Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Waadt
Im Kanton Waadt wird Wildtierpolitik mit zwei Gesichtern betrieben: Nach aussen gibt man sich als progressiven Umweltkanton, der Wolfswilderei verurteilt und Schutzgebiete ausweist. Nach innen werden Abschusskontingente erfüllt, Rudel-Leittiere geschossen und Wolfsgegner mit interkantonalen Petitionen hofiert. Dieser Widerspruch ist kein Betriebsunfall. Er ist Programm.
Juristisch pikant ist dabei: Im Kanton Waadt wurde im Rahmen der vom Bund seit 1. Dezember 2024 genehmigten Präventivabschüsse gezielt das Leittier des Rudels am Mont-Tendre anvisiert. Abschüsse von Leittieren sind weitaus folgenschwerer als Abschüsse von Jungtieren, weil sie zur Auflösung ganzer Rudel führen können. Das ist keine Regulation. Das ist zielgerichtete Zerstörung einer sozialen Struktur.
Die irrsinnige Jagd auf Wölfe in der Schweiz
Wolfswilderei als Symptom einer Jagdkultur
Anfang 2024 wurden in der Broye, nahe Avenches, die Überreste eines geschossenen Wolfes gefunden, ein 32 Kilogramm schwerer männlicher Wolf, illegal getötet mit einer Schusswaffe, etwa eine Woche vor dem Auffinden. Der Staatsrat verurteilte die Wilderei öffentlich und erstattete Strafanzeige. Einen Täter gibt es bis heute nicht.
Psychologisch ist dieser Fall aufschlussreich, nicht wegen der Tat selbst, sondern wegen des Klimas, das sie ermöglicht. Wer in einer Region, in der interkantonale Petitionen zur Eliminierung von Wolfspopulationen eingereicht werden, einen Wolf illegal erschiesst, handelt nicht im gesellschaftlichen Vakuum. Er handelt in einem Milieu, das Wölfe als Feinde definiert und Abschuss als legitime Antwort normalisiert hat. Die offiziellen Verurteilungen ändern nichts an diesem Klima, solange die politische Kommunikation dasselbe Feindbild bedient.
Wilderei von Wolf im Kanton Waadt
Petitionen als politisches Druckmittel
Am 9. März 2023 wurde bei der Staatskanzlei des Kantons Freiburg eine interkantonale Petition von Wolfsgegnern eingereicht, die sich auch an den Kanton Waadt richtete und Sofortmassnahmen zur Eliminierung der Wölfe in der Region der Broye forderte. «Eliminierung» ist kein biologischer Begriff, sondern ein politischer: Er markiert den Wolf nicht als Wildtier in einem Ökosystem, sondern als Problem, das beseitigt werden muss.
Psychologisch funktionieren solche Petitionen als kollektive Aggressionslenkung. Wer unterschreibt, gehört zur Gruppe der Betroffenen und der Handlungsfähigen. Wer nicht unterschreibt, stört die Gemeinschaft. Die Petition schafft sozialen Druck, der weit über den administrativen Wert der Unterschriften hinausgeht: Sie normalisiert die Forderung nach Ausrottung als Ausdruck demokratischer Beteiligung. Für eine sachliche Wildtierpolitik, die sich an Wissenschaft und Verhältnismässigkeit orientiert, ist das ein Rückschritt in feudale Denkstrukturen.
Wolfsgegner erleiden Schiffbruch
Drei Rudel und die Mathematik des Abschusses
Im Kanton Waadt gibt es drei Wolfsrudel im Waadtländer Jura. Bis zum Zeitpunkt des Wildereifundes Anfang 2024 wurden im Kanton bereits sechs Wölfe durch Regulierungsabschüsse getötet. Hinzu kommen die Abschüsse im Jurabogen, wo die Gruppe Wolf Schweiz (GWS) rechtswidrige Abschüsse dokumentierte: Leittiere der Rudel Marchairuz und Risoux wurden 2022 getötet, was die gesamten regionalen Wolfsbestände akut gefährdete.
