Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Uri
Uri ist ein Kanton, in dem die Hobby-Jagd nicht bloss ausgeübt, sondern als alpines Erbe verteidigt wird. Die Berge, die Tradition, die Gemeinschaft: Alles verschmilzt zu einem Identitätssystem, in dem Kritik nicht als Anregung gehört, sondern als Angriff auf die eigene Lebensform erlebt wird. Psychologisch entsteht so ein Abwehrdispositiv, das sich über Volksabstimmungen, politische Eskalation und rituelle Selbstbestätigung stabilisiert.
Im Kanton Uri gilt die Patentjagd.
Die Hochwildjagd beginnt jeweils Anfang September, die Niederwildjagd Mitte Oktober. Pro Patent darf eine bestimmte Anzahl Tiere erlegt werden. Die Jagdzeit ist auf wenige Wochen beschränkt, doch die psychologische Wirkung reicht weit darüber hinaus. Wer in Uri jagt, versteht sich als Teil einer Ordnung, die das Verhältnis zwischen Mensch und Berg seit Generationen regelt. Genau diese Selbstwahrnehmung macht das System so resistent gegen Veränderung.
Sonderjagd und Nachjagd: Eskalation als Dauerzustand
Jedes Jahr aufs Neue zeigt sich im Kanton Uri dasselbe Muster: Die ordentliche Hochwildjagd reicht nicht aus, um die behördlich festgelegten Abschussrichtzahlen beim Rothirsch zu erreichen. 2024 wurden während der Hochwildjagd 264 Hirsche erlegt, doch die Zahl der erlegten weiblichen Hirsche lag kantonsweit um 145 Tiere unter der Sollvorgabe. In allen vier Jagdregionen des Kantons wurde deshalb erneut eine Nachjagd angeordnet. 2025 wiederholte sich das Szenario: Nur 218 Hirsche wurden erlegt, noch weniger als im Vorjahr.
Psychologisch ist diese Struktur aufschlussreich. Die Nachjagd wird nicht als Versagen des Systems gelesen, sondern als Beweis für dessen Notwendigkeit. Je weniger die ordentliche Jagd bewirkt, desto mehr wird ihre Verschärfung gefordert. Es greift ein klassischer Kontrollreflex: Wenn die Massnahme nicht wirkt, wird nicht die Massnahme hinterfragt, sondern die Intensität erhöht. Das schützt das Selbstbild der Hobby-Jägerschaft als wirksame Ordnungsmacht.
Besonders problematisch ist die zeitliche Lage der Nachjagd. Sie beginnt im November und kann sich bis in den Dezember ziehen. In einem Leserbrief wies Karl Mattli darauf hin, dass Hirschkühe zu diesem Zeitpunkt bereits im dritten Monat trächtig sind und noch in Begleitung ihres Frühjahreskalbs. Die Sonderjagd greift also in eine biologisch hochsensible Phase ein. Die Tiere befinden sich zudem bereits im Wintereinstand und haben ihren Stoffwechsel heruntergefahren. Werden sie durch Schüsse in die Flucht getrieben, müssen sie den Stoffwechsel innert kürzester Zeit auf Hochtouren bringen, was zu erhöhtem Energieverbrauch und in der Folge zu mehr Verbissschäden führt.
Hier zeigt sich ein Paradox, das psychologisch zentral ist: Die Hobby-Jagd erzeugt genau die Schäden, die sie zu bekämpfen vorgibt. Die starke Bejagung treibt Wildtiere in den Wald, wo sie mangels Gräsern und Kräutern an Baumknospen knabbern. Die Verbissschäden steigen, was wiederum als Begründung für noch mehr Jagd dient. Dieser selbstverstärkende Kreislauf wird von der Jagdverwaltung nicht thematisiert, sondern unsichtbar gemacht. Psychologisch handelt es sich um ein geschlossenes Legitimationssystem, das seine eigenen Fehler als Bestätigung seiner Notwendigkeit umdeutet.
Gemetzel auf der Sonderjagd im Kanton Uri
Beutegreifer-Initiative: Wenn Angst zur Verfassung wird
Ein Schlüsselereignis für das Verständnis der Jagdpsychologie in Uri ist die Volksinitiative «Zur Regulierung von Grossraubtieren», die am 10. Februar 2019 mit 70,2 Prozent Zustimmung angenommen wurde. Der vom Bauernverband lancierte Vorstoss verlangte, dass der Kanton Vorschriften zum Schutz vor Beutegreifern und zur Bestandsregulierung erlässt. Die «Förderung des Grossraubtierbestands» sollte verboten werden.
Psychologisch ist diese Abstimmung weniger als politische Massnahme denn als kollektive Unmutsbekundung zu lesen. Denn in der Praxis änderte sich durch die Annahme nichts: Die Forderungen waren bereits weitgehend in der geltenden Gesetzgebung erfüllt, und die Kantone haben keinen Spielraum für eine eigene Beutegreifer-Politik. Der WWF Uri sprach von der «Unsinnigkeit der Initiative» und wies darauf hin, dass der Kanton Uri den Spielraum bereits maximal ausschöpfe. Selbst der zuständige Regierungsrat Dimitri Moretti räumte ein, dass man «abwarten» müsse, bis die eidgenössische Gesetzgebung revidiert sei.
