Waldspaziergang in Gefahr: Wenn die Hobby-Jagd Angst macht
Eine Spaziergängerin aus Schwändi im Kanton Glarus erlebt, wie ein Schuss im Wald zur lebensbedrohlichen Situation wird. Wir hinterfragen Jagdpraktiken, Sicherheitsabstände und die ethische Verantwortung der Hobby-Jäger.
Bunte Blätter, frische Luft und die Stille des Waldes – doch nicht jeder erlebt die Natur so friedlich.
Eine Spaziergängerin aus Schwändi (Kanton Glarus) schildert in einem eindringlichen Leserbrief: „Neben mir traf ein Schuss ins Gebüsch, und keine fünf Meter entfernt flüchtete ein Reh.“
Für sie war der Moment wie ein Schock: Erstarrt, unsicher, niemand reagierte auf ihr Rufen. Am nächsten Tag begegnete sie einem Hobby-Jäger mit Waffe im Wohnquartier. Ein Szenario, das wieder Fragen über die Sicherheit im Wald aufwirft.
Gefahr mitten in der Natur
Wie sicher ist die Waldnutzung während der Hobby-Jagdzeit? Muss es sein, dass Tiere unmittelbar neben Wanderwegen, Wohngebieten oder Kuhweiden gejagt werden – gerade zu Tages- und Abendzeiten, wenn Menschen ihre Freizeit geniessen?
Die Spaziergängerin betont: «Ich respektiere die Jagd und esse auch gerne Wildfleisch. Trotzdem möchte ich mein Leben nicht in die Hand eines Jägers legen.» Ihre Erfahrung zeigt, dass Verantwortung für den Umgang mit Waffen im Wald mehr als Theorie sein muss.
Ethik, Verantwortung und Transparenz
Sicherheitsabstände werden oft nicht klar eingehalten. Jagdgebiete sind nicht ausreichend gekennzeichnet. Menschen geraten in Situationen, in denen Angst und Unsicherheit den Waldspaziergang dominieren.
Es ist Zeit, die Regeln zu hinterfragen: Jagdzeiten, die Hobby-Jagd, Kennzeichnung von Jagdgebieten und Kommunikation mit der Öffentlichkeit müssen überdacht werden. Nur so kann Koexistenz von Menschen und Tieren funktionieren – ohne Angst.
Die Hobby-Jagd hat keine Berechtigung – und doch darf sie die Sicherheit der Menschen gefährden. Der Wald sollte ein Ort der Begegnung und Erholung bleiben, kein Risiko für Spaziergänger, Jogger oder Familien.
Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.
Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.
Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.
Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.
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