Englands neue Tierschutzstrategie und die Jagd
Warum die Regierung jetzt an die heiklen Punkte geht, und warum die Jagdlobby sofort zurückschlägt.
Am 22. Dezember 2025 hat das britische Umweltministerium Defra die «Animal welfare strategy for England» veröffentlicht.
Der Anspruch ist gross: Die Regierung spricht von den «ambitioniertesten» Reformen seit einer Generation und kündigt an, Tierschutzlücken zu schliessen, die über Jahre ausgenutzt wurden. Besonders relevant für die Hobby-Jagd ist, dass die Strategie gleich mehrere Praktiken adressiert, die seit Langem als Grauzonen gelten: Schlingenfallen, Trail Hunting sowie eine Schonzeit für Hasen.
Der Kern: Wildtiere werden nicht länger als Randnotiz behandelt
Die Strategie behandelt Wildtiere nicht nur als «Naturthema», sondern als Tierschutzfrage. Das ist politisch wichtig, weil Jagd und Wildtiermanagement in Grossbritannien häufig als Kultur, Landnutzung oder «rural life» verteidigt werden. Defra setzt dem eine moralische Grundannahme entgegen: Wenn Gesetze und Praxis dem Stand der Erkenntnisse hinterherhinken, müsse nachgeschärft werden.
Trail Hunting: Die Regierung nennt die Tarnung beim Namen
Beim Trail Hunting (Hunde folgen einer künstlichen Duftspur) hält die Strategie fest, dass diese Praxis als Deckmantel dienen könne, um faktisch wieder echte Hetzjagden zu betreiben. Genau diese Kritik wird seit Jahren erhoben: Nicht das Ritual sei das Problem, sondern die praktische Unterscheidbarkeit im Feld, wenn am Ende doch ein Fuchs gerissen wird. Defra kündigt hierzu eine Konsultation Anfang 2026 an und stellt ein Verbot in Aussicht.
Jagdkritisch betrachtet ist das der entscheidende Punkt: Ein Gesetz ist nur so stark wie seine Vollziehbarkeit. Solange die Praxis die Beweisführung verwässert, bleibt das Verbot von 2004 in Teilen ein Papierzaun.
Schlingenfallen: Das Ende einer Methode, die «Beifang» einpreist
Noch klarer positioniert sich die Regierung bei Schlingenfallen (snares). Schlingen sind nicht selektiv. Wer sie setzt, akzeptiert, dass neben dem Zieltier auch Haustiere und Nichtzielarten hineingeraten können. Humane World for Animals UK begrüsst den angekündigten Bann und betont genau diese Unberechenbarkeit und das Leid, das durch die Fixierung entsteht.
Die Strategie folgt damit einem Grundsatz, der in der Jagdpolitik oft verdrängt wird: Ein «korrektes» Anwenden kann eine systemische Schwäche nicht heilen. Wenn die Methode selbst auf Stress, Verletzungen und langes Festhalten hinausläuft, ist «bessere Anleitung» keine Lösung, sondern Kosmetik.
Hasen: Eine Schonzeit als Testfall für ernst gemeinten Tierschutz
In England gibt es bisher keine gesetzliche Schonzeit für Hasen während der Fortpflanzungszeit. Die Strategie greift das auf und stellt eine Close Season von Februar bis Oktober in Aussicht. Die Begründung ist so simpel wie belastend: Werden Muttertiere in dieser Phase geschossen, bleiben Jungtiere zurück.
Dass diese Massnahme politisch explosiv ist, zeigt sich daran, wie schnell Gegenargumente folgen. Und damit sind wir bei der Jagdlobby.
Die Gegenkampagne: FACE und BASC setzen auf «Evidenz», um Status quo zu retten
Nur Stunden nach der Veröffentlichung verbreitete die europäische Jagd-Dachorganisation FACE eine Botschaft ihres britischen Mitglieds BASC. Der Tenor: Die Regierung habe ohne «proper consultation» gehandelt, und die Vorschläge zu Schlingen-Verbot und Hasen-Schonzeit seien «nicht evidenzbasiert». Zusätzlich wird der Vorwurf gestreut, die Strategie verweise auf «extremistische Tierrechtsgruppen» und beschädige so Vertrauen.