Aus wildtierschützender Perspektive ist diese Abschussmathematik beunruhigend. Wenn in einem kleinen Perimeter drei Rudel existieren und gleichzeitig Leittiere abgeschossen, Präventivabschüsse genehmigt und Wilderer aktiv sind, dann ist die Frage nicht mehr, ob, sondern wann diese Rudel kollabieren. Dass dieser Kollaps in der politischen Kommunikation des Kantons Waadt nicht als Risiko, sondern als implizites Ziel erscheint, ist das eigentliche Skandalon.
Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd
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Patentjagd und das Theater der Regulierung
Die Waadtländer Patentjagd folgt dem schweizweit bekannten Schema: Kauf eines Patents, Zugang zum gesamten Kantonsgebiet, Abschuss einer festgelegten Anzahl Tiere innerhalb einer begrenzten Saison. Was administrativ übersichtlich wirkt, hat ökologisch fundamentale Schwächen: Die zeitliche Verdichtung des Jagddrucks auf wenige Herbstwochen erzeugt Massenpanik und Stresswellen im Wildtierbestand, die sich auf Winterüberleben und Reproduktion auswirken.
Psychologisch bietet das Patentsystem der Hobby-Jägerschaft eine bequeme Legitimation: Man hat bezahlt, also hat man Anrecht. Das Patent adelt das Töten als Rechtsakt. Dass das betroffene Tier kein Vertragspartner ist und seine «Entnahme» aus rein freizeitlichen Motiven erfolgt, bleibt ausgeblendet. Die Verwaltungssprache tut ihr Übriges: «Kontingent», «Erfüllungsgrad» und «Strecke» ersetzen die Wörter Tier, Schmerz und Tod. So entsteht ein System, das sich moralisch immun gestellt hat, indem es seine eigene Sprache kontrolliert.
Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert
Die Romandie und die schlafende Kritik
Der Kanton Waadt liegt in der Romandie, also in jenem Teil der Schweiz, dem man eine grössere Offenheit für Tierschutzdebatten zuschreiben könnte. Genf hat die Jagd vollständig verboten und funktioniert. Neuenburg und der Jura kennen ebenfalls jagdkritische Stimmen. Die Waadt hingegen agiert trotz dieser geografischen Nachbarschaft zu einem jagdfreien Kanton so, als wäre das Genfer Modell inexistent.
Psychologisch ist dieses Schweigen aufschlussreich. Das Genfer Modell widerlegt die Kernthese, ohne Hobby-Jägerschaft brächen Wildtierbestände und landwirtschaftliche Strukturen zusammen. Es wäre ein naheliegendes Argument für jeden jagdkritischen Vorstoss im waadtländischen Parlament. Dass es kaum je verwendet wird, deutet auf ein politisches Milieu hin, in dem jagdliche Interessen tief in die Verwaltung und die politischen Netzwerke eingeschrieben sind, und jagdkritische Argumente systematisch aus dem Overton-Fenster gedrängt werden.
Initiative fordert «Wildhüter statt Hobby-Jägerschaft»
Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten
Waadt als Spiegel einer gespaltenen Wildtierpolitik
Die Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Waadt ist kein lokaler Sonderfall, sondern ein Brennglas für den Widerspruch zwischen öffentlichem Schutzversprechen und privatem Jagdprivileg. Wolfswilderei ohne Täterschaft, rechtswidrige Abschüsse von Leittieren, interkantonale Eliminierungspetitionen und eine Patentjagd, die Tiere als Kontingente verwaltet: Das fügt sich zu einem Bild von institutioneller Doppelmoral und politischer Feigheit.
Wo Wissenschaft, Tierethik und demokratische Kontrolle ernst genommen würden, müsste dieses System grundlegend hinterfragt werden. Eine verantwortungsvolle Öffentlichkeit im Kanton Waadt hätte das Genfer Modell längst als Massstab gesetzt. Stattdessen schaut man weg, unterschreibt Petitionen und nennt es Wildtiermanagement.
Die Schweiz jagt, aber warum eigentlich noch?
Studien über die Auswirkung der Hobby-Jagd auf Wildtiere
Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd
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