2. April 2026, 09:51

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Psychologie & Jagd

Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Nidwalden

Nidwalden ist ein kleiner Kanton mit einer grossen jagdlichen Selbstverständlichkeit. In der Innerschweiz, eingebettet zwischen Vierwaldstättersee und Voralpen, ist die Hobby-Jagd nicht nur erlaubt, sondern institutionell verankert, kulturell abgesichert und politisch unangetastet. Wer hier jagt, bewegt sich in einem System, das Kritik nicht kennt, weil sie schlicht nicht vorgesehen ist.

Redaktion Wild beim Wild — 18. März 2026

Im Kanton Nidwalden gilt die Patentjagd.

Die Abteilung Jagd und Fischerei beim Amt für Justiz ist für die Planung, Organisation und Kontrolle zuständig. Die Hochwildjagd dauert von Anfang bis Ende September, die Niederwildjagd von Mitte Oktober bis Ende November. Zwei Wildhüterinnen und Wildhüter überwachen das gesamte Kantonsgebiet. Psychologisch ist diese Dünnbesetzung relevant: Je weniger unabhängige Kontrolle, desto stärker wirkt die Selbstregulierung der Hobby-Jägerschaft und desto geringer ist der Reformdruck.

Abschussprämien: Kopfgeld ohne Gesetz

Eine der aufschlussreichsten Episoden der Nidwaldner Jagdgeschichte ist die Abschaffung der Abschussprämien. Jahrelang erhielten Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger finanzielle Belohnungen für das Töten bestimmter Wildtiere. 2021 entschied der Regierungsrat, diese Praxis zu beenden. Die Begründung war so schlicht wie entlarvend: Es existiere «keine gesetzliche Grundlage, welche diese in früheren Zeiten eingeführte Praxis heute rechtfertigt».

Psychologisch ist das ein Lehrstück in mehrfacher Hinsicht. Erstens zeigt es, wie lange rechtswidrige Praktiken bestehen können, wenn sie von einer Gemeinschaft als Tradition gerahmt werden. Niemand hinterfragte die Rechtsgrundlage, solange die Prämien als «normal» galten. Zweitens offenbart die Korrektur, dass sie nicht durch eine ethische Debatte, nicht durch Tierschutzkritik und nicht durch demokratischen Druck zustande kam, sondern durch einen internen Rechtscheck. Die Frage, ob das Töten von Wildtieren per Kopfgeld mit dem Tierschutzgesetz (TSchG) vereinbar ist, wurde gar nicht erst gestellt. Drittens zeigt die Reaktionslosigkeit der Öffentlichkeit, wie tief die Normalisierung des Tötens reicht: Ein Kanton zahlt jahrelang Prämien fürs Erschiessen von Tieren ohne gesetzliche Grundlage, und niemand bemerkt es.

Ausübung der Jagd im Kanton Nidwalden 2021–2022

Gämsrückgang: Schonung als Alibi

Ein zentrales Thema in Nidwalden ist der anhaltende Rückgang der Gämspopulation. Der Regierungsrat führte eine Limitierung ein und senkte die Abschusszahl schrittweise: von 65 auf 60 Tiere, davon nur noch 16 Gämsböcke. Pro Person darf nur noch eine Gämse geschossen werden. Die Formulierung des Regierungsrats ist dabei bezeichnend: Man «erhoffe sich, dass sich die Population wieder erholen kann».

Psychologisch ist diese Formulierung aufschlussreich: Sie drückt Hoffnung aus, nicht Gewissheit. Die Behörde weiss offenbar nicht, ob die Massnahme wirkt. Trotzdem wird weiter bejagt, wenn auch in reduziertem Umfang. Die logische Alternative, ein temporäres Jagdmoratorium auf Gämsen, wird nicht erwähnt. Warum? Weil ein vollständiger Jagdstopp das Narrativ der «nachhaltigen Nutzung» durchbrechen würde. Solange noch geschossen wird, bleibt die Hobby-Jagd als Praxis intakt. Die Reduktion ist dann keine Schutzmassnahme, sondern ein kosmetischer Eingriff, der das System am Laufen hält.

Der Gämsrückgang ist im gesamten Alpenraum dokumentiert. Die Ursachen sind vielfältig: Klimawandel, touristische Störungen, Krankheiten und die Hobby-Jagd selbst. In Nidwalden kommt ein weiterer Faktor hinzu: Der Luchs, der seit 1971 von Obwalden aus die Innerschweiz besiedelt hat, erbeutet Rehe und Gämsen. Doch anders als die Hobby-Jagd reguliert der Luchs auf ökologisch sinnvolle Weise: Er erbeutet vorwiegend schwache und kranke Tiere und reduziert den Wildverbiss an Jungbäumen nachweislich. Die Hobby-Jägerschaft betrachtet ihn dennoch als Konkurrenz, nicht als Partner.