BASC formuliert dazu mehrere Kernbehauptungen:
- «Moderne Schlingen» erfüllten bei korrekter Nutzung internationale Standards und seien «essenziell» für Livestock-Schutz und Conservation.
- Statt Verbot brauche es eine gesetzliche Pflicht zur Einhaltung eines Codes of Practice.
- Braune Hasen seien laut IUCN «least Concern», Bestände hätten zugenommen, Hasen könnten landwirtschaftlichen Schaden anrichten.
- Das Hauptproblem sei illegales Hare-Coursing durch organisierte Kriminalität, darauf müsse sich der Vollzug konzentrieren.
Warum diese Argumente aus jagdkritischer Sicht nicht tragen
Erstens: «Internationale Standards» sind kein Freipass.
Selbst wenn es Richtlinien für «humane» Fangmethoden gibt, bleibt das Grundproblem von Schlingen bestehen: Sie sind eine Fangtechnik mit hohem Risiko für Fehlfänge und Verletzungen. Tierschutzargumente gegen Schlingen zielen nicht nur auf Missbrauch, sondern auf das Prinzip der Methode. Humane World for Animals UK spricht explizit von «indiscriminate» und dokumentiert, dass auch Haustiere betroffen sind.
Zweitens: «Least Concern» beantwortet nicht die Tierschutzfrage.
Die IUCN-Kategorie sagt etwas über das Aussterberisiko einer Art in einem grösseren Rahmen, nicht über das Leid einzelner Tiere und nicht automatisch über regionale Bestände oder Brutphasen-Schutz. Eine Schonzeit ist kein Naturschutz-Gimmick, sondern ein Tierschutzmechanismus: Sie verhindert vorhersehbares Leid durch das Töten tragender Tiere und das Verwaisen von Jungtieren. Genau das ist der Punkt, den Defra und auch Berichte zur geplanten Close Season hervorheben.
Drittens: Illegale Kriminalität als Ablenkungsmanöver.
Ja, illegales Hare Coursing ist ein Problem. Aber daraus folgt nicht, dass man legale, leidrelevante Regeln unangetastet lassen sollte. Ein Staat kann beides tun: Kriminalität bekämpfen und gleichzeitig gesetzliche Standards im legalen Bereich setzen. Wer den Fokus nur auf «die Illegalen» lenkt, verschiebt die Debatte weg von der Frage: Welche Praktiken wollen wir als Gesellschaft überhaupt noch erlauben?
Viertens: Der «Konsultations»-Vorwurf ist politisch, nicht zwingend sachlich.
BASC beschreibt die fehlende Einbindung als Vertrauensbruch. Das kann stimmen, ändert aber nichts daran, dass eine Regierung legitimerweise Regeln verschärfen darf, wenn sie Lücken und Missbrauch sieht. Defra begründet die Strategie ausdrücklich damit, dass bestehende Regeln nicht mit der Evidenz Schritt halten und Schlupflöcher ausgenutzt wurden.
Was jetzt zählt: Vollzug statt Wohlfühlformeln
Die Strategie klingt an vielen Stellen wie eine Richtungsentscheidung, aber sie ist erst der Anfang. Entscheidend wird sein, ob Verbote so formuliert werden, dass sie im Feld funktionieren, ob Kontrollen finanziert sind und ob die Beweislast nicht wieder an der Praxis zerschellt. Born Free etwa begrüsst die Pläne zu Trail Hunting und Hasen, betont aber zugleich, dass Details und Umsetzung entscheidend sind.
Englands Tierschutzstrategie setzt bei den Jagdthemen dort an, wo es weh tut: Hunde, Fallen, Brutzeit. Genau deshalb mobilisieren FACE und BASC sofort gegen Schlinge und Schonzeit, mit dem bekannten Dreiklang aus «Evidenz», «Praxisnähe» und «Konsultation». Für eine jagdkritische Einordnung ist das ein Lehrstück: Wenn sich eine Methode nur mit Codes, Ausnahmen und Interpretationen «tierschutzgerecht» reden lässt, ist das oft das stärkste Argument, sie zu beenden.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →