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Jagd

Hobby-Jäger als falsche Wildtierexperten

Pascal Wolf hat in mehr als 12 Kantonen Petitionen für ein Fuchsjagdverbot eingereicht. Die Reaktion der Luzerner Zeitung zeigt exemplarisch, wie Medien Jagdlobby-Narrative unkritisch übernehmen – obwohl der Petitionstext wasserdichte Wissenschaft liefert.

Redaktion Wild beim Wild — 17. März 2026

Ein Luzerner Jurist namens Pascal Wolf hat in mehr als 12 Kantonen, darunter Zug, Basel-Landschaft und Luzern, Petitionen für ein Ende der Rotfuchs-Jagd eingereicht.

In Bern hat Kantonsrat von Arx auf dieser Grundlage bereits eine Motion eingereicht. Kantonsrätin Sabine Hesselhaus engagiert sich im Luzerner Parlament. Und die Kantone Zug und Basel-Landschaft haben wissenschaftliche Abklärungen eingeleitet.

Das ist ein bemerkenswerter Erfolg für einen Einzelkämpfer ohne Verbandsrücken. Und trotzdem lauten die Schlagzeilen: «Die Fuchsjagd verbieten? Nicht nur Jäger sind dagegen» (Luzerner Zeitung) und «Baselland beschäftigt sich mit Fuchsjagd-Petition, Amt stellt Abklärung in Aussicht» (Oberbaselbieter Zeitung). Der Ton: skeptisch. Die Stimmen: Hobby-Jägerschaft und Verwaltung. Die Wissenschaft: marginal.

Was Wolf tatsächlich fordert

Wolfs Petition verlangt keine sofortige Abschaffung der Fuchsjagd. Sie verlangt etwas Bescheideneres und juristisch Unausweichliches: dass der Regierungsrat prüft und berichtet, ob es überhaupt eine wissenschaftliche Grundlage für die Fuchsjagd gibt.

Die Petition listet sechs konkrete Prüfaufträge, gestützt auf Studien aus der Wildtierbiologie, Parasitologie und Epidemiologie. Die wichtigsten Befunde: Tollwut wurde in der Schweiz durch Impfköder eliminiert, nicht durch Hobby-Jagd (BAG). Fuchsbandwurm lässt sich nur durch Entwurmungsköder wirksam reduzieren; Hobby-Jagd ist wirkungslos (König et al. 2019, Comte et al. 2013, Takahashi et al. 2013). Staupe und Räude: Hobby-Jagd ist kontraproduktiv, weil das Töten territorialer Tiere zu erhöhter Zuwanderung und schnellerer Krankheitsausbreitung führt (Prentice 2012). Fuchspopulationen bleiben trotz intensiver Hobby-Jagd stabil, Zuwanderung und erhöhte Reproduktion gleichen Abschüsse rasch aus (Kämmerle et al. 2019, Baker et al. 2002). Der Rückgang von Bodenbrütern und Hasen ist wissenschaftlich auf Lebensraumverlust und intensive Landwirtschaft zurückzuführen, nicht auf Füchse (Knauer et al. 2010, Spaar et al. 2012). Und die Hobby-Jagd destabilisiert Territorien und erhöht das Wanderverhalten, was die Verkehrsunfallrate eher steigert.

Das ist kein Aktivismus. Das ist dokumentierte Wissenschaft. Und Wolf lieferte dem Journalisten alle Quellen mit direkten Hyperlinks.

Der Zeitungsartikel: Was fehlt

Chefreporter Alexander von Däniken von der Luzerner Zeitung hatte die vollständige Petition, alle wissenschaftlichen Quellen und Wolfs schriftliche Antworten. Wolf bat explizit darum, die Darstellung der Äusserungen vor Publikation gegenlesen zu dürfen. Von Däniken lehnte ab mit dem Hinweis, schriftliche Antworten müsse man nicht autorisieren lassen.

Was im Artikel erschien: ein Zitat vom Jagd-Verbandsfunktionär Fabian Stadelmann, positioniert als sachliche Gegenstimme. Die Wissenschaft: kaum präsent. Das Beispiel Genf (50 Jahre ohne Fuchsjagd, keine nennenswerten Probleme): marginal. Luxemburg: nicht erwähnt.

Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Strukturproblem.

Manchmal ist es besser, gar keine Auskunft mehr zu geben, als eine, die einen trotz wissenschaftlicher Fakten in ein schlechtes Licht rückt und letztlich nur plumpe Hobby-Jäger-Propaganda befördert. Wenn CH Media den Artikel hinter ihrer Paywall versteckt und selbst Pascal Wolf, der der Redaktion das gesamte wissenschaftliche Fundament geliefert hat, nur gegen Bezahlung Zugang erhält, stellt sich die Frage, warum man überhaupt noch kooperieren sollte.

Wir kennen dieses Muster zur Genüge, auch von CH Media: Man investiert als Quelle Zeit, Energie und Ressourcen, liefert sorgfältig recherchiertes Material und wird als Dank aufgefordert, ein Abo zu lösen, für einen Artikel, der die gelieferten Fakten bestenfalls halbherzig wiedergibt. wildbeimwild.com bleibt die einzige Plattform, die das vollständige Bild zeigt. Das ist kein Zufall, sondern Programm.

Wir ziehen daraus eine Konsequenz: Bei künftigen Medienkontakten halten wir von Anfang an schriftlich fest, dass wir als Informationslieferanten im Gegenzug den fertigen Artikel vor Veröffentlichung gegenlesen und zumindest das PDF erhalten. Rechtlich erzwingbar ist das nicht, aber es schafft eine klare Erwartung und macht die Asymmetrie sichtbar, wenn sie dennoch eintritt.

Der falsche Experte

Lokalpresse, Tierschutzverbände und Politik glauben bis heute, unter dem Jägerhut stehe Sachwissen bereit. Bei Naturthemen aller Art (Wolf, Fuchs, Reh, Waldzustand, Wildschweinbestände) wird reflexartig die örtliche Hobby-Jägerschaft befragt und als «Expertengruppe» vorgestellt, ohne dass ihre Interessenlage benannt wird. Das Dossier «Medien und Jagdthemen» von wildbeimwild.com analysiert diesen Mechanismus im Detail.

Das Problem beginnt bei der Ausbildung. Kurse zur Jägerprüfung werden von Personen durchgeführt, die keinen regulären Qualifikationsnachweis benötigen und ihr Wissen primär aus Jagdliteratur und Vereinstradition schöpfen, nicht aus unabhängiger Wildtierforschung. «Ich habe vor einem Jahr die Jägerausbildung im Kanton Bern abgeschlossen, die Ausbildung ist eine Schande», schreibt ein frisch geprüfter Hobby-Jäger der IG Wild beim Wild. Nach der Ausbildung bewegt sich die Hobby-Jägerschaft im Echoraum der Jagdpresse. In Jagdvereinen bestätigt man sich gegenseitig. So entsteht eine abgeschottete Gruppe, die für neue Informationen kaum zugänglich ist, aber nach aussen als «Naturkenner» auftritt. Weil diese Gruppe gut organisiert und schnell erreichbar ist, greifen Redaktionen strukturell immer wieder auf sie zurück. Nicht aus Absicht, sondern aus Gewohnheit.

Der Zeitungsbericht über Wolfs Petitionen folgt exakt diesem Muster. Der Präsident eines Revierjagd-Verbands wird als sachliche Stimme gegen das Verbot positioniert. Wissenschaftliche Gegenevidenz (Luxemburg, Kanton Genf, Nationalpark, Populationsbiologie) kommt nicht vor. Das Positionspapier von JagdSchweiz, das die Fuchsjagd als «sinnvoll und nützlich» erklärt, wird nicht hinterfragt. Die 12 häufigsten Jagdmythen werden auf wildbeimwild.com systematisch widerlegt.

Dabei ist die Faktenlage eindeutig: Luxemburg hat die Fuchsjagd 2015 abgeschafft, ohne dass die prophezeiten Katastrophen eingetreten wären. Laut offiziellen Zahlen der luxemburgischen Veterinärverwaltung ist die Fuchsbandwurm-Infektionsrate bei Füchsen von 40 Prozent (2014) auf 17,6 Prozent (2020) gesunken, also mehr als halbiert. Kein einziger Fall von alveolärer Echinokokkose beim Menschen wurde seither gemeldet. Die Luxemburger Regierung sieht keinen Grund, das Jagdverbot aufzuheben (Luxemburger Wort, 2022). Im Kanton Genf funktioniert das Wildtiermanagement seit 50 Jahren ohne Hobby-Jagd. Im Nationalpark jagt niemand und es gibt weder Fuchsplagen noch ökologische Zusammenbrüche.

Der Tierschutzverein Luzern: Wenn PR-Kommunikation Sachpolitik ersetzt

Besonders aufschlussreich ist die Position von Lea Bischof-Meier, Präsidentin des Tierschutzvereins Luzern. Laut Zeitungsberichten spricht sie sich für eine «klar geregelte Jagd» aus, also für die Beibehaltung der Fuchsjagd, die jährlich bis zu 25’000 Tieren sinnfrei und grundlos das Leben kostet. Das ist keine Tierschutzposition. Das ist Jagdlobby-Kommunikation mit Tierschutzlogo.

Ihr berufliches Profil weist sie als Politikerin und PR-Unternehmerin aus, Mitinhaberin einer Firma für «PR, Werbung und Kommunikation». Wildtierbiologie, Ökologie oder Veterinärmedizin: Fehlanzeige. Was sie hingegen mitbringt, sind zwanzig Jahre in der Lokalpolitik und ein ausgeprägtes Gespür für konsensfähige Formulierungen. Wenn eine Tierschutzorganisation ihre Position zur Fuchsjagd nicht auf wissenschaftliche Evidenz stützt, sondern auf das, was politisch anschlussfähig klingt, hat sie ihren Auftrag aufgegeben.

