bei entsprechendem Lobbydruck zur Disposition.

Aus jagdkritischer Perspektive entsteht ein klares Muster: Die Forderung nach Abschuss kommt regelmässig schneller als die nüchterne Analyse.

Machtnetzwerke: Gewerbeverband, Jagdverbände, Politik

Regazzi ist nicht nur einzelner Parlamentarier, sondern Knotenpunkt verschiedener Interessen:

  • Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands
  • langjährige Funktionen in Tessiner Jagdverbänden
  • Vizepräsident vom militanten Verband JagdSchweiz
  • Verwaltungsrats- und Verbandsmandate im Umfeld von Auto, Transport und Gewerbe

Damit spricht er im Parlament nicht nur «für die Mitte», sondern für ein dichtes Netzwerk, das von Hobby-Jagd bis Wirtschaftslobby reicht. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist genau diese Überlagerung problematisch: Wer so viele Bindungen zu Nutzungs- und Jagdinteressen hat, ist kaum eine neutrale Stimme, wenn es um Wildtiere und Naturschutz geht.

Auch beim gescheiterten Nationalpark Locarnese zeigte sich diese Linie: Während Gemeinden, Regionen und Fachleute in dem Projekt eine Chance für Natur, Tourismus und Wertschöpfung sahen, stellte sich Regazzi auf die Seite der Gegner, die vor allem Jagdinteressen bedroht sahen. Am Ende scheiterte ein Zukunftsprojekt, während das Jagdrevier blieb.

Christliche Werte auf dem Papier, Abschusspolitik in der Praxis

Regazzi betont gerne seine christliche Prägung, seine Partei stellt sich als Kraft dar, die Menschenwürde, Schutz des Lebens und Bewahrung der Schöpfung hochhält. Aus klassisch christlich-sozialethischer Perspektive ergeben sich jedoch Widersprüche:

  • Option für die Schwachen: Schutzbedürftig sind auch Wildtiere, bedrohte Arten, belastete Ökosysteme. In der Praxis stehen bei Regazzi oft die lautesten Lobbys im Zentrum, nicht die schwächsten Akteure.
  • Bewahrung der Schöpfung: Wer grosse Beutegreifer, Gänsesäger und andere geschützte Arten kleinhalten oder «bestandsmässig steuern» will, behandelt Teile dieser Schöpfung als Störfaktor.
  • Gerechtigkeit und Mass: Politische Projekte für grosszügige Nachsicht gegenüber Rasern oder steuerliche Erleichterungen für Vermögende passen schlecht zu einem Ethos, das Ausgleich und Fairness betont.

Aus Sicht von Kritikern dienen «christliche Werte» hier eher als Dekoration, nicht als Grenze für das eigene Handeln.

Der Regazzi-Reflex: Abschlussforderungen vor Analyse

Schaut man die letzten Jahre seiner Wildtierpolitik an, ergibt sich ein durchgehendes Muster:

  1. Eine Art gewinnt an Sichtbarkeit, verursacht Konflikte oder wird von Verbänden zum Problem erklärt.
  2. Regazzi reicht Vorstösse ein, die Schutzbestimmungen lockern und Abschüsse erleichtern.
  3. Wissenschaftliche Einwände werden als «realitätsfremd» oder «nicht praktikabel» abgetan.
  4. Politisch wird das Ganze als «realistische Lösung» verkauft, während Prävention und Lebensraumschutz in den Hintergrund rücken.
  • Beim Wolf heisst das: Bestandsobergrenzen statt Herdenschutz.
  • Beim Gänsesäger: Lockerung des Schutzstatus trotz unsicherer Datenlage.
  • Beim Nationalpark: Abwehr eines Schutzprojekts zugunsten des Jagdreviers.

Im Resultat verschiebt sich die Wildtierpolitik vom evidenzbasierten Umgang hin zu einem Feld, in dem narrative Bilder vom «Problemwolf» oder vom «fischfressenden Feindvogel» dominieren.

Nicht der Wolf ist das Problem, sondern die Politik der Obergrenzen

Für eine moderne, evidenzbasierte Wildtierpolitik ist der neue Vorstoss zur Wolfsobergrenze mehr als eine technische Anpassung. Er steht für eine grundsätzliche Weichenstellung:

  • Wildtiere werden nicht als Teil dynamischer Ökosysteme behandelt, sondern als regulierbare Bestände mit Zielzahlen.
  • Lobbyinteressen erhalten mehr Gewicht als langfristige Biodiversitätsziele.
  • Prävention, Herdenschutz und Lebensraumschutz werden regelmässig von der schnelleren und symbolkräftigen Forderung nach Abschuss überholt.

Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist Fabio Regazzi damit ein sichtbarer Vertreter einer Politik, die schneller schiesst, als sie analysiert.

Nicht der Wolf, nicht der Gänsesäger und nicht der Biber sind das strukturelle Problem. Problematisch ist eine Politik, die aus jeder Art mit Zähnen, Schnabel oder eigenem Verhalten ein «Regulierungsobjekt» macht und die Verantwortung für Konflikte konsequent den Tieren zuschiebt.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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