Afrikanische Schweinepest und die Hobby-Jagd
Die Afrikanische Schweinepest ist eine hochansteckende Viruserkrankung, die ausschliesslich Wildschweine und Hausschweine betrifft und für Menschen als ungefährlich gilt. Gleichzeitig löst sie massive wirtschaftliche Schäden aus, weil bei Hausschweinebeständen alle Tiere getötet und weitreichende Handelsbeschränkungen verhängt werden. Genau dieser ökonomische Druck wird genutzt, um eine immer weitere Verschärfung von Jagdregimes auf Schwarzwild zu rechtfertigen.
Die Afrikanische Schweinepest (ASP) wird durch ein Virus ausgelöst, das vor allem durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren oder kontaminierten Produkten wie Fleisch und Wurstwaren übertragen wird.
Klinisch zeigt sich die Krankheit im Extremfall durch hohes Fieber, Schwäche, Blutungen und eine sehr hohe Sterblichkeit bei Haus- und Wildschweinen. In Europa breitet sich die ASP seit Jahren weiter aus, mit Schwerpunkten in Osteuropa und wiederkehrenden neuen Ausbrüchen in verschiedenen Regionen.
Deutschland: Seuche als Hebel für intensive Schwarzwildjagd
In Deutschland ist die ASP mittlerweile in mehreren Regionen bei Wildschweinen nachgewiesen, etwa in Nordrhein-Westfalen mit einem eingezäunten Kerngebiet und über 300 bestätigten Fällen. Die Bekämpfungsstrategie arbeitet in Phasen: Zuerst Jagdverbot im Kerngebiet, intensive Kadaversuche und Zäune, danach gezielte «Wildschweinentnahme» und verstärkte Bejagung in den Sperrzonen.
Die Landwirtschaftsministerien und Jagdverbände betonen, dass Hobby-Jägerinnen und -Jäger «mit vereinten Kräften» die Schwarzwildbestände reduzieren sollen; dazu gehören Bewegungsjagden, Drohneneinsatz und finanzielle Anreize pro erlegtem Wildschwein. Der Deutsche Jagdverband stellt ASP prominent als Rechtfertigung für eine «professionalisierte» und intensivierte Schwarzwildjagd dar und bietet tagesaktuelle Fallzahlen, Handlungsempfehlungen und Kontaktstellen an.
Österreich: Prävention, Wirtschaft und Hobby-Jagd
Österreich ist bisher von grossen ASP-Ausbrüchen in Wildschweinbeständen verschont geblieben, positioniert sich aber stark über Prävention und wirtschaftliche Schutzargumente. Offizielle Stellen warnen, dass ein Ausbruch für Schweinehalter «fatal» wäre, und betonen, dass bei ASP in Wildtierbeständen grossräumige Handelsbeschränkungen und strikte Reglementierungen der Hobby-Jagd nötig sind.
Für Hobby-Jägerinnen und -Jäger heisst das: Jagdreisen in betroffene Staaten sollen ohne Mitnahme von Wildbret erfolgen, Biosicherheitsregeln sind einzuhalten, und Schwarzwildbejagung wird als Dienst an der heimischen Landwirtschaft kommuniziert. Damit verschiebt sich die Hobby-Jagd in Richtung vermeintlich «systemrelevanter» Tätigkeit, während Jagdtourismus gleichzeitig ein nicht zu unterschätzendes Risiko für die Verschleppung des Virus bleibt.
Schweiz: ASP-frei, aber voll in Seuchenbereitschaft
Die Schweiz ist derzeit offiziell frei von der Afrikanischen Schweinepest, betreibt aber seit 2018 ein nationales Früherkennungsprogramm beim Wildschwein. Alle tot aufgefundenen, krank erlegten oder im Strassenverkehr verunfallten Wildschweine sollen gemeldet und auf ASP untersucht werden; das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) koordiniert die Auswertung.
Kantone wie Zürich, Luzern und Thurgau haben detaillierte Szenarien vorbereitet: Im Seuchenfall wären intensive Kadaversuche, Jagdverbote in definierten Zonen, Einschränkungen der Waldnutzung und das Töten von Hausschweinen in betroffenen Betrieben vorgesehen. Die grösste Gefahr für eine Einschleppung sieht das BLV im unsachgemässen Umgang mit kontaminierten Fleischprodukten, etwa Schinken oder Salami, die Reisende aus betroffenen Regionen mitbringen.
Besonders exponiert ist der Südkorridor: Im Kanton Tessin wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Vorkehrungen diskutiert und überprüft, etwa Informationskampagnen, Kontrollen und Szenarien für den Fall eines Eintrags aus Norditalien.
Seuchenmanagement oder Vorwand für noch mehr Hobby-Jagd?
Offiziell steht beim ASP-Management der Schutz der Nutztiere im Zentrum: Zonen, Zäune, Kadaversuche, Biosicherheit und Monitoring. In der Praxis rückt aber zunehmend die massive Reduktion von Wildschweinen durch Hobby-Jagd in den Vordergrund, mit Abschussprämien, Sonderregelungen und einer Rhetorik, in der die Schwarzwildjagd zur zentralen «Waffe» gegen die Seuche erklärt wird. Wie dramatisch sich solche Strategien im Feld auswirken, zeigen Tier-Massaker im Namen der Seuchenbekämpfung, über die wir bereits berichtet haben.