Was die Initiative psychologisch offenbart, ist ein tiefes Bedrohungserleben, das sich nicht durch sachliche Argumente auflösen lässt. Wolf, Bär und Luchs werden nicht als Rückkehrer in ein Ökosystem wahrgenommen, sondern als Eindringlinge in eine geordnete Welt. Die Formulierung «Förderung des Grossraubtierbestands ist verboten» zeigt eine Täter-Opfer-Umkehr: Nicht das Wildtier wird geschützt, sondern die menschliche Ordnung vor dem Wildtier. In Unterschächen stimmten 96,1 Prozent für die Initiative, in Isenthal 93,2 Prozent, in Spiringen 88,8 Prozent. Je ländlicher, je alpiner, desto stärker die Zustimmung.
Psychologisch wirkt hier ein Mechanismus, den die Sozialpsychologie als Bedrohungsreaktanz beschreibt: Je stärker das eigene Territorium und die eigene Autonomie als bedroht erlebt werden, desto härter fällt die Gegenreaktion aus. Die Initiative war kein Instrument der Problemlösung, sondern ein Ventil für ein diffuses Kontrollverlustgefühl. Der Bauernverbandspräsident Wendelin Loretz sprach bezeichnenderweise von einem «Warnruf oder gar einem Hilfeschrei an den Bund». Das ist die Sprache der Bedrohung, nicht der Sachpolitik.
Uri: Volksinitiative gegen Wolf, Bär und Luchs
Schneehühner und Schneehasen: Wenn Artenschutz verliert
Ein weiteres psychologisch aufschlussreiches Ereignis ist die Volksinitiative «Schneehuhn und Schneehase leben lassen», über die das Urner Stimmvolk am 18. Mai 2025 abstimmte. Die Initiative forderte ein Jagdverbot für Schneehasen und Schneehühner, deren Bestände nachweislich rückläufig sind und die auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen. Schweizweit wurden 2023 noch 244 Schneehühner und 837 Schneehasen durch die Hobby-Jagd getötet.
Die Initiative wurde abgelehnt. Psychologisch ist das Ergebnis mindestens so relevant wie das der Beutegreifer-Abstimmung. Denn hier ging es nicht um eine abstrakte Bedrohung durch Beutegreifer, sondern um eine konkrete Frage: Sollen bedrohte Arten weiterhin zum Vergnügen bejagt werden dürfen? Die Antwort war Ja, und das in einem Kontext, in dem selbst der Kanton Tessin die Schneehuhnjagd bereits 2021 eingestellt hatte.
Die Argumentation der Jagdlobby ist dabei psychologisch aufschlussreich. Der Altpräsident des Urner Jägervereins argumentierte sinngemäss, die Hobby-Jägerschaft sei keine Bedrohung, sondern Schützerin der Natur. Ein pauschales Verbot würde eine «essenzielle Praxis des Naturschutzes schwächen». Hier zeigt sich das zentrale Deutungsmuster: Töten wird als Schützen gerahmt, und wer das Töten infrage stellt, gefährdet angeblich den Schutz. Diese semantische Inversion ist ein klassisches Beispiel für kognitive Dissonanzreduktion.
Volksinitiative für den Schutz von Schneehuhn und Schneehasen
Wolfsabschuss 2022: Kontrolle über alles
Im Mai und Juni 2022 verfügte die Sicherheitsdirektion Uri den Abschuss eines Wolfes, nachdem in der Gemeinde Wassen mindestens 5 Ziegen und 13 Schafe gerissen worden waren. Der Verein CHWolf verurteilte die Abschussbewilligung scharf und argumentierte, sie entspreche nicht der geltenden Bundes-Jagdverordnung. Insbesondere seien 7 der gerissenen Schafe auf ungeschützten Flächen gehalten worden und dürften daher dem «Abschusskontingent» nicht zugeordnet werden.
Psychologisch ist die Episode auf mehreren Ebenen relevant. Erstens zeigt sie, wie schnell der Reflex zur Tötung greift, sobald ein Beutegreifer sichtbar wird. Zweitens offenbart die Reaktion ein Herdenschutzdefizit: Nach fünf Jahren Konzeptarbeit im «Alpkonzept Oberes Reusstal» war offenbar kein wirksamer Herdenschutz etabliert. Statt diese Lücke zu problematisieren, wurde die Verantwortung auf den Wolf verlagert. Drittens zeigt die politische Rahmung, wie der Wolf als Projektionsfläche für Kontrollverlust dient.