Pascal Wolf hat das selbst auf den Punkt gebracht: «Diese scheinen mir wenig effektiv, sonst würde der Fuchs ja wohl nicht mehr grundlos gejagt werden.» Eine Organisation, deren Präsidentin bei der offensichtlichsten Tierschutzfrage des Kantons auf der Seite der Hobby-Jägerschaft steht, bestätigt dieses Urteil eindrücklich.

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Luzern praktiziert auch die Baujagd, und niemand protestiert

Während Pascal Wolf mit seiner Petition die wissenschaftliche Grundlage der Fuchsjagd in Frage stellt, praktiziert der Kanton Luzern parallel dazu eine noch brutalere Jagdmethode: die Baujagd. Dabei werden Jagdhunde in Fuchs- und Dachsbauten geschickt, um die Tiere unter der Erde zu stellen. Sie werden bedrängt, verletzt oder ersticken im Bau, bevor sie draussen erschossen werden. Der Schweizer Tierschutz (STS) hält in seinem offiziellen Positionspapier fest: «Aus Tierschutzsicht sind die Baujagd und die Wasservogeljagd abzulehnen. Der Einsatz von Bodenhunden ist aus Tierschutzsicht nicht zu rechtfertigen.» Die Kantone Thurgau, Zürich, Bern und Waadt haben die Baujagd bereits verboten. Luzern nicht.

Im Bundesparlament liegt die Motion 23.3303 «Verbot der tierquälerischen Baujagd» vor. Auch wildbeimwild.com dokumentiert die Methode im Dossier Baujagd ausführlich. Dass ausgerechnet der Tierschutzverein Luzern unter Präsidentin Lea Bischof-Meier zu beidem schweigt, zur sinnlosen Fuchsjagd wie zur Baujagd, macht das Versagen des organisierten Tierschutzes im Kanton vollständig.

Auch Basel: Gleiche Medienlogik, gleiche Lücken

Nicht nur die Luzerner Zeitung, auch die Oberbaselbieter Zeitung, ebenfalls ein CH-Media-Titel, berichtet über Wolfs Petition. Der Artikel fasst den Petitionsinhalt korrekt zusammen, doch auch hier fehlt das Entscheidende: Die Veterinärs- und Gesundheitsdirektion Basel kündigt eine Stellungnahme erst für Juni 2026 an, keine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Wissenschaft, sondern ein Verweis auf administrative Zuständigkeit.

Das ist bezeichnend. Die kantonale Bürokratie schützt die Fuchsjagd nicht mit Argumenten, sondern mit Verfahren. Wolfs Petition hat damit genau das erreicht, was sie sollte: Sie zwingt Kantonsregierungen, sich schriftlich zu positionieren, und offenbart dabei, dass «Tradition» und «Zuständigkeit» als Antwort auf Studien und Fallbeispiele herhalten müssen.

Was Wolf selbst sagt

Im E-Mail-Verkehr mit der Luzerner Zeitung formuliert Wolf seine Haltung präzise:

«Wenn man jährlich rund 20’000 Tiere töten will, liegt die moralische Beweislast für die Rechtfertigung dafür klar bei jenen, die dies im Sinn haben.»

Und auf die Frage, wie man der eigenen Bevölkerung die Fuchsjagd erklären soll: «Wie wollen Sie denn da Ihren Kindern erklären, warum in der Schweiz jährlich 20’000 Füchse getötet werden? Ich stelle mir das schwer vor und glaube da an die Vernunft der Bevölkerung. Es soll nicht grundlos Leben genommen werden.»

Was jetzt gebraucht wird

Die Petitionen von Pascal Wolf in über 12 Kantonen sind eine seltene Gelegenheit: Ein Jurist, keine NGO, kein «Tierrechtsaktivist», stellt eine rechtsstaatliche Grundsatzfrage. Kantonsregierungen werden verpflichtet, auf wissenschaftlicher Grundlage zu antworten. Das ist der richtige Hebel. Die Mustertexte für jagdkritische Vorstösse auf wildbeimwild.com liefern konkrete Vorlagen für Petitionen, Motionen und Volksinitiativen in jedem Kanton.

Was fehlt, ist Verstärkung: von Tierschutzverbänden, von unabhängigen Wildtierbiologinnen und -biologen, von Medienschaffenden, die bereit sind, die Hobby-Jägerschaft das nächste Mal nicht als Expertengruppe, sondern als das einzuführen, was sie ist: eine Interessenpartei.

wildbeimwild.com wird die weiteren Entwicklungen in den Kantonen verfolgen und berichten.

Weiterführende Quellen

SRF DOK: Alles für die Füchse · Tagesanzeiger: Zürcher Hobby-Jäger weigert sich, gesunde Füchse zu schiessen · Dossier Medien und Jagdthemen · Nein zur Fuchsjagd · Hobby-Jäger verbreiten Krankheiten · Hobby-Jagd fördert Krankheiten · FAQ: Psychologie der Hobby-Jäger · Dossier Jagdmythen · Mustertexte für Kantonsvorstösse · Alle Dossiers

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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