Aus Tier- und Naturschutzsicht stellen sich mehrere Fragen: Wie viel Leid entsteht für Wildschweine durch grossflächige Drückjagden und Nachsuchen im Namen der Seuchenbekämpfung? Wird ASP genutzt, um bestehende jagdpolitische Forderungen, mehr Abschuss, mehr Technik, mehr Eingriff, durchzusetzen? Wie konsequent werden nicht-jagdliche Massnahmen wie Abfallmanagement, Kontrolle von Fleischtransporten und Informationskampagnen umgesetzt?
Alternativen: Prävention ohne Jagdspirale
Es gibt zahlreiche Ansatzpunkte, ASP-Risiken zu senken, ohne die Jagdspirale weiter anzutreiben: strengere Kontrollen beim Import von Fleischprodukten, konsequente Aufklärung von Reisenden, sichere Entsorgung von Speiseresten sowie gezielte Biosicherheitsmassnahmen in der Schweinehaltung. Frühzeitige Meldesysteme, Schulungen für Landwirtschaftsbetriebe und Verkehrsbetriebe sowie eine ökologisch verträgliche Gestaltung von Lebensräumen können helfen, das Seuchengeschehen zu begrenzen, ohne Wildschweine primär als «Seuchenvektor» zu stigmatisieren.
Die bekannten Ausbreitungswege der Afrikanischen Schweinepest sind Jagdtouristen und Fleischkonsumierende, die kontaminierte Nahrungsreste in der Landschaft hinterlassen.
Wildschweine sind in der Praxis praktisch nie direkt im Stall bei Hausschweinen, sie fallen damit als unmittelbare Stall-«Einbrecher» weg. Entscheidend ist der indirekte Weg: Virus zirkuliert in Wildschweinbeständen draussen, wird dann über kontaminierte Schuhe, Fahrzeuge, Futter, Einstreu, Werkzeuge oder Fleischprodukte durch Menschen in die Hausschweinehaltung hineingetragen.
Direkte Übertragung
Der direkte Übertragungsweg erfolgt durch Kontakt von infizierten zu nicht infizierten Schweinen, vor allem über Blut, aber auch Speichel, Sekrete und Sperma. Typisch ist der Kontakt mit Kadavern oder verletzten Tieren, Aasfressen und Rangkämpfe innerhalb der Rotte.
Indirekte Übertragung
Der indirekte Weg umfasst die Aufnahme von kontaminierten Fleischprodukten und Speiseresten (Rohwurst, Schinken, nicht durchgegartes Fleisch), die von infizierten Schweinen stammen. Ebenso kritisch ist der Kontakt mit kontaminierten Gegenständen: Fahrzeuge, Jagdausrüstung, Schuhe, Kleidung, Werkzeuge, Futtermittel oder Einstreu, auf denen Viruspartikel haften. In Kadavern und verarbeiteten Fleischprodukten kann das Virus über Monate infektiös bleiben, besonders bei Kälte und Feuchtigkeit.
Rolle des Menschen
Menschen können sich nicht anstecken, spielen aber für «Sprungübertragungen» über grosse Distanzen die Schlüsselrolle (Reiseproviant, Wurstbrote an Rastplätzen, Jagdtourismus, Transport von Trophäen und Fleisch). Innerhalb von Wildschweinpopulationen verläuft die Ausbreitung eher langsam im Rahmen der normalen Bewegungsradien; die sprunghaften neuen Herden entstehen fast immer durch jagdliche Aktivitäten.
Die Hauptverantwortung für die Verschleppung von Virusmaterial zwischen Wildschweinrevieren liegt nicht bei Spaziergängern, sondern bei jagdlichen Aktivitäten: Wer regelmässig mit Blut, Kadavern und Wildbret arbeitet, trägt ein hohes Übertragungsrisiko und viele dieser Personen stehen gleichzeitig in engem Kontakt zur Nutztierhaltung.
Statt ASP nur als veterinärmedizinische Herausforderung zu behandeln, kann die Seuche als Brennglas für unseren generellen Umgang mit Wildtieren gelesen werden: Veterinärbehörden, Agrarlobbys und Jagdverbände definieren, was als «Risiko» gilt, und rücken Wildschweine fast ausschliesslich als Schadenverursacher in den Vordergrund, während ihre ökologische Rolle und ihr Eigenwert als fühlende Lebewesen ausgeblendet bleiben. So lassen sich «Krisen» politisch nutzen, um weitreichende Eingriffe zu legitimieren, von grossflächigen Drückjagden über Abschussprämien bis zu immer dichteren Kontroll- und Verwaltungssystemen, die Hobby-Jagd als angeblich alternativlosen Schutzdienst inszenieren.
Eine tiergerechtere Politik würde hier ansetzen, Gefahrenanalysen unabhängiger und transparenter gestalten, nicht-tödliche Präventionsmassnahmen konsequent priorisieren und Wildtiere in Gesetzgebung und Vollzug nicht länger primär als Störfaktor, sondern als Mitbewohner von Ökosystemen betrachten; dazu gehören strengere Regeln für den internationalen Fleischverkehr, wirksame Aufklärung statt Symbolpolitik auf dem Rücken der Wildschweine und rechtliche Leitplanken, die Hobby-Jagd nicht automatisch zur Lösung, sondern auch als Teil des Problems in die Diskussion einbeziehen.
Konkrete Vorschläge zu nicht-tödlichen Massnahmen, von Entsorgungssystemen bis zu edukativen Kampagnen, haben wir im Beitrag «Wirksame Alternativen zur Hobby-Jagd gegen die Afrikanische Schweinepest» zusammengefasst.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →