Larcher kündigt seine Amtszeit als Projekt der «Daten‑Power» an: Ein österreichweit einheitliches Wildtier‑Monitoring, eine neue Wildtierdatenbank und eine internationale Jagdkonferenz unter seiner Leitung sollen den Kurs der Hobby-Jagdlobby prägen.
Nach aussen inszeniert sich die neue Spitze als moderner Service‑Partner von Politik und Verwaltung, intern geht es um die Sicherung der Definitionsmacht darüber, was als «vernünftiger» Umgang mit Wildtieren gilt.
Passend dazu verspricht Larcher ein «Miteinander aller Naturnutzer auf Basis von Respekt, Wissen und Verantwortung», eine Formel, die zugleich beruhigen und legitimieren soll, dass Jagdverbände weiterhin zentral über Wildtierpolitik mitbestimmen.
Wissenschaft als Rhetorik: «Fakten-Check» gegen Beutegreifer
Medienberichte zeichnen das Bild eines Präsidenten, der «Wissenschaft statt Emotion» zum Leitmotiv erhebt, insbesondere beim «Reizthema Grossraubwild». Ein österreichweit einheitliches Monitoring von Wolf und Bär steht laut Larcher ganz oben auf der Agenda; eine moderne Wildtierdatenbank soll lückenlose Daten liefern, mit denen die Jägerschaft in politische Entscheidungen eingreifen kann. Schon heute laufen die Monitoringdaten für grosse Beutegreifer beim Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs zusammen, das die Meldungen der Bundesländer bündelt und daraus Verbreitungskarten sowie Statusberichte erstellt.
Genau hier verschiebt sich die Machtfrage: Wer definiert, was diese Daten bedeuten, ab wann ein Wolf als «Schadwolf» oder «Risikowolf» gilt und welche Massnahmen politisch «alternativlos» erscheinen? Naturschutzorganisationen kritisieren, dass in Österreich ohnehin schon eine Tendenz zu erleichterten Abschussregelungen besteht, während Monitoring, Herdenschutz und Öffentlichkeitsarbeit personell unterausgestattet bleiben. Unter dem Schlagwort «Wissenschaft statt Emotion» wird damit ausgerechnet jene Seite gestärkt, die ein unmittelbares Interesse an Abschussfreigaben und jagdlichen Eingriffen hat.
Wissenschaft statt Emotion? Bei der Hobby-Jagd ist das eine Leerformel
In der Praxis zeigt sich: Wo «Jagd Österreich» und andere Verbände von «Wissenschaft statt Emotion» sprechen, geht es selten um unabhängige Ökologie, sondern um die Absicherung bestehender Abschussinteressen. Jagdkritische Fachleute und Ökologen weisen seit Jahren darauf hin, dass sich Wildtierpopulationen in stabilen Lebensräumen weitgehend selbst regulieren. In jagdfreien Gebieten wie dem Schweizer Nationalpark, italienischen Nationalparks, der Insel Tilos oder dem Kanton Genf kam es zu keiner «Wildtierexplosion». Gleichzeitig dokumentieren internationale Berichte wie der WWF‑Living‑Planet‑Report einen dramatischen Rückgang vieler Wirbeltierbestände. Das Problem sind Lebensraumverlust, Landwirtschaft, Hobby-Jagd und Klimakrise, nicht ein angeblicher Mangel an Hobby-Jägern.
In Luxemburg ist die Fuchsjagd seit 2015 verboten, ohne dass irgendeines der Schreckensszenarien eingetreten wäre, mit denen die Jägerschaft vorher gedroht hat. Umweltministerin Carole Dieschbourg stellte im Parlament klar, dass es keine Hinweise auf eine Zunahme der Fuchspopulation gibt; Monitoring und Wildkameras zeigen eher stabile Bestände. Weder kam es zu «Fuchsexplosionen» noch zu mehr Schäden in Landwirtschaft oder Siedlungen; Natur- und Forstverwaltung berichten von keinen Problemen durch das Fuchsjagdverbot. Beim Fuchsbandwurm zeigt sich sogar ein positiver Effekt: Der Anteil infizierter Füchse sank nach Angaben der zuständigen Behörden von etwa 40 Prozent auf unter 10 Prozent, während Studien aus stark bejagten Gebieten teils höhere Infektionsraten finden.
Das biologisch zentrale Argument lautet: Wo Lebensräume intakt sind, regulieren sich Populationen über Geburtenraten, Reviergrössen, Sozialstrukturen und natürliche Sterblichkeit, ohne dass Menschen «nachhelfen» müssen; Übernutzung, Zerschneidung und Fütterung durch Menschen erzeugen die Konflikte, die Hobby-Jäger später als Beleg für ihre Unentbehrlichkeit verkaufen. Wenn Larcher in diesem Kontext «Daten» und «Monitoring» als neue Jagd‑Wissenschaft präsentiert, dann oft selektiv: Im Fokus stehen ein paar symbolisch aufgeladene Arten wie Wolf, Bär oder Wildschwein, während der Rückgang unzähliger anderer Arten – von Feldhase bis Rebhuhn – trotz jahrzehntelanger Hobby-Jagd weitergeht oder gerade durch Bejagung verstärkt wird. Aus wissenschaftlicher Sicht spricht deshalb vieles dafür, dass der überwiegende Teil der Wildtiere in Mitteleuropa keine jagdliche Regulierung braucht, sondern Ruhe, Lebensräume und ein Ende der künstlich erzeugten Probleme, die die Hobby-Jagd dann «lösen» will.
Monitoring als Sicherheits- und Ordnungspolitik
Larchers Ziel ist ein einheitliches Monitoring‑System, das alle Bundesländer einbindet und als gemeinsame Plattform für Wolf‑ und Bärdaten dient. Offiziell sollen diese Informationen «faktenbasierte» Entscheidungen ermöglichen und zugleich EU‑Berichtspflichten erfüllen. De facto entsteht damit ein permanentes Beobachtungsregime über ausgewählte Beutegreifer, während andere Stressfaktoren für Ökosysteme – vom Tourismusdruck bis zur Forstpraxis – im Schatten bleiben.
Das Risiko liegt darin, dass Monitoring vor allem als Frühwarnsystem für Eingriffe dient: Je dichter das Netz an Daten, desto leichter lassen sich Argumente für «präventive» Abschüsse, Schutzjagden oder Zonierungen konstruieren. Schon jetzt zeigt der Naturschutzbund, wie schnell Wölfe zu «Schadwölfen» erklärt werden können, wenn politische und ökonomische Interessen vor Artenschutz gestellt werden. Unter einer Jagdlobby, die sich als Sicherheits‑ und Ordnungsmacht inszeniert, werden Wolf und Bär nicht als Rückkehrer in ein Ökosystem, sondern als Sicherheitsproblem gemanagt.
Hier schliesst der österreichische Diskurs direkt an Schweizer Debatten an, in denen Beutegreifer ebenfalls durch Jagdverwaltungen und Bewilligungen in Regulierungsobjekte verwandelt werden – ein Thema, das wildbeimwild.com in Dossiers zu Wolf, Luchs und Bär schon seit Jahren aufarbeitet.
Verschärftes Waffengesetz – Beruhigungspille oder reale Kontrolle?
Parallel zur Neuaufstellung der Jagdlobby werden in Österreich die Waffengesetze in zwei Etappen verschärft. Erste Änderungen traten bereits im November 2025 in Kraft und betreffen etwa einen verbesserten Informationsaustausch der Behörden und verlängerte «Abkühlphasen» beim Waffenkauf. Eine zweite Welle folgt Mitte 2026: Das Mindestalter für den Erwerb von Schusswaffen wird angehoben, die Polizei erhält erweiterte Kontrollbefugnisse, private Waffenverkäufe werden strenger reguliert, und für Kategorie‑B‑Waffen steigt das Regelalter auf 25 Jahre, mit Sonderregeln für Jäger.
Aus Sicht der Jagdverbände werden diese Verschärfungen als «kein Problem für gut ausgebildete Jäger» verkauft, im Kern sollen sie vor allem problematische Privatwaffenbesitzer treffen. Damit entsteht der Eindruck eines sichereren Waffenrechts, während die zentrale Frage unangetastet bleibt, wie viele Menschen überhaupt mit Jagdwaffen in Feld, Wald und Dorf unterwegs sein sollen und wie konsequent Alkohol, psychische Eignung und Verstösse kontrolliert werden. Jagd bleibt in dieser Logik eine verlässliche Ausnahmezone: streng geprüft, gut organisiert, staatlich anerkannt – und gerade dadurch politisch schwer angreifbar.
Jagdwaffen, Familiendramen und das verschärfte Waffenrecht
Die Inszenierung der Jägerschaft als besonders «verlässliche» und «verantwortungsvolle» Waffenträger bekommt Risse, sobald man die Gewaltbilanz mit legalen Jagdwaffen betrachtet. Immer wieder tauchen in Polizei‑ und Medienmeldungen Fälle auf, in denen Hobby-Jäger im Endstadium ihre Familien bedrohen, Partnerinnen verletzen oder ganze Familien mit Jagdwaffen auslöschen. Oft in Situationen, in denen psychische Krisen oder Alkohol längst bekannt waren. Jagdkritische Plattformen wie «Abschaffung der Jagd», Tierschutzorganisationen und auch Portale wie wildbeimwild.com dokumentieren seit Jahren eine Chronik von Unfällen, Drohungen und Tötungsdelikten mit Jagdwaffen, die das Narrativ vom harmlosen «Hobby» konterkariert.
Die jüngste Reform des österreichischen Waffenrechts wird offiziell mit «Anlassfällen» begründet: einem Amoklauf mit legal besessenen Waffen, mehreren tödlichen Eskalationen im privaten Umfeld und der Erkenntnis, dass vorhandene Warnsignale waffenrechtlich folgenlos blieben. Entsprechend sieht die Novelle strengere psychologische Abklärungen, längere Wartezeiten und eine verschärfte Prüfung der «Verlässlichkeit» vor, auf dem Papier ein Schritt hin zu mehr Vorsicht. Gleichzeitig wurden im parlamentarischen Prozess Ausnahmen und Erleichterungen für Hobby-Jägerinnen und ‑Jäger, Sportschützen und Schützenvereine abgesichert; Innenpolitiker betonen, dass gut ausgebildete Hobby-Jäger von vielen Einschränkungen kaum betroffen seien.
Damit entsteht ein doppelter Widerspruch: Einerseits dienen Tötungsdelikte und Amokläufe mit legalen Waffen als Begründung für schärfere Gesetze, andererseits bleibt ausgerechnet jene Gruppe privilegiert, die Zugang zu besonders durchschlagskräftigen Waffen im Gelände hat und deren Gewaltpotenzial im familiären Umfeld bestens dokumentiert ist. In der Praxis bedeutet das: mehr Bürokratie für einzelne Problemfälle, aber weiterhin breite politische Schonung für die organisierte Hobby-Jagd. Für eine kritische Plattform wie wildbeimwild.com ist genau hier der Punkt, an dem Jagdpolitik nicht nur als Natur‑, sondern als Sicherheits‑ und Gewaltpolitik sichtbar wird und an dem klar wird, dass die Frage nach Wolf und Bär untrennbar mit der Frage verbunden ist, wem der Staat Waffen in die Hand gibt und unter welchen Bedingungen er wegschaut.
In Österreich fordern mehrere Tierschutzorganisationen, dass Hobby-Jägerinnen und -Jäger künftig einen verpflichtenden psychologischen Eignungstest (Psychotest) absolvieren müssen, da sie bisher von solchen Prüfungen weitgehend ausgenommen sind.
Internationale Jagdkonferenz: Export eines Modells
Für 2026 ist eine internationale Jagdkonferenz unter Vorsitz von Larcher geplant, mit der «Erfahrungen geteilt» und «gemeinsame europäische Lösungen» entwickelt werden sollen. Offiziell geht es um den Austausch zu Wildtiermanagement, Lebensräumen und Naturnutzern; implizit exportiert Österreich damit sein Modell einer eng mit Staat und Landwirtschaft verzahnten Hobby-Jagd, die sich über Daten, Monitoring und Sicherheitsrhetorik legitimiert.
Für eine kritische Wildtierplattform stellt sich die Frage, ob hier ein europäischer Standard vorbereitet wird, bei dem Jagdverbände die Rolle von quasi‑behördlichen Akteuren übernehmen, mit Zugriff auf Datenbanken, Mitspracherecht bei Managementplänen und direktem Draht zur Gesetzgebung. Die Erfahrung aus der Schweiz zeigt, wie schnell sich eine solche Machtposition gegen Beutegreifer, gegen wissenschaftliche Minderheitsstimmen und gegen konsequenten Wildtierschutz wenden kann.






