Schweden und die Braunbärenjagd
Schweden ist keine «Erfolgsgeschichte» des Artenschutzes im Generalsinn, sondern ein Beispiel dafür, wie Bestände zurückkommen können, während die Politik gleichzeitig Grossbeutegreifer auf Minimalziele drücken will und Konflikte (legal und illegal) fortbestehen
Anfang des 20. Jahrhunderts waren Braunbären praktisch aus dem Land verschwunden, mit nur noch rund hundert Tieren in vereinzelten Restbeständen.
Jahrzehntelange Schutzmassnahmen, von der Abschaffung von Kopfgeldern bis zu gesetzlichen Schutzzeiten, führten dazu, dass sich der Bestand wieder auf über 3’300 Tiere im Jahr 2008 erholte. Allein diese Entwicklung wurde international als Modell für das Management von Beutegreifern gefeiert.
Trotz dieses Erfolgs genehmigte die schwedische Regierung 2024 erstmals wieder die Tötung eines grossen Teils der Population im Rahmen einer jährlichen «Lizenzjagd». Insgesamt wurden knapp 500 Braunbären zugelassen, das sind etwa 20 Prozent der aktuellen Population. Offiziell wird dieser Eingriff mit dem Bedürfnis begründet, angebliche Schäden an Weidevieh und Rentierherden zu begrenzen und «günstige Erhaltungsziele» zu erreichen.
Wildtierschützende und Fachleute kritisieren diesen Kurs scharf. Sie warnen, dass eine solche reduzierte Zielpopulation von 1’400 Tieren faktisch einem Rückfall von 60 Prozent gegenüber dem Höchststand von 2008 gleichkommt und den jahrzehntelangen Schutz fortlaufend untergräbt. Die ausgewiesenen Zahlen zeigen, wie rapide der Bestand seit Wiedereinführung der Hobby-Jagd wieder gesunken ist. Allein im Folgejahr nach der Lizenzjagd wurde ein deutlicher Rückgang auf rund 2’400 Tiere registriert.
Die Kritisierenden der Hobby-Jagd bezeichnen die staatlich genehmigten Abschüsse als «Trophäenjagd», die mehr von Jagdkultur als von wissenschaftlich fundiertem Wildmanagement zeuge. Sie argumentieren, dass alternative Konzepte, etwa Schutzmassnahmen wie Elektrozäune, Herdenschutz oder nicht-tödliche Konfliktlösungen, bislang nicht in notwendigem Mass erprobt oder umgesetzt worden seien. In anderen Ländern, etwa in Teilen Nordamerikas, wird durch ökologischen Tourismus und respektvollen Umgang mit Beutegreifern ein nachhaltiger wirtschaftlicher Nutzen erzielt, ohne Bestände künstlich zu drücken.
Noch problematischer ist die rechtliche Einordnung: Braunbären zählen in Europa zu den streng geschützten Arten nach der EU-Fauna-Flora-Habitatrichtlinie. Kritisierende werfen Schweden vor, mit den hohen Abschussquoten genau diesen Schutz zu unterlaufen, da das gezielte Töten angeblich geschützter Beutegreifer nicht nur ökologisch fragwürdig ist, sondern auch rechtsstaatliche Fragen aufwirft.
Aus wildbiologischer Sicht wird zudem angeführt, dass der langfristige Bestand eines grossen Beutegreifers nicht allein durch fixe Zielzahlen bestimmt werden kann, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Lebensraum, genetischer Vielfalt und sozialer Struktur der Tiere berücksichtigt werden muss. Eine übermässige Entnahme disruptiert soziale Strukturen, erhöht Stresslevel in den Populationen und kann paradoxerweise Konflikte mit Menschen sogar verschärfen. Dieses Risiko wird im offiziellen Diskurs oft nicht genügend thematisiert.
Die Debatte um Schwedens Braunbären zeigt, wie schnell ein jahrzehntelanger Erfolg im Artenschutz wieder infrage gestellt werden kann, wenn jagdpolitische Interessen mit ökologischen Zielen kollidieren. Während internationale Gemeinschaften und Wissenschaft stärker auf koexistenzorientierte Konzepte setzen, bleibt Schweden ein Beispiel dafür, wie traditionelle Jagdpraktiken trotz des Wissens um ökologische Folgen weiter institutionalisiert werden. Die Entwicklung ist nicht nur ein Thema für Fachkreise, sondern ein Signal an ganz Europa, wie wir zukünftig mit Beutegreifern umgehen wollen.
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