Uri verfügt Abschussbewilligung auf Wolf
Lockerung statt Kontrolle: Jagdvorschriften 2024
Statt die Jagdpraxis zu verschärfen, lockerte der Kanton Uri 2024 die Vorschriften für die Hobby-Jägerschaft. Ausländische Staatsangehörige müssen nicht mehr zehn Jahre im Kanton wohnhaft sein, bevor sie jagen dürfen. Und der Treffsicherheitsnachweis muss nicht mehr mit der tatsächlich auf der Hobby-Jagd eingesetzten Waffe erbracht werden, sondern lediglich mit einer «jagdtauglichen» Waffe.
Psychologisch ist das ein aufschlussreiches Signal. Es zeigt, wohin die Regulierungsenergie fliesst: nicht in den Schutz der Wildtiere, sondern in die Erleichterung des Zugangs zur Hobby-Jagd. Während bedrohte Arten weiterhin bejagt werden und die Nachjagd auf trächtige Hirschkühe jährlich angeordnet wird, werden die Hürden für den Zugang zur Waffe gesenkt.
Besonders brisant ist die Lockerung des Treffsicherheitsnachweises. Wer auf der Hobby-Jagd eine andere Waffe verwendet als jene, mit der die Schiessfertigkeit nachgewiesen wurde, erhöht das Risiko von Fehlschüssen und Tierleid. Dass diese Lockerung von der Jagdverwaltung als «Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen» gerahmt wird, zeigt, wie stark Verwaltungssprache als psychologisches Glättungsinstrument funktioniert.
Kanton Uri lockert Vorschriften für die Hobby-Jägerschaft
Steinwild-Reduktionsabschüsse: Trophäenjagd mit Verwaltungsstempel
Jährlich verfügt die Sicherheitsdirektion Uri sogenannte Reduktionsabschüsse auf Steinwild. In den Kolonien Brisen, Oberalp/Tödi, Susten/Meiental und Unteralp-Guspis werden Steinböcke und Steingeissen zum Abschuss freigegeben. Die Zuteilung erfolgt nach Alter der Jagdberechtigten: Wer am ältesten ist, erhält zuerst eine Abschussberechtigung. Das Wildbret und die Trophäen gehen an die Schützinnen und Schützen.
Diese Praxis zeigt, wie dünn die Grenze zwischen «Regulierung» und Trophäenjagd tatsächlich ist. Die amtliche Verfügung verleiht dem Abschuss eine bürokratische Legitimation, doch die Struktur gleicht einem Losverfahren für ein begehrtes Jagderlebnis. Psychologisch ist das zentral: Die behördliche Rahmung entlastet die Beteiligten von moralischer Verantwortung. Man handelt nicht aus eigenem Antrieb, sondern «im Auftrag des Kantons». Diese Delegation von Verantwortung ist ein bekannter Mechanismus der moralischen Selbstentlastung.
Jagdunfälle und Jagdkriminalität: Verdrängte Realitäten
Am 7. September 2023 wurde ein 38-jähriger Hobby-Jäger im Gebiet Steinboden in der Gemeinde Spiringen von einem Querschläger getroffen und musste mit der Rega ins Spital geflogen werden. Im Kanton Uri bestehen zudem Hinweise auf Wildereiverdacht und Tierschutzverstösse, die auf der schwarzen Liste von Jagd Schweiz dokumentiert sind.
Psychologisch ist der Umgang mit Jagdunfällen bezeichnend. Sie werden als individuelle Unglücksfälle gerahmt, nicht als systemische Risiken einer bewaffneten Freizeitbeschäftigung. Die Polizei ermittelt zum «genauen Hergang», aber eine grundsätzliche Debatte über Sicherheitsrisiken der Hobby-Jagd findet nicht statt.
Alpine Identität als Schutzschild
Alle diese Beispiele fügen sich zu einem konsistenten psychologischen Muster zusammen. Die Hobby-Jagd in Uri ist keine isolierte Praxis, sondern ein Identitätssystem. Sie ist verwoben mit alpiner Selbstwahrnehmung, mit dem Bild des «Berglers», der seine Umgebung ordnet, und mit einer tief verwurzelten Überzeugung, dass diese Ordnung von aussen bedroht wird.
Kritik wird deshalb nicht als sachlicher Einwand verarbeitet, sondern als Angriff auf die alpine Lebensform. Der Mechanismus ist immer derselbe: Wer die Hobby-Jagd infrage stellt, stellt Uri infrage. Diese Gleichsetzung von Praxis und Identität macht das System ausserordentlich veränderungsresistent.
Der Kanton Genf zeigt seit 1974, dass professionelles Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd funktioniert. Dieses Modell wird in Uri nicht diskutiert, sondern ignoriert. Psychologisch ist das konsequent: Die blosse Existenz einer funktionierenden Alternative gefährdet das Narrativ der Unverzichtbarkeit.
Genfer Modell: Jagdverbot seit 1974
Uri ist kein Sonderfall, sondern ein Brennglas. In keinem anderen Kanton zeigt sich so deutlich, wie alpine Identität, politische Symbolik und jagdliche Praxis ineinandergreifen, um ein System zu schaffen, das Kritik nicht integriert, sondern abwehrt. Wer die Psychologie der Hobby-Jagd in der Schweiz verstehen will, muss verstehen, wie Uri tickt.
Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd
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