5. April 2026, 02:57

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Jagd

Wenn das Risiko der Hobby-Jagd zur Norm wird

In den letzten Wochen haben sich in Italien wiederholt tragische Ereignisse zugetragen: In der Provinz Belluno waren am vergangenen Wochenende gleich zwei Hobby-Jäger tödlich verunglückt. Ein 86-Jähriger bei Selva di Cadore und ein 75-Jähriger in der Gemeinde Borgo Valbelluna.

Redaktion Wild beim Wild — 22. Oktober 2025

Und das ist nur die Spitze: Seit Saisonbeginn der Jagd in der Region wurden fünf Todesfälle an fünf Wochenenden verzeichnet und unzählige Verletzte.

Auch im benachbarten Trentino ereignete sich Anfang Oktober die tragische Todes­geschichte des 39-jährigen Davide Verones.

Vor diesem Hintergrund erhebt die nationale Tierschutzorganisation ENPA in Italien lautstarke Vorwürfe gegen die Hobby-Jagd, nicht nur als gefährliche Freizeitbeschäftigung, sondern als gesellschaftlich überholte Praxis ohne echten Rechtfertigungsgrund.

Risiko im Wald für Menschen und Natur

„Bewaffnet durch die Wälder zu ziehen und Tiere von bis zu 200 Kilogramm zu erlegen, ist gefährlich“, erklärt Ivana Sandri. „Es birgt Risiken in einer natürlichen Umgebung, die Vorsicht erfordert.“ In beiden aktuellen Fällen waren Unachtsamkeit oder Ausrüstungsausfall die Ursache: Der 75-Jährige stürzte während des Abseilens eines erlegten Hirsches etwa 30 Meter in die Tiefe; die Rettung war durch Funk- und Mobilfunklöcher erschwert.

Die Organisation stellt fest: Selbst wenn Hobby-Jäger behaupten, ihre Reviere wie ihre Westentasche zu kennen, jedes Jahr kommt es dennoch zu zahlreichen, oft tödlichen Unfällen. „Wir wollen ruhigere und sicherere Wälder“, so Sandri – nicht nur für die Hobby-Jäger, sondern auch für Wanderer, Pilzsammler und Bergliebhaber.

Zeitgeist und Zweck

ENPA sieht in der Jagd heute keine gerechtfertigte Funktion mehr: „Die Jagd ist überholt. Sie ermöglicht keiner Familie oder Gemeinschaft mehr, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.“ Sie sei vielmehr ein Hobby, bei dem jährlich Hunderttausende Wildtiere ihr Leben liessen, und das in einer Zeit, in der Respekt vor Leben und Umwelt gefordert sei. Während ein Normalbürger kein Wildtier erlegen darf, seien Hobby-Jäger privilegiert, unveräusserliches Gut des Staates und damit aller Menschen zu töten.

Diese Position zielt nicht nur auf das Risiko für Menschen ab, sondern auch auf die ethische Frage: Hat die Hobby-Jagd heute noch eine Legitimation? In einer Gesellschaft, die zunehmend naturschutzbewusst denkt und tierisches Leben anerkennt, wirkt eine bewusst gewählte Tötung von Wildtieren anachronistisch.

Zeit für Konsequenzen

Die Häufung schwerer Unfälle in der laufenden Saison provoziert eine grundlegende Frage: Ist es Zeit für eine Wende in der Jagdpolitik und im Umgang mit der Jagd insgesamt?

Einige Ansatzpunkte:

  • Sinnprüfung der Jagd: Wenn die Jagd nicht mehr der Versorgung dient, muss ihr Zweck neu definiert oder hinterfragt werden.
  • Gesellschaftsvertrag: Wenn die Natur für alle da ist, wie passt da das exklusive Recht, Tiere gezielt zum Spass zu erlegen?
  • Respekt vor Leben und Natur: Braucht es eine Kultur- und Werteverschiebung, die wegkommt vom „Blutvergiessen“ hin zur Koexistenz mit Wald und Wild?

Die jüngsten Todesfälle sind weit mehr als Einzelfälle, sie sind Warnzeichen. Sie verdeutlichen, dass die Hobby-Jagd in ihrer aktuellen Form nicht nur eine riskante Freizeit­beschäftigung ist, sondern dass sie sich in einem Widerstreit zwischen Tradition und Moderne, zwischen Bewahrung und Wandel befindet.

Für die IG Wild beim Wild bedeutet das: Die Debatte über die Rolle der Hobby-Jagd im Jahr 2025 ist längst eröffnet, mit klarer Tendenz hin zur scharfen Kritik, wie sie von ENPA vorgetragen wird. Die Wälder verlangen Sicherheit und Frieden und die Gemeinschaft verlangt Sinn und Legitimität. Ob die Hobby-Jagd beides noch in ausreichendem Masse bieten kann, ist einmal mehr auch in Italien zur Frage geworden.

Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.

Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.

Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.

Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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