Muttertierschutz: Regelung und Realität

In Nidwalden gilt eine Vorschrift, die auf den ersten Blick nach Tierschutz klingt: Beim Rotwild muss das Kalb vor dem Alttier erlegt werden, damit der Muttertierschutz gewährleistet bleibt. Diese Regel soll verhindern, dass Muttertiere geschossen werden, während ihre Jungtiere noch abhängig sind.

Psychologisch ist diese Vorschrift ein typisches Beispiel für ethische Kosmetik. Sie suggeriert Rücksichtnahme, lässt aber die Grundfrage unangetastet: Warum werden überhaupt Kälber geschossen? Die Vorschrift normalisiert das Töten von Jungtieren, indem sie es an eine Reihenfolge bindet. Nicht das Ob wird diskutiert, sondern das Wie. Genau diese Verschiebung von der ethischen Grundfrage zur technischen Detailregelung ist ein Kernmerkmal der Jagdpsychologie: Solange Regeln eingehalten werden, gilt die Praxis als akzeptabel, unabhängig davon, ob die Praxis selbst ethisch vertretbar ist.

Jagd-App: digitalisierte Tötungslogistik

Seit Kurzem steht den Nidwaldner Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern eine App zur Verfügung, mit der erlegte Tiere digital erfasst werden können. Die App ermöglicht eine effizientere Abnahme auf der Wildkontrolle, den Zugriff auf die persönliche Jagdstatistik über mehrere Jahre und den Download von Jagdbetriebsvorschriften. Die Abteilung Jagd und Fischerei gibt zudem eine eigene Jagdsaison-Broschüre heraus, die allen registrierten Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern zugestellt wird. Die App «erfreue sich bereits grosser Beliebtheit», heisst es offiziell.

Psychologisch ist die Digitalisierung der Hobby-Jagd ein Modernisierungssignal, das die Grundfrage verdeckt. Die App macht das Töten nicht humaner, sondern effizienter. Sie optimiert die Verwaltung des Tötens, nicht dessen Überprüfung. Dass die eigene Abschussstatistik über Jahre einsehbar ist, erzeugt ein Gamification-Element: Die Hobby-Jagd wird zur messbaren Leistung. Die Broschüre wiederum wirkt identitätsstiftend. Sie vermittelt Zugehörigkeit und Bestätigung. Man ist Teil einer Gemeinschaft, die vom Kanton persönlich angesprochen wird. All das stabilisiert das System, ohne es zu hinterfragen.

Höckerschwan-Debatte: Nidwalden als Vorreiter der Lockerung

Nidwalden spielte eine Schlüsselrolle in der nationalen Debatte um den Höckerschwan. Der Alt-Ständerat Paul Niederberger (CVP) forderte, die Hürden für eine «Regulierung» des Schwanenbestands abzubauen. Zusammen mit Obwalden beantragte Nidwalden beim BAFU die Bewilligung für Eingriffe in Schwanenbruten. Über 16’000 Personen unterzeichneten eine Petition dagegen. BirdLife Schweiz und die Alliance Animale Suisse kritisierten das Vorgehen als «ethisch und sachlich unsinnig».

Psychologisch zeigt dieser Fall, wie das Regierungsnarrativ auf immer neue Arten ausgedehnt wird. Vom Hirsch über die Gämse bis zum Schwan: Sobald ein Tier als «Problem» definiert wird, greift derselbe Mechanismus. Die Lösung ist immer dieselbe: töten, reduzieren, eingreifen. Alternative Ansätze, etwa Habitatmanagement oder Koexistenzkonzepte, werden nicht diskutiert. Der Schwan wird zum Verwaltungsfall, nicht zum Lebewesen. Die Sprache der Behörden verstärkt das: «Regulierung», «Eingriff», «Anfangsstadium der Brut». All das klingt nach Sachlichkeit und verdeckt, dass es um das Zerstören von Leben geht.

Höckerschwan soll nicht auf die Abschussliste

Innerschweizer Muster

Nidwalden ist kein Extremfall, sondern ein Prototyp. In keinem anderen Kanton wird so sichtbar, wie die Hobby-Jagd als institutionelles Selbstverständnis funktioniert: unauffällig, geräuschlos, ohne öffentliche Debatte. Die Abschussprämien ohne Rechtsgrundlage, der Gämsrückgang trotz Limitierung, die App als Modernisierungsfassade und die Schwan-Debatte als Ausdehnung des Regulierungsnarrativs fügen sich zu einem Bild zusammen: Die Hobby-Jagd in Nidwalden funktioniert nicht, weil sie überzeugt, sondern weil sie nie infrage gestellt wird.

Der Kanton Genf zeigt seit 1974, dass professionelles Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd funktioniert. Dieses Genfer Modell ist in Nidwalden kein Thema. Psychologisch ist das die wirksamste Form der Abwehr: nicht Widerspruch, sondern Nichtbeachtung. Was nicht existiert, muss nicht widerlegt werden.

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Kantonale Psychologie-Analysen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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